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Weinlese in Hessen: Gute Tropfen, rare Tropfen

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Hier am Lohrberg wächst ein Teil dessen, was das Frankfurter Weingut verarbeitet, der andere Teil in Hochheim am Main.
Hier am Lohrberg wächst ein Teil dessen, was das Frankfurter Weingut verarbeitet, der andere Teil in Hochheim am Main. © christoph boeckheler*

Der Wein des Dürrejahrgangs 2022 könnte exzellent werden – aber allzu viel wird es nicht davon geben, weil der Regen fehlt.

In Frankreich haben sie schon angefangen, in Italien haben sie schon angefangen, auch in Franken und anderen Weinregionen sind schon Winzer dabei, die Trauben zu lesen – und in Hessen geht es demnächst los. Grund der Eile ist der trockene und heiße Sommer. Aber eigentlich geht es gar nicht so sehr um fehlendes Wasser. Es geht beim besonders frühen Ernten im Jahr 2022 eher um die Qualität des Weines. Und die dürfte allen Widrigkeiten zum Trotz ganz ordentlich werden.

„Auf dem Lohrberg sieht es sehr gut aus, weil er das Wasser besser verträgt als unsere Hochheimer Weinberge“, sagt Jürgen Rupp, Juniorchef des zweigeteilten Frankfurter Weinguts mit seinen Lagen in Seckbach und im Main-Taunus-Kreis.

Sehr gut? Aber es hat wochen-, ja praktisch monatelang keinen Tropfen geregnet. Wie kann es für den Wein sehr gut aussehen? Der braucht doch Flüssigkeit! Die Riesling-Reben seien einfach nur mit dem Überleben beschäftigt, sagt Rupp, das stimme schon. Nur zwei Laubschnitte in diesem Sommer; sonst seien es schon mal vier gewesen. Aber: „Auf dem Lohrberg haben wir sandigen Lößboden, und die Wurzeln gehen bis zu drei Meter tief“, sagt Rupp. Darauf kommt es an: auf das Wasser im Boden, besonders, wenn wenig Regen fällt. In Hochheim dagegen wurzelten die Reben nur bis zu zwei Meter tief im kräftigen Untergrund. „Da sind sie ein bisschen verwöhnt.“ Doch je tiefer, desto größer die Chance, an der Quelle zu bleiben, wenn es rundherum trocken wird. Außerdem tue die Sonne dem Lohrberg-Wein, einst mit allzu viel Säure gesegnet, durchaus gut.

Schmecken wird er also, der Frankfurter Wein, aber viel wird es nicht sein. Rupp rechnet mit der Hälfte des Ertrags vom Vorjahr, denn letztlich fehlt eben doch die Flüssigkeit. Wie sieht es mit Gießen aus? Könnte das nicht helfen? „Wo soll das Wasser herkommen?“, fragt der Winzer. Alle müssten Wasser sparen, den Menschen sei der behutsame Umgang mit dem knapper werdenden Nass befohlen, „und wir müssten ja Zehntausende Liter in die Weinberge fahren, das funktioniert nicht“, weder technisch noch moralisch. Außerdem: „Man darf den Wein nicht zu sehr verwöhnen, er soll ja tief wurzeln“, sagt Rupp. Wenn von oben zu viel Wasser kommt, spart sich die Wurzel den Weg bis ganz in die Tiefe, wo die Besonderheit steckt, der Charakter des Weins. „Man soll ja auch das Mineralische schmecken.“

Das sind Grundsätze, die auch die Hochschule in Geisenheim ihre angehenden Winzerinnen und Winzer lehrt. Zu Jahresbeginn hätten sich die Reben noch rasch entwickelt, dann aber verlangsamte die Trockenkrise alles, sagt Manfred Stoll, Leiter des Instituts für allgemeinen und ökologischen Weinbau an der Hochschule. „Es ist ein Jahr, in dem man auf die Säurewerte achten wird“, sagt er. Die Säure werde bei anhaltender Trockenheit schneller abgebaut; da muss der Zeitpunkt der Lese genau abgepasst werden. Am 5. September soll es im Rheingau losgehen mit den Trauben für Sekt und Wein.

Allgemein müssten die Winzer „kleinere Brötchen backen“, sagt Stoll, also mit geringerer Saftausbeute zurechtkommen. Durch die Dürre gefährdet seien vor allem die jungen Reben bis zum fünften oder siebten Standjahr, weil sie noch nicht tief genug wurzeln. Die Probleme, wenn der Regen fehlt, begännen schon vor der Traubenreife, also beim Bilden der Triebe am Weinstock. Gegenüber dem Durchschnitt des vorigen Jahrzehnts fehle inzwischen statistisch die Niederschlagsmenge, die früher in einem ganzen Jahr fiel. Ein ungeheurer Rückgang. „Es wird schwieriger werden, die Wasserzufuhr zu gewährleisten“, sagt der Hochschulprofessor.

Am 6. oder 7. September will das Frankfurter Weingut in Hochheim lesen, Ende September oder Anfang Oktober dann auf dem Lohrberg. Winzer Rupp hofft, dass es bis dahin doch noch messbaren Regen gibt, damit die Beeren ein wenig größer werden. „Wir sind früh dran, aber nicht so früh wie vor zwei Jahren“, sagt er.

Sorgen um den Wein der Zukunft? „Noch kommen wir gut zurecht“, sagt Rupp, auch wenn vieles umgestellt werden müsse. Kühlmaschinen brauche es etwa im Keller. „Aber ein Winzer denkt in Generationen – der Lohrberg gewinnt sogar durch den Klimawandel.“ Paradox. Zwei Goldmedaillen habe der originale Frankfurter Tropfen bei der Landesprämierung gewonnen und eine silberne. Wenn das nichts ist.

Auch der Geisenheimer Professor Stoll ist weit entfernt davon, in Pessimismus zu machen. „Die Arbeit mit der Natur stellt uns täglich vor neue Herausforderungen“, sagt er. Der Weinbau sei schon immer Extremen ausgesetzt gewesen: mal extreme Spätfröste, mal Hagel, mal zu wenig, mal zu viel Regen. Das könne übrigens jederzeit auch wiederkommen: Starkregen, der zur „Turbo-Ernte“ zwingt, ehe die Beeren platzen. Aber die Branche habe schon so viel gemeistert, sagt Stoll, diese Trockenphase sei jetzt garantiert nicht das Ende des deutschen Weines.

Da geht noch was bei der Größe der Beeren – falls es mal regnet.
Da geht noch was bei der Größe der Beeren – falls es mal regnet. © christoph boeckheler*

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