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"Vor vier Jahren wusste ich nicht, wie ich den Schmerz aushalten sollte" ? heute kann Silke Szymura auch wieder Glück empfinden, etwa über ihr erstes Buch.

Silke Szymuras

Als die Welt zerbrach

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Sie suchen gerade eine Eigentumswohnung, denken über Kinder nach. Dann stirbt auf einer Nepalreise Silke Szymuras Freund plötzlich. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben. Auch im Internet ist sie aktiv.

Es ist, als würde die Treppe direkt in den Himmel führen. Verwilderte Stufen, in den Hügel gehauen. Gras überwuchert den Stein. Oben wartet die World Peace Pagoda, jene buddhistische Friedenspagode in strahlendem Weiß, von der aus sich ein toller Blick übers Phewa-Tal bietet und bei gutem Wetter freie Sicht auf das Annapurna-Massiv des Himalaya. Silke Szymura ist schon zweimal in Nepal gewesen, hat sich in das kleine Land zwischen China und Indien verliebt. Auch die Friedenspagode kennt sie bereits. An diesem Morgen im März 2013 ist es ihr Lebensgefährte Julian, der erstmals mit in ihr Traumland gereist ist und nun unbedingt das Ausflugsziel auf der Anhöhe über der Stadt Pokhara erkunden möchte.

Es ist nur ein kurzer Anstieg, kein Vergleich mit den waghalsigen Trekkingtouren, die Extrembergsteiger auf die umliegenden Gipfel treiben. „Wir sind da ganz gemütlich hochgeschlurft“, sagt Szymura. Einmal scheucht der 29-Jährige seine Freundin kurz zur Seite, um die Treppe zu fotografieren. Es wird eines seiner letzten Bilder sein. Als das Frankfurter Paar die staubige Straße erreicht, die das letzte Stück zur Pagode führt, hört Szymura ihren Freund hinter sich sagen, „ich glaube, ich muss mal kurz Pause machen“. Im Umdrehen sieht sie, wie er rückwärts umkippt. Er fällt einfach um.

Viereinhalb Jahre später spricht die 35-Jährige ruhig und gefasst über jenen Moment, als sie „irgendwo tief in mir drin“ bereits wusste, „er stirbt jetzt gerade, ich glaube, es war da oben schon zu spät“ und es zugleich nicht wahrhaben konnte – „er war doch jung, gesund, am Morgen noch total voller Energie“. Als sie panisch auf Deutsch um Hilfe schrie, Julian Wasser ins Gesicht kippte und drei ukrainische Touristen, die auf Mopeds vorbeikamen, Wiederbelebungsmaßnahmen einleiteten. Als ein Auto sie zurück in die Stadt fuhr, sie ihren sterbenden Freund auf der Rückbank im Arm hielt und später endlos scheinenden Reanimationsversuchen nepalesischer Ärzte zuschaute. Als ihr schließlich jemand sagte, sie könnten nichts mehr für Julian tun.

„Meine Welt ist zerbrochen in dem Moment“, sagt Silke Szymura. „Ich saß da in diesem Krankenhaus, Julian war tot, und für mich war das Leben eigentlich mit vorbei. Dieses ganz große Glück, das gerade noch da war – alles weg.“

Nach der Reise hatten sie eine Eigentumswohnung kaufen wollen, mit einem Extrazimmer, falls irgendwann Kinder kommen. „In unserem Freundeskreis fing das damals gerade an mit den Hochzeiten.“ Nun muss sie am Telefon mit der Familie in Deutschland abklären, was mit Julians Leichnam passieren soll. Muss Sterbeurkunde und einen Obduktionsbericht beschaffen, der keine klare Todesursache enthalten wird. Wird in einem buddhistischen Kloster den Körper ihres Freundes mit einer Fackel in Brand setzen. Noch als Silke Szymura in Nepal ist, die Asche ihres Freundes im Arm auf einer Polizeiwache sitzt und auf den Obduktionsbericht wartet, wird ihr Handy klingeln und ein Lieferant aus der Heimat fragen, wann er die bestellten Schlafzimmermöbel ausliefern soll.

Im Winter 2017 sitzt in Frankfurt in einem Bockenheimer Café, unweit der Leipziger Straße, in der sie einst mit Julian lebte, dennoch keine gebrochene Frau. Silke Szymura strahlt Ruhe aus und lächelt viel. Schließt manchmal die Augen oder legt die Hand aufs Herz, wenn sie von ihrer großen Liebe erzählt, die sie nach vier Jahren Beziehung so plötzlich verlor. „Ich bin dankbar, dass ich eine so tiefe Liebe schon erleben durfte“, sagt sie. „Die Art, wie ich ihn jetzt liebe, ist frei. Er geht irgendwo weiter und ich hier. Das ist keine Liebe mehr, die ihn hier braucht.“

Das Bild von der Treppe, die in den Himmel führt, jenes Foto, das Julian vor seinem Tod knipste, liegt vor Silke Szymura auf dem Tisch. Sie hat es auf den Titel ihres Buches „Zwischen den Welten“ drucken lassen, das gerade erschienen ist. Dass sie es schreiben würde, sagt sie, sei ihr schon auf dem Rückflug aus Nepal klargewesen. Dass sie es nun in Händen hält, ihre Schrift gewordene Geschichte, das beschere ihr „krasse Glücksmomente. Und vor vier Jahren wusste ich nicht, wie ich den Schmerz aushalten sollte“.

Der Schmerz, er hatte ihr Leben lange im Griff. Dabei war der Schock des Verlusts noch in Nepal mit tiefster Menschlichkeit Hand in Hand gegangen. „Ich habe ganz viel Gutes erlebt“, sagt Silke Szymura und erwähnt die wildfremden ukrainischen Touristen, die ihr über Stunden beistanden. Ihre nepalesische Gastfamilie, die sie auffing, wie eine echte Tochter und ihr half, die Verbrennungszeremonie zu organisieren und durchzustehen. Eine in Nepal gefundene Freundin, die ihr anriet, Julians toten Körper noch einmal zu sehen - für Szymura, für die der Tod zuvor ein Tabu gewesen war, wurde dieser Moment des Abschiednehmens zu einem der wichtigsten ihres Lebens. Eine Freundin aus Kassel schließlich, die noch an Julians Todestag in Frankfurt in den Flieger sprang, um Silke Szymura in Nepal abzuholen.

„Aber zurück in Frankfurt war Julian ja immer noch tot.“ Die damals 30-Jährige zog zurück zu ihren Eltern in die Wetterau – die Wohnung an der Leipziger Straße vermochte sie über Wochen nicht zu betreten. Sie ließ sich krankschreiben und später wiedereingliedern – nur um nach einigen Monaten ihren Job als Informatikerin in einem Reiseunternehmen zu kündigen. Das Reisen, ihre große Leidenschaft, sei für sie vorerst auch gestorben. Genauso wie Julians Verlust viele kleinere Verluste im Freundeskreis nach sich zog. „Mein Umfeld hat sich komplett verändert“.

Nicht jeder konnte mit der trauernden Silke umgehen. „Ich war eine andere geworden. Ich stand am Abgrund und musste meinen Platz in der Welt erst wiederfinden. Die Zeit, die man dafür braucht, hält sich nicht unbedingt an ein Trauerjahr.“ Dazu kamen die schmerzenden gutgemeinten Kommentare, sie sei doch noch jung, sie werde wieder jemanden finden. „Das war sehr verletzend.“ Zumal Silke Szymura auch um die ungeborenen Kinder trauerte, die sie mit Julian nicht mehr würde auf die Welt bringen können.

Doch mit Hilfe einer Trauerbegleiterin und einer Trauergruppe, nach Psychotherapie und Klinikaufenthalten, auch mit erneuten Reisen nach Nepal, zu ihrer Gastfamilie und deren Pflegekindern, die sie seit Jahren mit einem Verein unterstützt, gelang es Silke Szymura Schritt für Schritt, wieder im Leben Fuß zu fassen. „Ich habe heute meinen Frieden gemacht mit der Geschichte“, sagt sie. „Die Traurigkeit ist eine Freundin geworden, die manchmal vorbeikommt. Aber das fühlt sich nicht mehr verzweifelt an.“

Sie hat erst herausfinden müssen, „wer ich bin, wenn ich nicht mehr in Trauer bin“. Und dabei geholfen hat ihr, den Tod und die Trauer als Teil des Lebens zu akzeptieren. Silke Szymura hat sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen, um anderen Menschen einen Weg durch den Schmerz weisen zu können, den sie selbst erfahren musste. Sie hat sich dem Buddhismus angenähert und arbeitet einige Stunden wöchentlich im Büro des Frankfurter Tibethauses, wo sie nach der Rückkehr aus Nepal Antworten auf viele Fragen suchte, die die buddhistische Bestattungszeremonie in ihr aufgeworfen hatte: „Was ist da geschehen? Wo ist Julian jetzt?“

Und sie hat begonnen, über die Trauer zu schreiben. Vergangenes Jahr hat sie ihren Blog „In lauter Trauer“ gestartet, ein Statement gegen die so oft verwandte Beileidsformel „in stiller Trauer“, die Trauer zu Unrecht tabuisiere. Auch Szymuras Buch „Zwischen den Welten“ soll die Trauer aus dem stillen Kämmerlein herausholen, sie als Teil des Lebens schildern, wie Szymura es in Nepal ganz selbstverständlich erlebt hat. So hat sie ihr Buch im Untertitel „eine wahre Geschichte über den Tod, die Liebe und das Leben“ genannt. Gewidmet ist es Julian.

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