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Gast Klaus Schmitz freut sich über das leckere Essen und den Schokoladen-Nikolaus. Foto: Michael Schick.

Frankfurt

Frankfurt: Promis verteilen 750 Gänsekeulen für die Armen der Stadt

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Bernd Reisig hat 600 Menschen zum Weihnachtsgans-Essen in den Ratskeller des Römers eingeladen. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und Reality-TV-Promi Gina-Lisa Lohfink servieren.

Maria (61) steht mit einem alten Kinderbuggy, den sie als Rollator-Ersatz nutzt, ganz vorne vor den Türen des Ratskellers im Frankfurter Römer. Hinter ihr bildet sich an diesem kalt-nebligen Donnerstagnachmittag langsam eine Schlange.

Schon eine Stunde vor Einlass ist sie gekommen. „Ich habe im Fernsehen seit Jahren verfolgt, dass es hier das Weihnachtsgans-Essen für Arme gibt. Dieses Jahr habe ich gedacht: „Ich probiere das auch mal aus. Ich freue mich am meisten auf die Wärme, das Zusammensein und die Gänsekeule. Denn Fleisch kann ich mir nicht leisten“, sagt sie.

Im Monat habe sie 300 Euro zum Leben. „Ich habe jahrelang meine Mutter gepflegt, und ich bin chronisch krank“, erzählt sie. Ach ja, und dass Prominente sie gleich bedienen, findet sie auch schön. „Claudia Roth ist immer gut. Nur schade, dass die Uschi Glas diesmal nicht dabei ist, die mag ich so.“ Sie lacht los. Ihr fehlen ein paar Zähne.

Auch Eintracht-Legend Charly Körbel serviert

Es ist bereits das achte Mal das Medienmanager Bernd Reisig mit seiner Stiftung „helfen helfen“ und zahlreichen Sponsoren Wohnungslose und andere arme Menschen zum Weihnachtsgans-Essen im Ratskeller des Römers. einlädt.

Gina-Lisa Lohfink engagiert sich ehrenamtlich nicht nur zur Weihnachtszeit. Foto: Michael Schick

Eine wilde Mischung an 40 Prominenten serviert in zwei Schichten: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, Polizeipräsident Gerhard Bereswill, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, Eintracht-Legende Charly Körbel, dazu Ex-Dschungelcamp-Teilnehmer, Designer und It-Boy Julian F.M. Stoeckel. „Die Armut wird in dieser reichen Stadt immer ein größeres Thema“, sagt Organisator Reisig. 600 arme Menschen folgen der Einladung. Darunter viele, die wie Andreas (57) mal auf der Straße und jetzt im Wohnheim leben. „Ich mag alles hier: Die Weihnachtsmusik, die Begrüßung und das warme, leckere Essen. Im Alltag reicht mein Geld nur für Ravioli aus der Dose.“

Frankfurt und die Gänse: Zwischendrin gibt es auch Autogramme

An diesem Abend gibt es 750 Gänsekeulen, 100 Liter Soße, 1500 Klöße, 150 Kilogramm Apfelrotkohl. „Wir haben die ganze Nacht durchgekocht“, erzählt Christian Dressler von der Lohrberg-Schänke.

OB Feldmann sagt bei seiner Rede: „Niemand muss sich in dieser Stadt, weil er obdachlos ist, verstecken.“ Doch es gibt auch welche, die sich für ihre Armut schämen. Drei Freundinnen, die gekommen sind, wollen nicht, dass sie gefilmt werden. Zwei von ihnen sind Akademikerinnen, die durch Arbeitslosigkeit in die Armut gerutscht sind. „Ich habe mir extra ein Kopftuch und eine Sonnenbrille aufgesetzt. Meine Nachbarn würden mich sonst diskriminieren, wenn sie mich im Fernsehen erkennen und erfahren wie arm ich tatsächlich bin“, sagt Karin (60).

Die Bilder: Gänsekeulen für die Armen

Weihnachtsessen mit Gänsebraten, Klößen und Rotkraut. Viele der Gäste können sich Fleisch im Alltag nicht leisten.
Weihnachtsessen mit Gänsebraten, Klößen und Rotkraut. Viele der Gäste können sich Fleisch im Alltag nicht leisten.  © Michael Schick
Eva Rüther von den Jacob-Sisters hilft seit Jahren mit.
Eva Rüther von den Jacob-Sisters hilft seit Jahren mit. © Michael Schick
Organisator Bernd Reisig hilft zum achten Mal.
Organisator Bernd Reisig hilft zum achten Mal. © Michael Schick
Nancy Faeser von der SPD ist auch dabei.
Nancy Faeser von der SPD ist auch dabei. © Michael Schick
Bundestag-Vizepräsidentin Claudia Roth sagt, es ginge ihr um Herzenswärme.
Bundestag-Vizepräsidentin Claudia Roth sagt, es ginge ihr um Herzenswärme. © Michael Schick
Reality-TV-Star Julian F. M. Stoeckel serviert mit viel Freude.
Reality-TV-Star Julian F. M. Stoeckel serviert mit viel Freude. © Michael Schick
Gastronom Eddy Hausmann (li.) dirigiert, FR-Chefredakteur Thomas Kaspar serviert.
Gastronom Eddy Hausmann (li.) dirigiert, FR-Chefredakteur Thomas Kaspar serviert. © Michael Schick

Melanie (27) wollte eigentlich nicht kommen: „Das ist doch alles nur Show, bei der sich die Promis profilieren wollen. Sonst interessieren sie sich doch auch nicht für uns. Der einzige Grund, warum ich hier bin, ist, weil ich wirklich Hunger habe.“

Frankfurt: Chefredakteur Thomas Kaspar zum ersten Mal dabei

Claudia Roth rennt derweil durch die Gänge und serviert, während das Saxophon-Quintett des Bundespolizeiorchesters München Weihnachts-Musik spielt. „Wer hat noch nicht?“, ruft sie. Zum dritten Mal ist sie dabei. „Manchmal sagen mir die Menschen, dass sie meine Politik gut finden. Das freut mich natürlich. Aber heute geht es nicht um Politik, sondern um Herzenswärme.“ Eva Rüther von den Jacob Sisters läuft derweil mit einem Tannenbaum-Kopfschmuck von einem zum anderen Tisch.

Ein Autogramm zwischendrin schreibt Eintracht-Legende Charly Körbel. Und zwar direkt auf die Trainingsjacke eines Gastes. „Seit Jahren bin ich schon beim Obdachlosen-Essen dabei. Seitdem achte ich auch im Alltag mehr darauf, wenn ich arme Menschen auf der Straße sehe. Wenn jemand keine Jacke hat, habe ich ihm schon meine Eintracht-Jacke geschenkt oder Schuhe gebracht.“ Zum ersten Mal als Kellner dabei ist FR-Chefredakteur Thomas Kaspar: „Das ist einfach so schön in die strahlenden Gesichter der Gäste zu sehen“, sagt er und holt die nächsten Teller.

Gina-Lisa Lohfink überrascht mit roten Haaren

Auch zum ersten Mal dabei ist Gina-Lisa Lohfink (33), die einst bei Germany’s Next Topmodel bundesweit berühmt wurde und jetzt immer wieder in Reality-TV-Formaten dabei ist. Seit kurzem ist die Hessin rothaarig. „Ich bin keine Politikerin. Aber ich habe Herz und will helfen“, sagt sie. Und zwar nicht nur zu Weihnachten. So engagiere sie sich auch schon lange für krebskranke Kinder. „Meine Oma ist an Krebs gestorben.“

Der Reality-TV-Promi und Neu-Sänger F.M. Stoeckl („Wodka für die Königin“) erzählt, dass er schon seit Jahren bei Franks Zanders Obdachlosen-Essen in Berlin dabei sei. In Frankfurt ist es sein erstes Mal. Er sagt, er habe keinerlei Berührungsängste: „Man darf niemanden abwerten, schließlich kennt man die Schicksale dahinter nicht“, sagt er. Beim Servieren hat er immer seine weiße, kleine Handtasche umhängen. „Eine Lady hat immer ihre Handtasche dabei“, sagt er und lacht. Was ist drin? „Mein Handy, Make-Up und Autogrammkarten. Die gibt es aber erst, wenn alle satt sind“, sagt er und lacht.

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