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Die Carl-Schurz-Schule gehört zu den wenigen Schulen in Frankfurt, an der die neue Digitaltechnik ausprobiert werden darf.

Schleppende Einführung

Warten auf die Schule der Zukunft

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In Frankfurt geht es mit der Einführung von WLAN an Schulen nicht voran. Die Koalition macht sich lieber gegenseitig Vorwürfe.

Mit einer Quizduell-App im Englischunterricht Vokabeln lernen, Schweineherzen nach Youtube-Anleitung in eigenem Tempo in Biologie untersuchen – das geht andernorts. In Frankfurt ist das nicht ganz so einfach. In Frankfurt richtet die Politik nicht einfach WLAN ein, sondern macht sich lieber Vorwürfe. Die CDU spricht von Sabotage, die Grünen von mangelnder Sorgfalt: Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) wehrt sich gegen Vorwürfe der Koalitionspartner, die Umsetzung von WLAN an den Schulen zu verhindern. „Ich werde mich an das Gesetz halten“, sagt Weber.

Denn der Beschluss der Stadtverordneten, dass sich 15 Schulen von privaten Anbietern WLAN installieren lassen dürfen, verstößt nach Auffassung des Staatlichen Schulamts, der Landesbehörde, gegen das Hessische Schulgesetz. Doch die CDU besteht darauf. Weber sagt, sie sei „fassungslos“, dass der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael zu Löwenstein „offen zum Rechtsbruch“ auffordern würde.

Das sich die 15 Schulen einen privaten WLAN-Anbieter suchen durften, war der Kompromiss der Koalition nach monatelangem Streit. Eine Vorlage von Weber (SPD) sah vor, dass Schüler – zunächst an 14 Pilotschulen – einen eigenen Account im Pädagogischen Netz erhalten. So sollten Jugend- und Datenschutz sichergestellt werden. Die CDU kritisierte das Konzept als zu teuer und bürokratisch. Deswegen wurde die Vorlage überarbeitet und sah eine zusätzliche Variante mit freiem WLAN übers städtische Netz ohne Passwort und Jugend- und Datenschutz vor. Die CDU stimmte aber weiterhin nicht zu und forderte, dass Schulen WLAN bei einem privaten Anbieter bestellen können sollten.

Der Kompromiss wurde kurz vor einer Koalitionssitzung beschlossen und in die Vorlage schnell eingearbeitet. Die Grünen werfen der Dezernentin vor, dass die Vorlage vorab nicht gewissenhaft bearbeitet worden sei. Die Vorlage sei aber sehr wohl vom Rechtsamt geprüft worden, sagt Weber. Nicht aber der eingearbeitet Kompromiss mit den 15 Schulen. „Dafür gab es kein Zeitfenster und bei der Neufassung einer eingebrachten Vorlage wird das auch nicht gemacht“, sagt Weber.

Erst als Schulleiter nachfragten, ob sie denn einen Vertrag mit einem externen Anbieter unterschreiben dürften, wenn doch ihr Dienstherr das Land sei, fragte Weber beim Kultusministerium nach. „Sich selbst über einen privaten Anbieter einen WLAN-Zugang anzumieten, steht aber nicht im Einklang mit dem Schulgesetz“, sagt Weber. Die Schulen dürfen sich danach nicht mit WLAN in Eigenregie ausstatten.

Eigentlich wollte Weber die Pilotschulen schon vor einem Jahr mit WLAN ausstaffieren. Doch durch die Verzögerungen in der Koalition wurde es Ostern. 13 von 14 Pilotschulen haben inzwischen WLAN und Laptops erhalten. So wie die Carl-Schurz-Schule. Hat bisher Recherche etwa für Referate an Schulen so ausgesehen, dass sich eine Schülergruppe nach der anderen um den einzigen Computer im Klassenzimmer ballte, so wird an der Carl-Schurz-Schule das Recherchieren nun auf dem Laptop erledigt, das vor den Schülern auf dem Tisch steht. Wenn es im Geschichtsunterricht um Theater und Oper in der Französischen Revolution geht, dann können sich die Schülerinnen parallel mit der damaligen gesellschaftlichen Situation auseinandersetzen. Sie finden übers Internet Informationen, die bei einem komplexen Sachverhalt weiterhelfen.

Kaum jemand bestreitet die große Macht, mit der das Digitale in alle Lebensbereiche drängt. Bisher ist der Umgang mit neuen Medien aber eine Zukunftskompetenz, die in den Schulen kaum vorkommt. Wichtige von unwichtigen, richtige von falschen Informationen im Internet zu unterscheiden, ist schwer. Doch sie kann etwa an der Carl-Schurz-Schule durch den Einsatz des drahtlosen Internets beigebracht werden: wie Fakten checken, Fußnoten lesen, Autoren überprüfen.

Wie sehr sich Unterricht verändert, wenn die Schulen digitaler werden, bleibt jeder Schule selbst überlassen. Bevor sie WLAN bekommen, müssen sie ein Medienkonzept vorlegen. Darstellen, wie sie digitale Medien im Unterricht einsetzen wollen. Möglichkeiten gibt es viele. Schüler können in virtuellen Laboren physikalische oder chemische Versuche ablaufen lassen und dabei selbst verschiedene Parameter verändern. Oder sie ziehen mit dem Tablet los, fotografieren Pflanzen und Tiere, machen sich Notizen dazu und legen ein eigenes Bestimmungsbuch an. Die neuen Medien erleichterten Gruppenarbeit und das individuelle sowie selbstständige Lernen, sagen Fachleute.

Wie nun aber die ausstehenden 15 Schulen, die noch gar nicht ausgewählt sind, mit WLAN versorgt werden, ist gerade unklar. Weber sagt: „Ich will keine weitere Zeit verlieren.“ Sie schlägt vor, dass diese Schulen zwischen den beiden vorhandenen WLAN-Lösungen übers städtische Netz wählen sollen.

Löwenstein sieht das anders. Er sagt, dass Schulen den privaten Anbieter auswählen, die Stadt aber den Vertrag unterschreiben soll. Weber verweist darauf, dass sie dafür eine neue Beschlussfassung bräuchte, in der bestehenden sei das nicht vorgesehen. Löwenstein findet, „da steht nicht drin, dass ein Schulleiter den Vertrag unterschreiben muss“. Die Stadträtin suche nach Mitteln und Wegen, den gefundenen Kompromiss aufzukündigen und den Beschluss zu hintertreiben.

Löwenstein will, dass die Version nun geprüft wird. Weber sagt, sie wolle Vorschläge aufnehmen, die mit dem Gesetz vereinbar wären. „Wir wären aber mit dem einjährigen Pilotprojekt längst fertig, wenn wir nicht ständig Schleifen drehen würden.“ Die CDU habe mit ihrer Blockadehaltung den Magistrat in eine Sackgasse manövriert. „Und Herr zu Löwenstein will das kurz vor seinem Ausscheiden nicht zugeben.“ Die Befürchtung der Grünen, der Beschluss sei gescheitert, kann sie nicht teilen. „Der Beschluss wird nicht scheitern, wenn man mich arbeiten lässt.“

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