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Warten auf Peter

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Von: Stefan Behr

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OB Feldmann war bislang nie pressescheu - bis zum gestrigen Tag

Wie das immer so ist bei den großen Prozessen: Sie verursachen ein Rieseninteresse. Zumindest bei den Medien. Deren Vertreter:innen sitzen am Dienstagmorgen in großer Zahl schon lange vor Prozessbeginn im Gerichtssaal. Draußen vor der Tür des Gerichtsgebäudes E suchen andere Medienmenschen unter der Glaskuppel Schutz vor dem Regen. Zumindest den finden sie. Was sie nicht finden, ist das, weshalb sie eigentlich hier sind, nämlich besorgte Normalbürger:innen, die keinen Platz mehr im Zuschauerabteil des Feldmann-Prozesses gefunden haben. Die sind nämlich nicht da. Nicht einmal die „Frau mit Schild“ ist gekommen, die ansonsten ubiquitär die Stadtlandschaft mit selbstgebastelten Feldmann-muss-weg-Plakaten bereichert. Ein paar plakattragende Gestalten sind zwar da, aber deren Plakate sind nicht selbstgebastelt, und die Gestalten kennt man bereits aus der Jungen Union, was sie leider als Normalbürger:innen untauglich macht.

Also vertreibt man sich die Wartezeit mit kollegialem Gespräch und Mitnehmkaffee aus der Gerichtskantine. Einer erzählt dem anderen sein schönstes Peter-Feldmann-Erlebnis, denn alle haben schon mehrere gehabt, und am Ende steht die Erkenntnis, dass man Feldmann ja vieles nachsagen könne, aber nicht, dass er ein Langweiler sei.

Auch Unpünktlichkeit zählt nicht gerade zu Feldmanns Primäruntugenden, aber je weiter der Uhrzeiger rückt und je kälter der Kaffee wird, umso stärker beschleicht manche der Verdacht, der Oberbürgermeister könnte sich an der Presse vorbeigeschlichen haben. Das halten die meisten noch für ausgeschlossen. Zwar hat das Gericht viele Seiteneingänge, aber bekanntermaßen hat eine Ansammlung von mehr als drei Pressemenschen auf Feldmann eine ähnliche Anziehungskraft hat wie ein spätsommerlicher Grillabend auf Wespen. Zudem steht bei den Dingen, die man dem OB nun wirklich nicht nachsagen kann, Schamgefühl an prominenter Stelle. Die meisten sind sich sicher: Der kommt schon noch!

Andererseits sind Gewissheiten in Zeiten wie diesen purer Luxus. Einer von Peter Feldmanns Verteidigern, Ulrich Endres, hätte früher eher seine Cowboystiefel gegen Adiletten eingetauscht als einen öffentlichkeitswirksamen Termin zu schwänzen. Als jedoch die Nachricht die Runde macht, dass Endres lieber auf Rhodos in der Sonne liege als im Regen zum Prozess zu latschen, erfasst viele das Grauen und Zweifel an Feldmanns Presseanwanzverlässlichkeit. Alles ist jetzt anders. Und der OB am Ende schon drinnen.

Tatsächlich: Feldmann ist es gelungen, sich unbemerkt ins Gebäude zu schleichen. Dass er sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückziehen will, hatte er nach seinem misslungenen Pokalklauversuch ja schon angekündigt. Aber dass es ihm gelingt, auf dem Weg ins Gericht selbst den als unentrinnbar geltenden Bild-Fotografen Jürgen Mahnke zu umdribbeln, sorgt für Entsetzen im Kollegenkreis. Alle fragen sich: Ist das noch der Peter Feldmann, den wir kennen?

Diese Frage stellen sich auch viele im Gerichtssaal, als Feldmann den betritt. In der einen Hand hält er einen Mitnehmkaffeebecher. Die andere aber reicht er nicht, wie sonst üblich, jedem, den er glaubt, schon einmal gesehen zu haben oder bei dem er sich nicht ganz sicher ist. Er drängelt sich auch nicht hinter das Richterpult, sondern nimmt klaglos und ordnungsgemäß auf der Anklagebank Platz. Auffällig ist auch der Verzicht auf Zoten jeglicher Art. Ein Kollege sorgt sich: Der OB sei „nur noch ein Schatten seiner selbst“.

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