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Zwei Tannenwurzeln groß und alt unterhalten sich im Wald. Was droben in den Wipfeln rauscht, das wird hier unten ausgetauscht. Ein altes Eichhorn sitzt dabei ...

Tag des Waldes

Der Wald ist geöffnet

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Wenn alles andere verboten ist: Am Internationalen Tag des Waldes einen Baum umarmen – solange es noch geht.

Bäume umarmen – Nähe zu Menschen meiden: Der Appell der hessischen Waldzuständigen konnte nicht passender kommen. „Auch in der Natur gilt die Abstandsregel“, verbreitete der Landesbetrieb Hessenforst just zum internationalen Tag des Waldes am heutigen Samstag. Aber zum Baum muss niemand Abstand halten, denn Bäume sind nicht ansteckend, Bäume sind lieb zu uns.

Drum ist der Wald auch weiterhin geöffnet. Hessenforst-Leiter Michael Gerst: „Ein Aufenthalt im Wald unterstützt das Immunsystem, senkt den Stresslevel und stärkt unseren Körper.“ Solange keine Gruppen über ihn herfallen, den Wald.

Und solange wir ihm nicht klimakillend den Garaus machen. „Den Bäumen im Frankfurter Stadtwald geht es nicht gut“, sagt die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Zwar sei wieder genug Wasser im Boden – gut für junges Gewächs. „Wir machen uns aber auch Sorgen um die älteren Bäume. Durch die trockenen und heißen Sommer der beiden vergangenen Jahre sind sie stark geschwächt und werden sich nicht mehr vollständig erholen können.“ Zumal ein weiterer heißer und trockener Sommer bevorstehe. Heilig: „Die Lage ist weiterhin dramatisch.“

Förster erwarteten erneut massenhaft Borkenkäfer. Pilze und Lichtschäden wegen der entstandenen Lücken täten ihr Übriges. Viele Bäume müssten gefällt werden, eine Holzernte zwecks Verkauf falle auch 2020 aus. Es geht um Wiederaufforstung und Schadensbegrenzung – es geht um die Rettung des Waldes, nicht mehr, nicht weniger.

Einer, der sich nicht nur mit Bäumen bestens auskennt, ist Manfred Wessel, der Leiter des Botanischen Gartens in Frankfurt. Doch was für ein Pech: Ausgerechnet jetzt, wo doch die Natur gerade wieder kraftvoll ihren Betrieb aufnimmt, ist der Garten geschlossen wegen Corona. „Es ist alles bunt, und wir können es nicht zeigen“, sagt Wessel.

Nun ist der Botanische Garten ja auch kein Wald, im Grunde genommen. Aber dann doch wieder, denn er zeigt Pflanzengemeinschaften in natürlicher Zusammensetzung, darunter auch Waldgemeinschaften: Birken-, Buchen, Schluchtwald, insgesamt sechs verschiedene Arten. Also genaugenommen sechs Wälder auf einen Rutsch. Nur eben nicht offen zum Besuch.

TAG DES WALDES

Der 21. März ist ein doppelter Grund zur Freude: Es ist der Internationale Tag des Waldes, 1971 von den Vereinten Nationen empfohlen – und traditionell der kalendarische Frühlingsbeginn (in diesem Jahr aber schon am 20).

Um Bäume bemüht sich unter anderen die Deutsche Dendrologische Gesellschaft (www.ddg-web.de), die auch eine aktive Regionalgruppe Rhein-Main führt. Der nächste Termin im Mai ist allerdings wegen Corona abgesagt.

„Baum Grow Up“, der neue Verein der Landschaftsarchitektin Ute Wittich, ist jetzt auch online: www.baum-grow-up.de. Wie berichtet, soll der Verein den Stadtteil Oberrad grüner machen. Wittich hat dafür 10 000 Euro bereitgestellt und hofft auf viele Menschen, die mitwirken. Flächen gibt es bereits. ill

Manfred Wessel ist nicht nur Technischer Gartenleiter, er gehört auch dem Rat der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG) an, einer Vereinigung von Baumfachleuten. Da geht es zurzeit natürlich viel um die Bäume der Zukunft, die dem Klimawandel standhalten können, da sitzt jede Menge Fachwissen – und da wird auch regelmäßig gemessen: Stammumfang. Kürzlich maß die Regionalgruppe Rhein-Main beispielsweise den Umfang der Fontanesia phillyreoides im Frankfurter Grüneburgpark, und siehe da: 79 Zentimeter! Nicht gerade ein Mammut, aber dennoch: „Champion Tree des Monats Februar“, und zwar bundesweit. In der ganzen Republik gibt es kein dickeres dieser Ölbaumgewächse, jedenfalls soweit bisher bekannt.

Wer Spaß an solchen Listen hat, findet auf der Internetseite der DDG (www.ddg-web.de) jede Menge Informationen. Die Frankfurter Fontanesie taucht dort als Fontanesia fortunei auf, manchmal sind sich die Baumkundigen eben auch nicht ganz einig, was die konkreten Bezeichnungen angeht, aber es gibt ja viel mehr zu bestaunen. Frankfurt hat zurzeit satte 18 Bundeschampions im Stadtgebiet, vom Koreanischen Zürgelbaum im Oberräder Park der Hochschule Sankt Georgen (51 Zentimeter Umfang, immer in 1,30 Meter Höhe gemessen) bis zur Eiche im Palmengarten (6,75 Meter). Hessenweit liegt die Sommerlinde von Schenklengsfeld einsam an der Spitze, ein 1260 Jahre alter Baum mit 18 Metern Stammumfang.

Eintausendzweihundertsechzig Jahre. Es sind solche Zahlen, die Manfred Wessel beeindrucken. „Ein Baum ist das Langlebigste, was man sich vorstellen kann“, schwärmt er. „Manche Bäume standen schon zu Zeiten, als die Römer hier herumliefen, und sie stehen jetzt immer noch. Das können wir als Menschen gar nicht ermessen.“

Wessel beschäftigt sich mit Pflanzen, solang er denken kann, immer faszinierten ihn Bäume, der Wald und dessen Tiere. Der DDG, 1892 von Waldbesitzern gegründet, gehört er seit gut 30 Jahren an. Sehr enge Beziehungsgeflechte, lange währende Freundschaften seien dort entstanden, auch wenn die Gesellschaft von einst stolzen 5000 Mitgliedern nur noch 1200 übrig hat, Tendenz fallend. Neue Baumfreunde sind herzlich willkommen und müssen keineswegs vom Fach sein. „Es sieht nach Wissenschaft aus, aber Interesse genügt völlig“, sagt Wessel. Und hat schon wieder ein spannendes Detail in der Liste der Champion Trees gefunden: „Wenn sie oben Hessen anklicken, dann alle Gattungen, alle Arten und Hybriden ...“

Seit 1993 arbeitet der Mann in Botanischen Gärten, erst in Kiel, jetzt in Frankfurt, und am Ende dieser Saison wartet der Ruhestand. Am Ende einer Saison, von der keiner wissen kann, wie sie weitergeht – was uns das Coronavirus noch lässt. „Vielleicht dürfen wir irgendwann wieder aufmachen“, sagt Wessel, das wisse im Moment niemand. Viele Kollegen sind zu Hause, die verbliebenen Mitarbeiter regeln das Nötigste. „Es geht uns jetzt nur noch um den Erhalt der vorhandenen Pflanzen. Die Anzucht neuer Gewächse machen wir gar nicht mehr. Für Gärtner ist diese Situation ganz schwierig.“

Stell dir vor, der Frühling bricht aus, und an zwei der schönsten Frühlingsbejubelungsorte darf niemand zusehen, weder im Palmen-, noch im Botanischen Garten. Auch der Frühlingsball ist auf den Herbst verschoben – es wäre kurios, wenn es nicht so traurig wäre.

Was bleibt? Die ganz private Begegnung mit dem Baum im Wald, eine herzliche Umarmung und wieder mal die Erkenntnis: Der braucht mich nicht, aber ich wäre ohne ihn aufgeschmissen.

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