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Carsten Knott geht, Bonobo-Dame Kamiti sagt Adieu.

Zoo Frankfurt

Carsten Knott verlässt nach 40 Jahren den Frankfurter Zoo

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Carsten Knott, der Herr über den Borgori-Wald, verlässt nach 40 Jahren den Frankfurter Zoo mit dem Ziel Neuseeland.

Der Chef im Borgori-Wald hat’s gern warm. Das hilft, wenn man häufig in dem tropisch geheizten Affenhaus des Frankfurter Zoos zu tun hat. An seinem neuen Arbeitsplatz wird sich Carsten Knott wohl umgewöhnen müssen. Im neuseeländischen Christchurch hat es im Sommer meist nur so um die 20 Grad.

Seltsame Vorstellung, dass der Revierleiter der Menschenaffen bald nicht mehr da ist. Am Sonntag steigt der 56-Jährige mit seiner Frau ins Flugzeug und weg sind sie, am anderen Ende der Welt. „Es war einfach eine sensationell gute Gelegenheit“, sagt er. Eine Einmal-im-Leben-Chance. In Christchurch wird Knott Manager for Animal Science and Welfare Projects – eine Art Tierschutzprojektentwickler über alle Arten hinweg. „Das ist dann deutlich breiter gefächert als meine Aufgabe hier.“

Wobei er hier, in Frankfurt, durchaus nicht nur der Chef der Affen war. Einst, in den 90ern, war er auch schon mal der „Karton-Knott“, wie die FR schrieb, weil er sich viel Unterhaltsames für seine Tiere einfallen ließ. Kartons zum Spielen. Und vieles mehr. „Ja, da gab es ein paar witzige Sachen“, sagt er.

Was ist los, Bonobos?

Die Sache mit dem Katzenklo etwa. Als Helge Schneiders Lied dauernd im Radio lief, trällerte Knott es bei der Arbeit – und kam auf eine Idee. Zwei Bäume, eine Schubkarre Sand, fertig war das Katzenklo. Für die Löwen. Dem Direktor, damals Christoph Scherpner, gefiel’s, den Löwen gefiel’s auch, und am nächsten Tag hatten alle Großkatzen ihr Klo. Damals gab es noch jede Menge von ihnen, auch Panther, außerdem Hyänen. „Die fanden das gut. Und wir mussten nur noch jeweils eine Ecke saubermachen.“ Da ging es um Anlagen mit Fußböden aus Kunststoff und Edelstahlelementen. Im heutigen Katzendschungel des Zoos, auf dem Naturboden, sind die Klos nicht mehr notwendig.

Mit sechs Jahren wusste Carsten Knott, dass er Tierpfleger im Frankfurter Zoo werden wollte. Später, als die Familie die Fußball-WM 1974 schaute, brachte er lieber seinen Katzen das Kicken bei und sah ihnen dabei zu. Mit 15 machte er sein erstes Praktikum im Tierpark, 1978 war das, und schon bald durfte er im Tierkinderhaus bei der Handaufzucht der Jungen mithelfen, als erster männlicher Mitarbeiter.

Nach der Tierpflegerlehre arbeitete Knott mal hier im Zoo, mal da, eine Weile im Exotarium, was ihn nicht sonderlich faszinierte. „Tiere müssen reagieren, wenn man sie anschreit“, sagt er trocken. Und grinst. Anschreien gehört natürlich nicht zu den Umgangsformen des Revierleiters. Er brachte den Seehunden Kunststücke bei, spielte Fußball mit dem Nashorn Kalusho …

Moment: Er spielte Fußball mit dem Nashorn Kalusho? „Das hat er gern gemacht“, sagt Kalusho. Neiiiin, das sagt natürlich Carsten Knott. „Ich glaube es jedenfalls. Er hat versucht, den Ball zu mir zu stoßen, vorzugsweise mit dem Horn.“

Gorilladame Shira mit Baby, September 2016.

Szenenwechsel. Das Zeitungsfoto vom scheidenden Menschenaffen-Boss muss selbstverständlich bei den Menschenaffen gemacht werden. Im Borgori-Wald setzt sich Gorilladame Rebecca ganz vertraut zu Knott an die Scheibe, die Kleinen kommen geturnt, Silberrücken Viatu liegt faul auf dem Rücken. Eine Szene wie aus einem Urwaldidyll.

Die Anlage, den Borgori-Wald, hat Knott maßgeblich geplant. Geheizt wird mit Geothermie, in der Außenanlage wachsen unzählige einheimische Pflanzen. Knotts Team machte einen Seilkletterkurs – und fällte eigenhändig 250 Bäume, die im Wald für den neuen Frankfurter Flughafenstadtteil Gateway Gardens weichen mussten. Auf dem Holz klettern heute die Gorillas, Orang-Utans und Bonobos.

„Wir haben die Pflicht, Tiere einzusperren.“

Ein großer Fortschritt in der Tierhaltung. Wobei Knott zu den gekachelten Wänden von einst sagt: „Dieses Kachelding … für uns ist es gut, dass die Wände jetzt anders aussehen. Das beruhigt unser Gewissen. Dem Tier ist das egal, ob die Wände schön sind. Was soll der Affe mit einem gemalten Baum?“ Rebecca nimmt sorgfältig eine Stange Lauch auseinander und isst sie auf.

Carsten Knott, staatlich geprüfter Tierpfleger, ist Gründungsmitglied des deutschen Berufsverbands der Zootierpfleger und auch des internationalen Pendants, dessen Vorsitz er 2016 übernahm. Er gilt als überragende Kapazität, arbeitete mit der weltberühmten Affenforscherin Jane Goodall und erhielt 2003 den Wissenschaftsförderpreis der Gemeinschaft Deutscher Zooförderer. Ungewöhnlich für einen Tierpfleger. Er arbeitete stets mit der Forschung Hand in Hand, mit dem Max-Planck-Institut, ermöglichte Hormon- und Urintestreihen, brachte Gorillas und Bonobos dazu, auf zwei Beinen zu laufen, damit die Wissenschaftler Untersuchungen der Fußabdrücke machen konnten.

Das stellen wir uns kurz vor: den international renommierten Experten Carsten Knott. Gut einwirken lassen.

Und jetzt Schnitt: Der international renommierte Experte liegt in einem Gehege, ein Gorillababy im Arm, das erste Kind der unerfahrenen Affenmutter Zsazsa, die ihm gegenüberliegt. Alle drei schlafen. „Ich hatte ihr einen Dreistundenkurs in Babypflege gegeben. Wir waren alle total erschöpft.“ Schlafen. Mit einem ausgewachsenen Gorilla allein in einem Raum. „Die sind halt schwarz und groß. Können sie ja nix dafür.“ Einige Zeit zuvor hatte Knott Zsazsa schon das Essen beigebracht. „Sie hat nur gegessen, was ich auch gegessen habe. Bei Bananen war das ja in Ordnung, aber die Eichenblätter …“ Am Ende drückte er Zsazsa das Baby einfach in den Arm und die verblüffte Äffin nahm ihre Rolle an.

„Dem Tier ist das egal, ob die Wände schön bemalt sind.“

Knotts Trainingsmethoden, unter anderem der Knick-knack-Frosch als positive Bestärkung, hielten den Frankfurter Zoo europaweit ganz vorn. Seine Nähe zu den Tieren und besonders die Nähe seiner Frau Andrea Knott erwärmten zudem die Herzen. Eine ganze Reihe von ihren Affenmüttern verstoßener Babys wuchs unter der Obhut des Paares auf, mit der Flasche ernährt, nachts an den Bauch geklammert, daheim bei den Knotts, und wurde später in die Gruppe integriert. Auch das eine Spezialität des Frankfurter Zoos der Ära Knott.

Hallo, Orang-Utan im Stroh.

Wenn er allerdings die Klagen über den Wuppertaler Zoo hört und den Frankfurter Bonobo Bili, der dort bei der Annäherung an die Gruppe blutende Verletzungen erlitt, schüttelt Carsten Knott den Kopf. „Es gibt überall Konflikte, die Bonobos tragen sie eben auch auf diese Art aus.“ Die Fokussierung auf einzelne Individuen sei in der Zootierhaltung nicht hilfreich, erklärt Knott. „Die Frage ist nicht, ob sie sich wohlfühlen. Wir haben vielleicht nicht das Recht, die Tiere einzusperren, aber wir haben die Pflicht.“ Es gehe darum, den Menschen vorzuführen, was sie der Welt antun. Was sie aufs Spiel setzen. „Welches Ausmaß das hat, konnten wir 1980 noch nicht ahnen, wir können es auch heute nicht ermessen.“

Zoos, sagt Carsten Knott, müssten noch viel mehr vorleben, wie die Menschen sich zu verhalten hätten, um die Lebensgrundlagen zu bewahren. Sie müssten eigentlich alle Parkplätze abschaffen, damit die Besucher ohne Auto kommen, sagt er. Sie müssten an einer echten Verhaltensänderung arbeiten: beim Menschen.

In Neuseeland wird er dazu so viel beitragen wie möglich. Projekte für gefährdete Tierarten leiten. Menschen wachrütteln. „Konsum reduzieren, Ressourcen gerecht verteilen, so dass sich die Leute in den Ursprungsländern leisten können, mit den Tieren zu leben.“ Wer über Tierschutz auf Sumatra rede, sagt er, müsse aufhören, Palmöl zu verwenden, und ein Problem darin zu sehen, „wenn hier bei uns ein paar Hundert Wölfe herumrennen“.

Bonobo-Dame Kamiti gibt Küsschen durch die Scheibe. Artgenosse Heri schiebt einen Strohballen vorbei. „Der ist bei mir geboren, der junge Mann.“ Freunde sind sie geworden, ein bisschen schon. Werden sie Carsten Knott fehlen, die Affen aus dem Borgori-Wald? „Jeder.“

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