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Im 18. Jahrhundert ein Verkaufsschlager: die türkische Kapelle.
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Im 18. Jahrhundert ein Verkaufsschlager: die türkische Kapelle.

Höchster Porzellanmanufaktur

Weißes Gold für fernöstliche Kunden

  • Danijel Majic
    VonDanijel Majic
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Am 17. Januar musste die Höchster Porzellanmanufaktur Insolvenz anmelden. Nun kämpft man um ihre Rettung. Ein Besuch vor Ort.

Dem Löwen fehlt der rechte Glanz. Dafür wird er erst noch einmal durchs Feuer gehen müssen. Fell und Mähne haben noch die Farbe von Milchkaffee - weit entfernt von dem strahlenden Weiß, das die weitaus meisten Erzeugnisse der Höchster Porzellanmanufaktur auszeichnet. Der Schwanz des Löwen muss auch noch angebracht, der Grat – jene wie eine dicke Naht hervorstehende Linie entlang seines Rückens, die dort entstanden ist, wo die beiden Hälften der Gussformen zusammengesetzt wurden – noch abgeschliffen werden. Sybille Bosse wird sich darum kümmern. Wie jeden Tag.

„An meiner Arbeit mag ich, dass man jeden Tag eigentlich etwas Neues erschafft“, sagt Bosse. Der Zufall will es, dass ihr Nachname an die Tätigkeit erinnert, die sie an Donnerstagvormittag ausführt: bossieren. Mit kleinen spitzen Schabern zeichnet sie die Konturen der Löwenmähne nach, klebt mit etwas Schlickermasse den fehlenden Schwanz an den Körper. Ein halbes Dutzende der hessischen Wappentiere lagert in einer grauen Kiste neben ihrem Arbeitsplatz an einem der großen Fenster im ersten Stock des Neuen Porzellanhofs an der Palleskestraße. Es ist ein konzentriertes, ein ruhiges Arbeiten. Dabei sind es alles andere als ruhige Zeiten für die Höchster Porzellanmanufaktur.

Am 17. Januar ging die Meldung nicht nur die lokale Presse in Frankfurt: Die Porzellanmanufaktur muss Insolvenz anmelden. Ende Januar versprach der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann beim Neujahrsempfang des für Höchst zuständigen Ortsbeirats 6 vollmundig: „Wir lassen nicht zu, dass sie untergeht.“

Auf den ersten Blick viel Aufhebens um einen Betrieb, der mit seinen 14 Mitarbeitern und rund 700 000 Euro Umsatz im vergangenen Jahr gerade noch so unter den Begriff „mittelständisch“ fällt. Doch in Höchst geht es dieser Tage um mehr als Wirtschaftsdaten. Es geht um Tradition.

„Das war damals im 18. Jahrhundert sehr en vogue“, sagt Geschäftsführer Jörg Köster und zeigt auf eine in die Wand eingelassene Glasvitrine im Verkaufsraum der Manufaktur. Hinter der Scheibe steht ein gutes Dutzend kleiner Porzellanfigürchen. Kinder in osmanischer Tracht, wie man sie sich vor gut 250 Jahr in Europa vorstellte: bunte Pluderhosen, überbordende weiße Turbane. Die „türkischen Kapellen“ gehörten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den großen Verkaufsschlagern der 1746 gegründeten Manufaktur. Heute dürften sich in erster Linie Sammler und Liebhaber an der barocken Üppigkeit der Miniaturen erfreuen.

Die heutige Produktpalette ist selbstverständlich viel weiter gefasst. Im Verkaufsraum steht das reich verzierte Teeservice neben bewusst schlicht gehaltenen Vasen, die einfarbigen Figuren von „Bulle und Bär“, wie man sie vom Börsenplatz kennt, neben dem Hessenlöwen mit farbigem Schild. Ein breites Spektrum, das Köster als „zeitgeistig, aber nicht modisch“ beschreibt. „Wir wollen Dinge kreieren, die die Menschen nicht nur in den nächsten zwei Jahren als schön empfinden, sondern in den nächsten zehn.“ Waren aus Höchster Porzellan schafft man sich nicht nebenbei an – schon allein aufgrund des Preises.

Die Exklusivität ist Teil des Problems. Für den alltäglichen Gebrauch ist industriell gefertigtes Porzellan deutlich günstiger zu haben. Und das edle Service, dass nur an Sonn- und Feiertagen ausgepackt wird, ist aus der Mode. Die Höchster Manufaktur hat aber noch ein anderes Problem: zu wenige eigene Vertriebswege. Der Verkauf erfolgt fast ausschließlich im Werk in der Palleskestraße. Ein Ladengeschäft in der Innenstadt an der Berliner Straße hat die Manufaktur 2014 aufgegeben. Auch in der Hoffnung, möglichst bald in die wiederaufgebaute Altstadt ziehen zu können. Deren Fertigstellung verzögerte sich allerdings. Jetzt funkt die Insolvenz dazwischen.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass die Manufaktur in ihrer 272-jährigen Geschichte in eine Schieflage gerät. Bereits 1796 meldete sie das erste Mal Konkurs an. Erst 1947 wurde die Porzellanherstellung in Höchst auf Betreiben des Journalisten Rudolf Schäfer wiederbelebt, 1963 war zunächst wieder Schluss. Zwei Jahre später wurde die Manufaktur noch einmal neugegründet, mit der Farbwerke Hoechst AG und dem Frankfurter Bankhaus Koch, Lauteren & Co. als jeweils hälftigen Anteilseignern. Den Anteil von Koch, Lauteren & Co. übernahm später die Dresdner Bank.

Farbwerke und Dresdner Bank waren zugleich die Hauptkunden der Manufaktur; Höchster Porzellan verschenkten sie gerne an langjährige Kunden und Geschäftspartner. Um den Verkauf musste man sich in der von 1977 bis 1996 im Dahlberger Haus in der Höchster Altstadt ansässigen Betrieb keine Gedanken machen. Das rächte sich, nachdem zuerst die Farbwerke und schließlich 2001 auch die Dresdner Bank ausstiegen.

„Der Markt wandelt sich natürlich“, sagt Köster, während er im Konferenzraum im obersten Stock des Neuen Porzellanhofs Platz nimmt. Vielleicht etwas zu schnell für seine Manufaktur. Seit 17 Jahren ist Köster Geschäftsführer, eine Arbeit, von der er selbst sagt, dass sie auch einen „ideellen Charakter“ habe. Auch unter seiner Ägide war die Manufaktur schon in schwierigen Situationen. Am Ende hat es dann doch immer gereicht. Bis Anfang dieses Jahres das Geld ausging.

Auf dem Schreibtisch im Konferenzraum steht ein kleiner Ständer mit Broschüren, von deren Titelblatt dem Betrachter chinesische Schriftzeichen ins Auge fallen. Ein Hinweis auf den Markt der Zukunft. In China, wo das Porzellan erfunden wurde, sei die Herstellung bereits „durchindustrialisiert“. Aber „Handmade in Germany“, sagt Köster, „das zählt da was“. Und natürlich Tradition. „Höchst since 1746“ steht auf den Broschüren zu lesen.

Tatsächlich hat Köster bereits vor einigen Jahren den Einstieg in den asiatischen Markt gesucht. Mit beschränktem Erfolg. Die Höchster Porzellanmanufaktur braucht einen Partner mit entsprechenden Vertriebsnetzen. Den zu finden, fällt nun in den Aufgabenbereich von Insolvenzverwalter Frank Schmitt. Mit 75 potenziellen Investoren hätten er und seine Mitarbeiter bereits Kontakt gehabt. Am Ende blieben, wie üblich, nur eine handvoll ernsthafter Kandidaten übrig. Spätestens im März soll es so weit sein. An jemanden, der nur die Marke kaufen, aber nicht den Standort Höchst erhalten wolle, habe man eigentlich kein Interesse betont Schmitt. „Es geht ja hier um mehr. Es geht um das Know-how der Mitarbeiter.“

Gemeint ist die Expertise von Menschen wie Steffen Taubhorn. Mit feinen Pinselstrichen lässt er in seinem kleinen Atelier den Schild des Hessenlöwen farbig werden. 16 Stunden hat die Figur zuvor im 1400 Grad heißen Ofen verbracht, fast ein Fünftel an Masse verloren. Taubhorn verleiht ihr den letzten Schliff. Danach wird sie auf Reise gehen – vielleicht, wie so oft, als Gastgeschenk der hessischen Landesregierung. Vielleicht ja bis nach China.

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