Bernstein, wie er sich selbst sieht.
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Bernstein, wie er sich selbst sieht.

F.W. Bernstein

Die Wahrheit über Arnold Hau

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Eine Hommage an F.W. Bernstein, dem Gründungsvater der Neuen Frankfurter Schule, der am Sonntag 80 wird, und seine real existierende Schöpfung Arnold Hau.

Im Raum 2001 der Frankfurter Rundschau sitzt Arnold Hau und wartet auf schlechtere Zeiten. Er wartet schon lange.

Die Jungen bei der FR glauben nicht, dass im Raum 2001 Arnold Hau sitzt. Sie glauben, dass sei ein Technikraum, der aus technischen Gründen stets abgeschlossen sei und an dem irgendein Scherzbold ein Namensschild angebracht habe, das er wohl witzig wähne. Hin und wieder fragen die Jungen, „Arnold Hau? Den gibt’s doch gar nicht!“ oder „Wer ist denn dieser Arnold Hau?“ oder „Arnold Hau? Ich dachte, der sei längst tot.“, meist um eine peinliche Situation bei einem Flurzusammenstoß mit einem Alten zu überbrücken – Raum 2001 befindet sich direkt neben dem Abort. Aber die Alten, die es besser wissen, antworten ihnen nicht, weil sie tagsüber zu hart arbeiten müssen, um große Reden zu schwingen.

Aber manchmal, in ruhigen Spätdienstnächten, wenn Stadt und Erdkreis sich gute Nacht sagen, lockert der Müßiggang der Alten Zungen. „Wie kann jemand, den es nicht gibt und nie gab, einen eigenen Wikipediaeintrag haben?“, fragen sie dann die Jungen und stellen sich deren Feierabend ignorierend in den Weg. Wie könne einer, fragen die Alten weiter, der ebendort als „Universalgelehrter, Philosoph, Literat und Lyriker“ verherrlicht werde, von der Menschheit vergessen werden wie sonst bloß Fischer-Z? Und nein, Arnold Hau sei auch nicht tot, er sitze im Raum 2001, wo ihm sein Bart beim Warten durch den Tisch wachse.

„Wer ist Fischer-Z?“, fragen dann die Jungen, aber die Alten gebieten ihnen mit strafendem Blick Schweigen. „Du willst wissen, worauf er wartet“, sagen die Alten wahrheitswidrig und erläutern ungefragt: Er warte, bis man ihn wieder brauche und rufe. Doch solange noch Götter auf Erden wandelten, solange brauche es keinen Arnold Hau, der für sie spreche. Und noch wandele F. W. Bernstein nicht nur, er feiere auch schon bald fröhlich seinen 80. Geburtstag, 100 solle er werden, wenn er wolle, oder mehr. Arnold Hau könne warten.

Zu Hause warte auch jemand auf sie, sagen die Jungen, aber die Alten sind harthörig. „Irgendeiner wartet immer!“, bellen sie, drücken die Jungen auf einen Bürostuhl und mustern sie mit einem Blick, den sie vom Feuilletonchef abgeguckt haben. „Einst waren Götter. Sie waren uns ähnlich. Sie tranken, lachten, stritten, paarten sich mit Sterblichen und wurden selbst sterblich. Aber anders als wir Menschen waren sie witzig. Gewollt witzig. Götter gab es einige, aber über allen standen die Großen drei: F. W. Bernstein, Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Gemeinsam legten sie in der Heiligen Schrift im Buch „Welt im Spiegel“ Zeugnis ab und gründeten die Neue Frankfurter Schule.“

Die Jungen versuchen, der Situation durch den Verweis auf die Schulpflicht ihrer mitunter noch ungeborenen Kindern zu entfliehen, man müsse morgen früh raus. Es nutzt ihnen nichts. „Im Jahre 1966“, dozieren die Alten, „erschien das Erste Buch der Großen Drei: Die Wahrheit über Arnold Hau. Aber die Welt war nicht reif. Von der Erstauflage von 2500 Stück hat der Verlag Bärmeier & Nikel – Fluch ihm! – mehr als die Hälfte verramscht, aber es gibt Neuauflagen von Zweitausendeins und dem S. Fischer Verlag – sie seien gelobt. Heute gilt das unter wahren Gläubigen als Offenbarung und Meisterstück. Und Arnold Hau, den die drei erdachten, auf dass er den Menschen ihr Wort verkünde, ward Form und Fleisch.“

„Also gab es Arnold Hau in echt doch nicht?“, beckmessern die Jungen, die Rechnung ohne den Starrsinn der Alten machend. „Na und“, kontern diese, Schloss Lichtenstein sei auch noch nicht gebaut gewesen, als Wilhelm Hauff es im Roman beschrieben habe, und stünde heute in der Landschaft herum, und auch die Nautilus habe zu Jule Vernes Lebzeiten nicht getaucht, heute aber doch. Hau sei ein Mensch, aber nicht vom Weibe geboren, sondern von den Großen Drei. Die Jungen bereuen ihren vorlauten Einwurf, zu spät.

„Arnold Hau sollte die Großen Drei noch viele Jahre begleiten. Von 1968 bis 1981 entstanden unter Haus Regie gar mehrere Filme. Etwa ‚Milchkännchen und Fischstäbchen in der Antarktis’ (1973), ein auf einer Tischdecke spielender Abenteuerfilm, in der die beiden Titelfiguren von Blechspielzeug gejagt werden. Ein allegorisches Meisterwerk! Doch auch andere bahnbrechende Hau-Filme wie etwa ‚Der Bayerische Wald mit den Augen eines Arschfickers gesehen’ werden ja heute von den Mainstreammedien so totgeschwiegen wie die Grottenmaus von der modernen Zoologie!“, reden sich die Alten langsam in Rage.

Die Jungen versuchen zu beschwichtigen, sie könnten ja mal gucken, ob es die Filme bei Netflix gebe. Das wäre nett, sagen die Alten.

„Die Großen Drei vollbrachten noch manche Heldentat“, fahren die Alten unbeirrbar fort. „Aber Arnold Hau erkannte irgendwann, dass er nicht so recht vonnöten sei, solange noch die Götter lebten, um den Menschen Witz und Weisheit zu spenden. Er zog sich zurück in Raum 2001 und wartet seitdem auf die Zeit, in der die Menschen das Lachen verlieren.“ Kunstpause.

„Aber noch lebt F. W. Bernstein!“, rufen die Alten unvermittelt, die Arthrose fällt von ihnen ab, sie erheben sich wie von einer höheren Macht gezogen aus ihrem Bürostuhl und laut singend zitieren sie aus „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (Zweitausendeins, S. 56): „Hoch die Kelche / Für den Trotzki! / Er zerbrach die Reaktion. / Und erstritt in heißem Kampfe / Die Oktoberrevolution. / Trallallalla Trallallalla / Die Oktoberrevolution!“

Die Jungen ruckeln ihren Stuhl so unauffällig sie es vermögen in Richtung Redaktionstür. Die Alten scheinen davon keinerlei Notiz zu nehmen, sie starren ins Leere, Wasser rinnt aus ihren Augen, ein Murmeln aus ihren Bärten. „Waechter … Asche … (2005) … Gernhardt… Staub … (2006).“ Die Jungen und die rettende Tür trennen nur noch wenige Meter. Doch nun erwachen die Alten aus ihrer Starre, gehen langsam auf die Jungen zu, in ihren Augen lodert heilige Glut. „Solange der Alte Fritz noch wacht, wartet Arnold Hau im Raum 2001. Doch eines Tages wird die Tür sich öffnen und dann soll es denen, die seinen Namen nicht kennen, ergehen wie dem Kragenbär. Denn wahrlich, es steht geschrieben auf Seite achtundachtzig, Ausgabe Zweitausendeins: ‚Er sang nicht auf der Maienflur, / bei Diskussionen schwieg er nur. / Wie anders Goethe, Kant und Benn, / die weniger Verschwiegenen! / Sie ehret heute Flott und Heer, / Vom Kragenbär spricht niemand mehr.’“

Die Jungen jagt nun das Entsetzen, sie reißen die Tür auf, stürzen hinaus, hetzen durch die Korridore, während hinter ihnen die Stimme der Alten immer lauter brüllt: „Ferner gebe ich euch ein Wort, das ihr stets im Munde führen sollt. Ihr sollt es ausrufen, wenn ihr euch des Morgens erhebt, wenn ihr euch des Mittags zu Tische setzt, wenn ihr euch des Nachmittags anschickt, ein Nickerchen zu machen, wenn ihr des Abends zum Weibe geht und zu jeder anderen Tageszeit. Und ihr sollt es in Ehren halten, denn ich habe es euch gegeben. Das Wort aber lautet: ‚Schnüss’. So spricht dein Herr, der Hau!“

Die Flucht gelingt immer. Die Jungen eilen körperlich unversehrt nach Hause, schließen ihre Liebsten in die Arme und sagen zitternd, auf der Arbeit sei es nicht recht geheuer gewesen. Die tagsüber so schweigsamen Alten hätten etwas Reichsbürgerliches an sich und sympathisierten mit einer parareligiösen Bewegung, die sich Frankfurter Abendschule oder so nenne, und die einen gewissen Fischer-Z verehre, der angeblich im Raum 2001 wohne, aber da sei in Wahrheit die Technik drin. Sie führen fortan ein Leben in Furcht, aber sie sind jung und brauchen das Geld.

Die Alten aber sind es stets zufrieden. Sie haben ihren Spaß gekriegt, die Jungen eine Lehre fürs Leben. Vor Verlassen der Redaktion legen sie vorm Raum 2001 eine kurze Gedenk- und Schmunzelpause ein. „Nicht zu fassen“, informieren sie wider jede Vernunft die wie immer verschlossene Tür, „die fallen immer wieder darauf rein. Vielen Dank, lieber F. W. Bernstein. Und herzlichen Glückwunsch!“ Dann knipsen sie das Licht aus. Es ist Nacht.

Alles schläft. Einer wartet.

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