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Der Europaturm während der "Earth Hour".

Mittendrin

„Was guckst du? Komm dazu!“

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Nickelige Nachtgedanken zur Earth Hour und zur Klimademo in Frankfurt.

Irgendwas ist ja immer. Und eigentlich darf man sich ja getrost freuen, dass die Jugend, die man schon als trostlos träge in Verdacht hatte, endlich wieder auf die Straße geht. Um für etwas zu streiten, was man selbst als streitenswert erachtet - das am Samstagabend zu bewundernde Transparent „Fickt miteinander - nicht das Klima!“ jedenfalls ist eine Forderung, die man selbst in jungen Jahren so oder so ähnlich gleichsam im Sinn gehabt hatte. Und Probleme mit der Kohle waren einem damals auch nicht fremd.

Aber trotz alle Freude stößt man sich dann doch an Nickeligkeiten. Muss denn jetzt auch auf Demos das längst durch Fußballfans verhelenegefischerte Riff der White Stripes weiter verhunzt werden? „Morgen 22 Uhr im Feinstaub: Spontandemo gegen die Profanisierung und Politisierung geiler Rock-Riffs!“ möchte man da rufen, aber vermutlich käme dann kein Schwein, obwohl das auch eine gute Sache wäre.

Verbesserungswürdig ist auch die eher altbackene Konversation zwischen Demonstrierenden und Gaffenden. Die abendliche Laufkundschaft in der Innenstadt erreicht man durch den 70er-Jahre-Imperativ „Leute, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein“ nicht mehr. Ein knapp gefasstes „Was guckst du? Komm dazu!“ wäre da wesentlich zielgruppengerechter, und spätestens mit „Mach schon – Hurensohn!“ hätte man zumindest temporär ein paar Dutzend Mitläufer mehr.

Und so schön es auch ist, wenn die Generationen ausnahmsweise mal Seit’ an Seit’ streiten, muss man den Eltern auch mal sagen, dass es vielleicht tatsächlich „ungerecht und zynisch“ ist, wenn Politiker „unsere Kinder als Schulschwänzer diffamieren“, doch ist es nicht ganz falsch und dazu zwingend notwendig: Ein Protest, der allenthalben auf Begeisterung stößt, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt, weil er nicht ernst genommen wird. Und Protest sollte auch ein bisschen wehtun. Das ist auch der Grund, warum Arbeiter nie an Wochenenden streiken.

So viel zur Kritik. Andererseits muss man zugestehen, dass Frankfurt lange nicht mehr eine Demo gesehen hat, in der ein dermaßen gemischtes Publikum so friedlich demonstriert hat. Dass der Verlust eines Schultages für Schüler selbst oft kein großes Opfer darstellt, dieses Argument hört man immer wieder, aber wenn Schüler einen Samstagabend opfern, dürfte klar sein, wie ernst sie es meinen. Und von den Demonstrierenden machte auch niemand den Eindruck, als habe er sich nicht ausreichend genug mit dem Klimawandel beschäftigt.

Dass die jungen Demonstranten ihre noch vorhandene Energie lieber singend bei Kerzenlicht vor dem verdunkelten Römer ausklingen lassen als die paar Schritte zum Luxushotel Frankfurter Hof zu laufen, wo aus völlig unerfindlichen Gründen die Earth Hour mit viel zu lauter Musik und Schaumwein begangen wird und einem Dancefloor aus technischen Modulen, die Tanzbewegungen in Energie verwandeln und damit einen Schriftzug „Gemeinsam Frankfurt bewegen“ beleuchten, beweist, dass die Demonstranten zumindest Sachverstand genug besitzen, um nicht jeden Quatsch mitzumachen. Das ist mehr als genug.

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