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Was Frankfurts Alte brauchen: „Plauderbänke, mehr Schatten und mehr Toiletten“

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Von: Peter Hanack

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Hier haben sich zwei junge Frauen auf einer schattigen Bank niedergelasssen. Plätze wie diese sind in Frankfurt rar, doch gerade alte Menschen brauchen solche Orte in der Stadt.
Hier haben sich zwei junge Frauen auf einer schattigen Bank niedergelasssen. Plätze wie diese sind in Frankfurt rar, doch gerade alte Menschen brauchen solche Orte in der Stadt. © Michael Schick

Seniorenberater Rüdiger Krauß-Matlachowski weiß, wie Frankfurt altenfreundlicher werden könnte. Denn gerade im Alltag fehlt es doch an vielen Ecken an Selbstverständlichkeiten.

Herr Krauß-Matlachowski, ist Frankfurt eine altenfreundliche Stadt?

Es gibt hier sicher vieles, was dafür spricht. Da ist der öffentliche Nahverkehr, der gute Möglichkeiten bietet, sich auch ohne Auto in der Stadt zu bewegen. Die Stadt selbst bietet das Seniorenrathaus, die Leitstelle Älterwerden, verschiedene Aktionswochen. Mitarbeitende des Sozialdienstes beraten und begleiten ältere Menschen in schwierigen Situationen. Im Gesundheitsamt gibt es eine eigene Abteilung Prävention und Gesundheit im Alter. Es gibt eine Pflege- und Heimplatzvermittlung, den Seniorenbeirat, der gut ansprechbar ist. Und da ist das gut ausgebaute medizinische Versorgungsnetz inklusive der Palliativangebote. Es sind also wirklich viele Angebote vorhanden, die ich so aus dem Vogelsberg beispielsweise auf dem Land nicht kenne, wo ich einen Zweitwohnsitz habe. Da sieht die Versorgungslage häufig ganz anders aus.

Das klingt, als könnte einem im Alter gar nichts Besseres passieren, als in Frankfurt zu Hause zu sein. Sehen Sie das auch so?

Von den vielen älteren Menschen, mit denen ich in den vergangenen sechs Jahren, also seit ich bei der Bürgerstiftung Seniorenberater bin, sprechen konnte, wollte jedenfalls niemand die Stadt Frankfurt aus Unzufriedenheit mit den Angeboten verlassen. Das ist schon bemerkenswert.

Schauen wir uns doch die einzelnen Bereiche, von denen Sie schon viele genannt haben, etwas genauer an. Sicher ist der öffentliche Nahverkehr in einer Stadt besser ausgebaut als auf dem Land, aber kommen doch Menschen etwa mit Gehbehinderungen oder einem Rollator überall gut in die Bahnen oder Busse?

Die Geschwindigkeit der Rolltreppen ist in der Tat ein Problem. Die sind viel zu schnell, da kommt man mit einer Gehbehinderung kaum und mit Rollator schon gar nicht drauf, ohne die Gefahr, zu stürzen. Und längst nicht überall gibt es Aufzüge, die auch funktionieren.

Busse und Bahnen fahren mitunter auch zu schnell an, da gab es auch schon Stürze und Verletzungen, weil jemand sich noch nicht hinsetzen konnte oder die Kraft nicht genügte, sich festzuhalten.

Sie haben die Vermittlung von Heim- und Pflegeplätzen erwähnt. Gibt es denn auch genug Plätze?

Wer bei uns Rat gesucht hat, hat etwas gefunden, aber natürlich nicht immer den Wunschplatz, also in der Nähe der bisherigen Wohnung, auch der Träger spielt für viele eine Rolle, konfessionell oder nicht, gewünscht sind Einzelzimmer mit eigenem Bad. Das klappt dann nicht immer.

Jetzt gilt Frankfurt als die Hauptstadt des Verbrechens, was sicher auch viel mit Delikten zu tun hat, die bei der Ein- oder Ausreise am Flughafen vorkommen. Aber das Bahnhofsviertel ist ja in den vergangenen Jahren tatsächlich ein unsicheres Pflaster geworden. Fühlen sich alte Menschen hier sicher oder doch eher bedroht?

Die Verletzbarkeit beim Älterwerden ist sicher ein Thema, man glaubt, sich nicht mehr so gut wehren zu können, wenn man bedroht würde. Aber insgesamt gibt es nicht das Gefühl, dass in Frankfurt überall böse Menschen lauern. Es ist eher nicht die Angst, im Park überfallen und der Handtasche beraubt zu werden, sondern eher die Furcht, Opfer von Betrügern an der Haustür, am Telefon oder im Internet zu werden. Aber sicher sind gerade auch Ältere lieber im Hellen als im Dunkeln bewegt, was man merkt, wenn Beratungstermine im Winter nicht mehr so gerne wahrgenommen werden, wenn Sie am späten Nachmittag sind.

Wie ist es mit der Nachbarschaft, dass man sich gegenseitig hilft und aufeinander aufpasst?

Ich habe gerade zuletzt in der Corona-Zeit häufiger von sehr anrührenden Beispielen gehört, wie Nachbarn sich unterstützen. Kirchengemeinden und andere Träger bemühen sich auch, Sozialräume zu schaffen, damit sich die Menschen in ihrem Quartier aufgehoben fühlen können. Aber sicher, ja, es gibt auch die Geschichten von ganz viel Einsamkeit.

Zur Person

Rüdiger Krauß-Matlachowski (51 ) ist Seniorenberater und beim Bürgerinstitut zuständig für den Bereich „Treffpunkt – Selbstbestimmtes, aktives und gesundes Älterwerden“. Dazu gehören die psycho-soziale Beratung älterer Menschen, Gruppenangebote sowie Veranstaltungen beispielsweise zum Thema Altern.

Der Diplom-Sozialarbeiter und Organisationsberater war zuvor im Krankenhaus-Sozialdienst und als Paar- und Sexualberater tätig. In einer Frankfurter Einrichtung hat er sechs Jahre lang das Projekt „Psychologische Beratung 60+“ geleitet.

Das Bürgerinstitut wurde 1899 von dem Frankfurter Wilhelm Merton, Gründer der Metallgesellschaft, als „Centrale für private Fürsorge“ ins Leben gerufen. Mitte der 1970er-Jahre wurde es in „Institut für Sozialarbeit e.V.“ umbenannt und firmiert heute unter dem Namen „Bürgerinstitut“.

Es engagiert sich heute vor allem in der Arbeit für und mit älteren Menschen. Es gibt aber auch Programme für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf. Mehr als 250 Ehrenamtliche sind regelmäßig an den Projekten und in den Arbeitsbereichen tätig. pgh

Wichtig ist, dass gerade Sozialarbeit sich wieder auf das Quartier konzentriert, und das wird ja auch gemacht, damit man sich auf die unmittelbaren sozialen Bezüge im Wohnumfeld beziehen und stützen kann.

Da gibt es zum Beispiel die BIAzza im Nordwest-Zentrum, betrieben von der Diakonie, da ist beleuchtet und man kann einfach mal reingehen. Davon brauchen wir sicher mehr; mehr solche Orte, die nicht gelabelt sind, wo also nicht draufsteht: Das ist ein Treffpunkt für arme, alte, einsame Menschen.

Da will dann sicher niemand hin.

Ja, eben. In den Niederlanden habe ich ein ganz wunderbares Beispiel gefunden. Da gibt es in Supermärkten die Plauderkassen, an denen man mit dem Kassierer oder der Kassiererin ins Gespräch kommen kann, ohne den Druck, alles ganz schnell einzupacken und weiterzugehen. Oder Plauderbänke, wo man sich hinsetzt und Kontakte knüpfen kann, aber auch ganz einfach aufstehen und weitergehen.

Alte Menschen sollen ja nicht nur unter sich bleiben, sondern ganz selbstverständlich andere Menschen mit einem anderen Lebensalter treffen und ins Gespräch kommen können.

Wie ist denn die Aufenthaltsqualität in der Stadt? Eine Toilette oder eine Bank im Schatten zu finden ist ja eher Glücksache.

Toiletten sind wirklich ein Thema. Viele nutzen dann Toiletten in Kaufhäusern oder in Cafés. Diese Orte sind meist bekannt.

Man behilft sich, weil es nichts im öffentlichen Raum gibt.

Ja, davon könnte Frankfurt sicher mehr gebrauchen. Ruhige Ecken, um sich auch mal hinzusetzen, findet man eher im Anlagenring oder den Stadtteilen als gerade im Zentrum.

Was braucht Frankfurt unbedingt noch für alte Menschen? Ist das die Plauderbank?

Die Stadt wird sich sicher mehr bemühen müssen, auf die zunehmende Hitze in der Stadt zu reagieren. Da braucht es vielleicht Orte, an denen man sich ein wenig abkühlen kann, mit Schatten, vielleicht auch mehr Grün, als es aktuell zu finden ist. Und sicher auch mehr Trinkbrunnen. Hitze ist gerade für ältere Menschen ein zunehmend großes Problem.

Interview: Peter Hanack

Immerhin eine Toilette. Barrierefrei ist die Anlage auf dem Merianplatz aber nicht.
Immerhin eine Toilette. Barrierefrei ist die Anlage auf dem Merianplatz aber nicht. © Monika Müller
Rüdiger Krauß-Matlachowski (51 ) ist Seniorenberater und beim Bürgerinstitut zuständig für den Bereich „Treffpunkt – Selbstbestimmtes, aktives und gesundes Älterwerden“.
Rüdiger Krauß-Matlachowski (51 ) ist Seniorenberater und beim Bürgerinstitut zuständig für den Bereich „Treffpunkt – Selbstbestimmtes, aktives und gesundes Älterwerden“. © Privat

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