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Weil es so hart war ...

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Von: Danijel Majic

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Rappten sich in die Herzen pubertierender Jungs: Moses P. (vorne) und Thomas H., alias RHP.
Rappten sich in die Herzen pubertierender Jungs: Moses P. (vorne) und Thomas H., alias RHP. © Imago

Diss-Tracks, eine öffentliche Fehde mit den Fanta Vier und Prügeleien in der Batschkapp - das "Rödelheim Hartreim Projekt" bot das Kontrastprogramm zum deutschen Hip-Hop der 90er.

Eine verstopfte Landstraße in Süditalien, irgendwo zwischen Taranto und Bari. Spätsommer 2013.

„Wie? Du kannst nicht rappen? Jeder kann rappen!“

Sarah blickt mich vom Beifahrersitz aus skeptisch an.

„Okay. Wir fangen ganz leicht an: Wir sind durch’s Wasser gegangen und nicht nass geworden! Ihr habt uns zwanzig Mal gesteinigt und wir sind nicht gestorben. Wir haben im Kühlschrank ...“

„Was soll das sein?“

„Was schon? RHP!“

Drei Buchstaben, ein Akronym. Laut Wikipedia die offizielle Abkürzung für einen rheinland-pfälzischen Regierungsbezirk, einen Flughafen in Nepal und einen Begriff aus dem Hindu-Tantra. Doch wer in den 90ern in Frankfurt aufgewachsen ist, für den stehen die drei Buchstaben nur für eines: Rödelheim Hartreim Projekt.

1994: Auf den Schulhöfen von Frankfurt macht eine CD die Runde. Darauf zwei junge Männer, die auf einer Couch rumlümmeln und den Betrachter aggressiv-herausfordernd anblicken. „Direkt aus Rödelheim“, lautet der Titel.

Moses P. (Pelham), 23 Jahre jung, hat sich bereits seine ersten Sporen als Produzent verdient und einen schlechten Ruf auf Frankfurts Straßen. RHP ist eigentlich sein Projekt. Ursprünglich aber sollte der Zweite im Bunde, Thomas H. (Hofmann), alleine rappen. Am Ende sind doch beide auf dem Debütalbum zu hören. Und wie.

„Ein harter Ort, ein hartes Wort“, heißt es im ersten Lied des Albums. Der Ort: Rödelheim, Frankfurter Stadtteil, der in den Folgejahren von diversen Medien unbesehen zum „Vorstadtghetto“ erklärt wird. „Steck Deinen Dödel“ ein, rät RHP einem nicht näher benannten Gegner.

Diss-Tracks, eine öffentlich zelebrierte Fehde mit den Fantastischen Vier, Prügeleien in der Batschkapp, jede Menge in Reimform gepresste Vulgaritäten und eine ungeschönte, im Frankfurter Straßenslang vorgetragene Aggressivität. Kontrastprogramm zum eher harmlosen deutschen Hip-Hop jener Tage. Ein Traum für pubertierende Jungs. Und für die Sensationspresse, die versucht, die beiden Frankfurter Rapper in die Nähe von Rechtsradikalen zu rücken. Wegen der Glatzen, einem Sample aus der Sportpalast-Rede von Goebbels und wegen des Namens Hofmann - war das nicht der Typ mit der Wehrsportgruppe? Am Erfolg ändert das nichts: 160 000 Mal verkauft sich „Direkt aus Rödelheim“ im ersten Jahr.

„Du garantierst für Scheiße wie die Werbung von Goede, wir haben beide was von Kelly Bundy - ich bin geil und du bist blöde!“

Jetzt verdrehe ich die Augen.

„Och Sarah! Das ist Rap, kein Aufsatz. ‚Ich bin geil und du blöde‘. Ein bisschen verschleifen. Verben verschlucken! Und sei mal aggro! Kannst du doch!“

40 Kilometer bis Bari. Wir haben noch Zeit.

RHP ist eine Erfolgsgeschichte. Eine kurze. 1995 folgt das Konzertalbum „Live aus Rödelheim“, ein Jahr später das zweite Studioalbum: „Zurück nach Rödelheim“. Das Musikvideo zur Single „Höha, schnella, weita“, läuft auf Viva in Heavy Rotation, schafft es in den Charts auf Platz 30. Im dazugehörigen Video kreist ein Hubschrauber mit RHP-Logo. Bei der zweiten Single-Auskopplung „Türkisch“ ist es schon ein ganzer Airbus.

Es sind die 90er. Pelham Power Productions (kurz: 3P), die Produktionsfirma mit Sitz in der Rödelheimer Fuchstanzstraße, macht gutes Geld. Da darf ein Musikvideo auch in Deutschland schon mal 200 000 Mark kosten. Heute sind Künstler dankbar, wenn sie dafür 5000 Euro ausgeben dürfen.

RHP ist eine Marke. Doch andere heiße Eisen aus dem Stall von 3P sind bereits dabei, dem „Projekt“ den Rang abzulaufen: Sabrina Setlur alias Schwester S., die bereits auf dem Debütalbum von RHP mitrappte. Xavier Naidoo, der Vocals zur Single „Reime“ beisteuerte.

Ende der 90er Jahre kracht es. Erst 1997 zwischen Moses Pelham und TV-Moderator Stefan Raab, dessen Nase bei einem zufälligen Zusammentreffen arg in Mitleidenschaft gezogen wird. 40 000 Mark Strafe und 10 000 Schmerzensgeld. Pelham zahlt es aus der Portokasse.

Dann kracht es zwischen Pelham und Hofmann. Der Streit ist war nicht handgreiflich, aber das Zerwürfnis endgültig. Über die Gründe schweigen sich Pelham und Hofmann bis heute aus. Und schließlich kracht es zur Jahrtausendwende in der Musikindustrie: das Internet, illegale Downloads. Die Zeiten des einfachen Geldmachens sind vorbei.

So, und jetzt richtig ausspucken!“

„Wir sind ein DORN, im Auges unsres ... FEINDES, weil jedes Wort wahr war und außerdem gereimt ist. Scheint es wie ZAUBEREI, ZAUBEREI ...“

„Na, also, Sarah! Das wird was bis Bari.“

Langer Streit mit Xavier Naidoo

In den folgenden Jahren sind es weniger die musikalischen Erfolge mit Bands wie „Glashaus“ und den eigenen Alben, mit denen 3P und Moses Pelhams Rap für Schlagzeilen sorgen. Ein langer Rechtsstreit mit dem Ex-Protegé Xavier Naidoo um Verwertungsrechte, und eine von ihm mitgegründete Abmahnfirma rücken Pelham ins Zwielicht. Die Tage des bundesweiten Ruhms sind verflogen. Doch auf den Bühnen im Rhein-Main-Gebiet ist Pelham weiterhin präsent.

Thomas Hofmann hat sich aus dem Musikgeschäft verabschiedet und betreibt stattdessen eine Firma für möbliertes Wohnen – Firmensitz ist nach wie vor die Villa in der Rödelheimer Fuchstanzstraße, in deren Briefkasten in den 90ern unzählige selbst aufgenommene Tapes von Nachwuchsrappern landeten.

Es ist ruhiger geworden, um Moses Pelham. Er ist ruhiger geworden. Seit einiger Zeit lebt er vegetarisch. Seine Musik ist nach wie vor energiegeladen, getrieben vom eigenen Seelenleben – aber die Aggressivität hat sich irgendwo auf dem langen Weg verflüchtigt.

Nun also die Goetheplakette. Warum? Vielleicht gibt „Höha, Schnella, Weita“ auch nach 21 Jahre noch die passende Antwort:

„Ich bin ne lebende Legende und wär schon längst in Rente, wenn ich nur jemanden fände, der den Job machen könnte. Denn am Ende, da muss es einen geben ...“

Wir wissen es nicht genau. Aber wir schätzen, es ist Moses Pelham.

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