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Waldspaziergang, Wertstoffhof

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Von: Thomas Stillbauer

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Roland Kaehlbrandt: Deutsch – eine Liebeserklärung. Piper. 256 Seiten, Broschur. 12 Euro.
Roland Kaehlbrandt: Deutsch – eine Liebeserklärung. Piper. 256 Seiten, Broschur. 12 Euro. © Privat

Roland Kaehlbrandt und seine vergnügliche Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Echt jetzt? Aber so was von.

Genau. Anfangs konnte man sich darüber wundern, genau, später aufregen, dass junge Leute anfingen, genau, in jedem Satz drei- bis viermal das Wort „genau“ unterzubringen – ohne dass auch nur einmal der Anlass bestanden hätte. Genau, man kann sich aufregen. Man kann es aber auch lassen und seine Faszination die Oberhand gewinnen lassen: weil wieder einmal ein ganz unerwartetes Phänomen Einzug ins Deutsche gehalten und sich rasch verbreitet hat.

„Kurios!“, urteilt darüber der Frankfurter Sprach- und Sprachenkenner Roland Kaehlbrandt, Hochschullehrer für Sprachwissenschaft und Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Kurios, denn: „Nicht der andere soll bestätigen, dass er verstanden hat, was man sagen wollte, sondern man selbst bestätigt sich … ja was eigentlich?“, sinniert Kaehlbrandt. Man bestätige sich mit „genau“ in einer Art innerem Monolog, dass man einen Gedanken beginne oder einen beende, und der Gesprächspartner nehme die Rolle als unfreiwilliger Zeuge ein.

Herrlich, wie er im ersten Kapitel seines Buchs nicht nur diesen Neuzugang in unseren Satzvariationen analysiert, sondern auch moderne Anwendungen weiterer altbekannter Vokabeln. „Echt jetzt?“, „ganz ehrlich“, „so was von“: Das Vergnügen daran, der steten Veränderung des Deutschen beizuwohnen, spricht aus jeder Seite des Bandes – und vor allem die Liebe zur Sprache.

Die Liebeserklärung hatte Kaehlbrandt eigentlich längst abgegeben, 2011 schon, im „Lexikon der schönen Wörter“, gemeinsam mit Walter Krämer. Von Abbild bis Zutrauen, von Anmut bis Zank sind darin die schützenswerten Perlen enthalten, und Beispiele für einen jeden Begriff.

Doch die Liebeserklärung musste weitergehen, denn einzelne Wörter machen ja noch keine Sprache. „Sie ist das Werkzeug unseres Denkens, unserer Vorstellungen, unserer Empfindungen, unseres Ausdrucks“, schreibt er im Vorwort – und bezweifelt, dass Mark Twain richtig lag mit seinem Bonmot, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen, die Sprache allzu kompliziert.

Deutsch sei in manchen Bereichen sogar leicht erlernbar, zeigt der Autor etwa bei den zusammengesetzten Substantiven, die simpler kaum funktionieren könnten: Waldspaziergang. Straßenreinigung. Wertstoffhof.

Das Vergnügen Kaehlbrandts an der deutschen Sprache – der als Romanist zur ersten Lesung des neuen Buchs in Rom mit Italienisch glänzte – dieses Vergnügen überträgt sich auf den Leser und die Leserin. Wer sonst könnte die Sinnhaftigkeit der Groß- und Kleinschreibung so schlüssig erklären, wie der 68-Jährige, indem er sie außer Kraft setzt für den Beweissatz „Wenn fliegen hinter fliegen fliegen fliegen fliegen fliegen hinterher.“ Schon das Aufschreiben verpflichtet ohne großes Orientierungs-F zu höchster Konzentration.

Am Ende hat man seinen ganzen Groll auf irgendwelche Rechtschreibreformen vergessen und die deutsche Sprache einfach wieder lieb.

Roland Kaehlbrandt liest aus dem Buch an diesem Dienstag, 18. Oktober, um 19 Uhr im Freien Deutschen Hochstift, moderiert von der Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken, und am 20. Oktober um 16 Uhr bei Open Books im Haus am Dom, moderiert von Schauspieler und Volksbühne-Chef Michael Quast.

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