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Frank Junker ist Chef der ABG Frankfurt Holding.

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„Wegen Corona setzen wir niemanden vor die Tür“

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Der Chef der Frankfurter ABG spricht im Interview über den Verzicht auf Mieterhöhungen, die Auswirkungen auf Bauprojekte und den finanziellen Schaden für die Wohnungsgesellschaft.

Frank Junker ist Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding. Dem Wohnungs- und Immobilienkonzern der Stadt Frankfurt gehören 52 500 Wohnungen, aber auch Gewerbeflächen, Parkhäuser und Bürgerhäuser.

Herr Junker, melden sich schon viele Mieter, die nun wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit in Probleme kommen?
Bisher melden sich vor allem Gewerbetreibende, die nun ein Problem haben, die Miete zu zahlen. Wir kommen ihnen entgegen, in dem wir die Mieten stunden und Ratenzahlungen vereinbaren.

Es ist abzusehen, dass auch viele Wohnungsmieter in finanzielle Schwierigkeiten geraten.
Ja. Wir haben schon angekündigt, dass wir in der Krise keine Kündigungen aussprechen wollen. Wegen Corona setzen wir niemanden vor die Tür. Uns ist sehr wichtig, den Mietern wenigstens diese Angst zu nehmen.

Verzichten Sie nur auf Kündigungen für Mieter, die nun in Zahlungsverzug kommen, oder nehmen Sie gar keine mehr vor?
Im Einzelfall können wir auch weiterhin Kündigungen aussprechen, etwa wenn ein Mieter den Hausfrieden massiv stört, in dem er zum Beispiel Nachbarn bedroht. Von Räumungsklagen sehen wir in der jetzigen Situation aber in der Regel ab.

Viele Mieter, die nun arbeitslos werden, dürften Probleme haben, die Mieten später zurückzuzahlen.
Deshalb raten wir unseren Mietern auch, jetzt trotzdem so viel wie möglich an Miete zu zahlen, damit der Schuldenberg nicht zu hoch wird. Wenn sie sich zugleich noch darum bemühen, selbst die Unterstützungsleistungen zu erhalten, die der Bund angekündigt hat, können wir gemeinsam die Krise meistern.

Wohnungswirtschaft und Mieterverbände fordern einen „Sicher-Wohnen-Fonds“. Was halten Sie davon?
Ich halte das für eine sehr berechtigte Forderung. Nicht jeder Mieter, der jetzt in Probleme kommt, wird Anspruch auf Wohngeld oder auf ergänzende Sozialhilfe haben. Wenn Mieter nicht zahlen können, wird das vor allem Kleinvermieter mit ein oder zwei Wohnungen für die Altersversorgung hart treffen.

Die ABG verzichtet zunächst auf Mieterhöhungen. Sind auch Reduzierungen von Mieten ein Thema? Zum Beispiel für Haushalte, die Anspruch auf eine Sozialwohnung hätten?
Nein. Das können wir nicht leisten. Dafür gibt es Wohngeld oder ergänzende Sozialhilfe. Aber wir verzichten auf Mieterhöhungen und werden Mieten stunden, wenn Mieter glaubhaft darlegen können, dass der Grund ihrer Zahlungsschwierigkeiten in der Corona-Krise liegt.

Die Nassauische Heimstätte nimmt wegen der Corona-Krise schon keine Innenmodernisierungen mehr vor. Wie halten Sie das?
Wir haben alle Maßnahmen gestoppt, die mehrere Mieter zugleich betreffen, wo wir etwa an fünf übereinander liegenden Wohnungen die Ver- und Entsorgungsleitungen erneuern müssen. So eine Sanierung ist zurzeit kaum durchführbar, weil es Mieter gibt, die derzeit keine Handwerker mehr in die Wohnung lassen wollen, weil sie aus verständlichen Gründen Angst haben. Es gibt aber auch Arbeiten, die wir weiterhin ausführen müssen, zum Beispiel, wenn wegen eines technischen Defekts Gefahr für Leib und Leben besteht.

Was ist, wenn etwa der Rauchmelder ausgetauscht werden soll?
Da gibt es gesetzliche Vorgaben. Es ist eminent wichtig, dass er funktioniert. Aber auch hier vereinbaren wir mit Mietern, die partout nicht wollen, dass zurzeit jemand in die Wohnung kommt, neue Termine.

Sie haben Hunderte Wohnungen in Bau oder Planung. Verzögern sich wegen der Krise die Projekte nun alle?
Im Moment laufen die Großbaustellen noch nach Plan, derzeit gibt es keine Verzögerungen. Das kann sich allerdings ändern, wenn zum Beispiel ein Zulieferer keine Materialien mehr aus dem Ausland bekommt. Ein noch größeres Problem gäbe es, wenn etwa Arbeitnehmer aus Osteuropa über Ostern nach Hause fahren – und danach nicht mehr zurück kommen, weil sie nicht mehr über die Grenzen gelassen werden. Dann würden die Baustellen still stehen.

Wenn die Krise und die Beschränkungen weiter anhalten, gefährdet das also Ihre Abläufe sehr?
Ja, dann könnte es Verzögerungen bei den Fertigstellungen und beim Beginn von Bauprojekten geben.

Wir stark trifft die Krise die ABG schon wirtschaftlich?
Massiv. Wir werden in diesem Jahr einen nennenswerten Millionenschaden an Ausfällen haben. In den Bürgerhäusern, die von der Saalbau bewirtschaftet werden, gibt es keine Veranstaltungen mehr. Dort ruht der Betrieb zu 100 Prozent. In unseren sonst sehr stark frequentierten Parkhäusern parkt zurzeit so gut wie niemand. Auch unsere Planungsabteilung hat ein Problem, weil zum Beispiel die Stadt Frankfurt ihre Tiefbauarbeiten eingestellt hat. Es nehmen Aufträge ab, andere sind zurzeit nicht umsetzbar. Die Beschäftigten müssen aber weiter entlohnt werden.

Kann es soweit kommen, dass Sie für die ABG Kurzarbeit beantragen müssen?
Hier gilt die Maxime: Ich werde keine Kündigungen aussprechen. Und bevor wir zu Kurzarbeit kommen, müssen wir über andere Maßnahmen nachdenken, die wir dann aber erst mit dem Betriebsrat klären.

Interview: Christoph Manus

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