Online-Portal für Obdachlose

Wallraffs Helfer

Von Fabian Scheuermann

Richard Brox hat ein Online-Portal für Obdachlose aufgebaut.

Richard Brox hat ein Online-Portal für Obdachlose aufgebaut. Seit über dreißig Jahre lebt er selber ohne Dach über dem Kopf. Nun ist er für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Juni 2012, ein sonniger Nachmittag in Frankfurt. Helmut Richard Brox sitzt in einem Café am Hauptbahnhof und erzählt vom Internet. Denn das ist mittlerweile sein Leben. Fast 900 Adressen von Obdachlosen-Einrichtungen hat er in den vergangenen Jahren gesammelt und auf seine Homepage www.ohnewohnung-wasnun.de gestellt. In Regionen aufgeteilt findet man dort Adressen, Telefonnummern und Öffnungszeiten all jener Einrichtungen, die Brox anderen Bedürftigen empfehlen kann.

Nun wurde er für die Arbeit an seinem Internetportal, das er „Bundesdeutsche Wohnungslosenhilfe“ nennt, für den Deutschen Engagementpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen nominiert, der im Dezember vergeben wird.

Die Kindheit verbrachte er in Heimen

Szenenwechsel. November 1999, Berlin. Helmut Richard Brox steht im Regen vor einer Synagoge und weiß nicht, wohin. Die Obdachlosenunterkunft, wo er den kalten Berliner Herbst verbringt, öffnet ihre Pforten erst wieder um 18 Uhr und auch die schweren Synagogentore sind verschlossen. Da sieht Brox, der „Kurpfälzer Wandersmann“, wie er sich selber gerne nennt, die Leuchtreklame eines Internetcafés: „50 Pfennig die Stunde“ steht in bunten Lettern über dem Eingang.

„Ich hatte eine Mark fünfzig“ erinnert sich der 48-Jährige an den kleinen Zufall. „Also ging ich rein und fragte, ob ich nicht drei Stunden lang bleiben dürfte.“ Er durfte – und ein langhaariger junger Mann verpasste dem Computerneuling prompt einen kostenlosen PC-Kurs. Drei Stunden später hatte Brox eine E-Mail-Adresse und eine Homepage. Sein neues Leben begann.

Werbung
Werbung

Fünf Jahre später, als Brox im thüringischen Gotha auf der Straße schlafen musste, weil er keine Herberge fand, kam ihm die Idee zur Bundesdeutschen Wohnungslosenhilfe. „Aus Wut und Verzweiflung“, wie er sagt, baute er seine bis dahin als Tagebuch genutzte Homepage zu einem Portal für Wohnungslose um.

Wütend wirkt Brox nicht mehr, wie er da mit Kaffee in der Sonne sitzt und seine Geschichte erzählt. Er freut sich über seine Nominierung für den Deutschen Engagementpreis. Er freut sich darüber, dass er, der Obdachlose ohne Schulabschluss, es mit Hilfe für andere so weit gebracht hat: Rund tausend Menschen besuchen täglich seine Seite. Sollte er den Preis wirklich bekommen, da ist sich Brox sicher, dann helfe dies seiner Arbeit für all die Menschen in Deutschland, die durch Armut, Flucht oder ganz einfach Pech auf der Straße gelandet sind. „Diese Menschen müssen Aufmerksamkeit erfahren und zurückgeholt werden in die Gesellschaft“, sagt Brox. Zumindest sollen sie aber einen warmen Schlafplatz finden können. Wenn er das sagt, ist er ganz Sprachrohr, ganz Lobbyist derer, die eigentlich keine Lobby haben. Und er ist doch wütend. Brox weiß, wovon er spricht. Seine Kindheit verbrachte der Mannheimer zum größten Teil in Heimen, viel Gewalt hat er mitbekommen und sexuellen Missbrauch. Es folgten Schulabbruch, Drogensucht und letztlich die Wohnungslosigkeit.

300.000 Wohnungslose leben in Deutschland

Laut Armutsbericht der Bundesregierung gibt es etwa 300.000 Wohnungslose in Deutschland. Wie Brox bekommen viele von ihnen in Tagessätzen Hartz IV ausgezahlt. Und wie Brox fühlen sich manche auf Wanderschaft einfach wohler als immerzu am gleichen Ort. Der Wunsch nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben schwingt da mit.

Eine Weile lang sah Brox das auch so. Eine „wunderschöne Straßenzeit“ hätte er auf seiner über zwanzig Jahre währenden Reise kreuz und quer durch die Republik gehabt. Nach den Drogenjahren sei das Straßenleben für ihn gar „eine richtige Befreiung“ gewesen.
Doch spätestens 2009 wurde ihm die Freiheit zur Last. Am Rande des französischen Städtchens Colmar lag Brox im Schlafsack, als Jugendliche über ihn herfielen und ihn zusammenschlugen. „Ich habe mir damals gewünscht, sie hätten mich totgeschlagen“ sagt er heute. Es klingt nicht wütend, wie er das sagt – es klingt resigniert. Ausgerechnet das Wandern haben sie ihm genommen, haben seine Wirbelsäule so beschädigt, dass er einer Lähmung seiner Beine entgegensieht.

Trotz allem: Brox macht weiter. Ein bundesweites Netzwerk von Kontaktleuten versorgt ihn mittlerweile mit Informationen, so dass er auch von einem festen Ort aus arbeiten kann. Dieser Ort ist Frankfurt – in Niederrad wohnt er derzeit in einem Wohnheim. Brox mag die Stadt, hat sie in seiner Straßenzeit als die „kulanteste Deutschlands“ erlebt. Hier half er Günter Wallraff bei den Recherchen zu seiner Reportage „Unter Null“ und engagierte sich beim Umbau des Containerdorfes im Ostpark. Ja, ein sesshaftes Leben hier könnte sich Brox vorstellen. Aber keines ohne Engagement.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Günter Wallraff
Kommentare zu diesem Artikel