+
Laut ist es im Stadtwald, denn der größte Nachbar heißt Flughafen. Aber schön ist es auch, und es gibt dort Sauerstoff.

Interview

Grüngürtel in Frankfurt: „Der Wald ist sehr durchschnitten“

  • schließen

Umweltdezernentin Heilig über Eingriffe in den Stadtforst und andere Teile des Grüngürtels. Und über einen Umstand, den alle Frankfurterinnen und Frankfurter beklagen sollten.

Den größten Teil innerhalb des Grüngürtels nimmt der Frankfurter Stadtwald ein. Er ist die Lunge der Stadt, zugleich aber einer ihrer lautesten Orte, denn er hat einen raumgreifenden Nachbarn: den Flughafen, erklärt die Stadträtin im FR-Interview.

Frau Heilig, wie sicher ist der Stadtwald vor Bebauung?
Der Stadtwald ist relativ sicher. Die allermeisten Gebiete sind Grüngürtel, also Landschaftsschutzgebiet, und Bannwald – eine Kategorie, die noch viel schwerer wiegt, wenn jemand Eingriffe in den Stadtwald plant.

Und doch ist er nicht völlig vor solchen Eingriffen geschützt.
Der allererste Eingriff, den ich noch als Biologiestudentin erlebt habe, war die Startbahn West. Das war einer der Gründe, aus denen ich politisch aktiv geworden bin. Da wurde in Bannwald eingegriffen, und diese Möglichkeit gibt es weiterhin, ob für Eisenbahnstrecken oder den S-Bahn-Anschluss Gateway Gardens. Auch wenn die Verfahren lang dauern, weil das Regierungspräsidium solche Teilbereiche dann aus dem Bannwald herausnehmen muss. Ich beklage mich als Umweltdezernentin über solche Eingriffe, und wir sollten uns insgesamt als Frankfurterinnen und Frankfurter beklagen. Der Stadtwald ist sehr durchschnitten von Wegen und Trassen, und es wird immer schlimmer – gerade vor dem Hintergrund des Waldsterbens 2.0.

Kommt da noch mehr auf uns zu in Sachen Flughafen und Waldverbrauch?
Das Planfeststellungsverfahren für den Flughafen hat damals gezeigt, wie einfach es ist, den Bannwaldschutz auszuhebeln. Aber wir nutzen alle Mittel, um das zu verhindern. Da spielt der Naturschutz eine ganz große Rolle, aber natürlich auch die Frage, ob der Flughafen gesundheitsschädlichen Ultrafeinstaub erzeugt. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass der Fluglärm die Stadt verlärmt.

Leistet der Flughafen eigentlich Grün-Ausgleich für die Flächen, die er rodet?
Jeder Eingriff in den Bannwald muss zu 100 Prozent ausgeglichen werden. Weil Frankfurt flächenmäßig sehr klein ist, kommt es leider oft dazu, dass dieser Ausgleich außerhalb der Stadtgrenzen geschieht.

Rosemarie Heilig (Grüne) ist seit 2012 als Umweltdezernentin für Belange der Natur und des Klimaschutzes in Frankfurt zuständig. Die 62-jährige Biologin gilt als engagierte, aber auch diplomatische Verteidigerin des Grüngürtels gegen Bauinteressen. ill

Es heißt, die Stadt muss wachsen. Die Mieten sind so hoch. Wir brauchen Wohnraum – kann man da nicht ein bisschen Wald opfern?
Wir befinden uns aktuell in einem schwierigen Spannungsfeld: Da ist besonders die soziale Frage, wie viele Wohnungen, vor allem geförderte Wohnungen wir brauchen. Aber der Wohnungsbau darf nicht zulasten des Stadtwalds und auch nicht zulasten des Grüngürtels gehen. Wir haben seit 1991 die Grüngürtel-Charta, die klar festlegt, dass im Grüngürtel nicht gebaut werden darf; der Stadtwald gehört dazu. Auch die jetzige Koalition hat bestätigt: Der Grüngürtel ist sakrosankt. Da bin ich mit dem Planungsdezernenten Mike Josef absolut einig. Aber was wissen wir schon, was zukünftige Generationen für Prioritäten setzen.

Wie geht die Stadt mit der doppelten Bedrohung um: Siedlungsdruck und Klimakrise?
In Frankfurt war es stets ein Thema, wo und wie gebaut wird. Wir sollten in ganz anderen Grenzen denken. Auch wenn das Baugebiet im Nordwesten in Richtung Steinbach und Oberursel höchst umstritten ist, werden wir nicht drumherum kommen. Es wird eine Zeit geben, in der wir von „Frankfurt-Rhein-Main“ sprechen und nicht von Frankfurt in seinen heutigen Stadtgrenzen. Gerade deswegen ist es unbedingt notwendig, dass der Grüngürtel und der Stadtwald in den jetzigen Ausmaßen erhalten bleiben. Das ist vor dem Hintergrund der Klimakrise essenziell.

Auch für die Gesundheit?
Absolut. Der Klimawandel zeigt uns doch, dass wir körperlich sehr betroffen sind, wenn es so heiß ist. Deshalb gibt es berechtigterweise bei jedem neuen Baugebiet die Auseinandersetzung darüber, wo wer wie bauen darf. Ich benutze gern den Begriff „klimaaffin“, das heißt: nicht so bauen, dass wir uns auch noch selbst eine Hitzeglocke schaffen, in die keine Kaltluft mehr einfließen kann. Kaltluftentstehungsflächen sind Acker und Wiese, der Wald ist eine wichtige Frischluftquelle, eine Lebensader – da kommt die frische Luft zum Atmen her.

Es gibt noch die eine oder andere Lücke im Grüngürtel. Machen Sie da Fortschritte auf dem Weg zur Schließung?
Ja. Wir wünschen uns generell eine Erweiterung des Grüngürtels, beispielsweise durch den geplanten Grüngürtelpark Nieder-Eschbach.

Wie groß ist das Gebiet dort im Norden ungefähr?
Etwas mehr als 240 Hektar – also ungefähr 100 Fußballfelder.

Und wie sieht der Grüngürtel in 20 Jahren aus?
Der Frankfurter Grüngürtel ist dann verbunden mit einem regionalen Grüngürtel. Es muss auch um das Stadtgebiet herum Flächen geben, die nicht bebaut werden dürfen. Das ist ganz wichtig. Die grünen Speichen und Strahlen in die Stadt werden in 20 Jahren deutlich aufgewertet. Straßen und Parkplätze werden deutlich zurückgebaut sein, die Stadt ist dann noch viel grüner als heute. Wir haben jetzt 50 Prozent unbebaute Grünfläche – ich wünsche mir eine Stadt Frankfurt RheinMain, die 70 Prozent Grünanteil hat.

Interview: Thomas Stillbauer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare