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Aus der leergefegten Brachfläche haben die Bewohnerinnen und Bewohner ein kleines Dorf gemacht. Nun wohnen sie ohne Mietkosten in bester Lage.
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Aus der leergefegten Brachfläche haben die Bewohnerinnen und Bewohner ein kleines Dorf gemacht. Nun wohnen sie ohne Mietkosten in bester Lage.

Frankfurt

Wagenplatz am Ostbahnhof: Ein kunterbuntes Dorf

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Seit neun Monaten leben die Besetzerinnen und Besetzer neben dem Frankfurter Ostbahnhof, und sie wollen bleiben. Mit der Eigentümerin verhandeln sie jetzt über eine Zwischennutzung.

Von einem kleinen Rad baumelnd hängt ein Eimer mit eingebauter Duschbrause. Pony kippt Wasser hinein, stellt sich darunter in die Badewanne, zieht an einer Schnur, und schon prasselt das Wasser auf sie herab. Pony lächelt.

So also funktionieren selbst gebaute Duschen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern am Wagenplatz neben dem Ostbahnhof. Seit knapp neun Monaten besetzen sie die Brachfläche gegenüber vom Danziger Platz. Anfangs standen hier noch vier Wagen, heute sind es 13.

Seit dem letzten Besuch der FR im August, als der Platz erst drei Wochen besetzt war, hat sich enorm viel verändert. Damals standen neben den vier Wagen und Kleinbussen ein paar Tische und Stühle. Nun hat sich der Wagenplatz in ein kunterbuntes Dorf verwandelt. Um auf das Gelände zu kommen, müssen Gäste ein Holztor öffnen. Dann gelangt man in eine Art Zwischenraum. Ein Waschbecken sorgt für die coronakonforme Säuberung der Hände. Außerdem befindet sich hier der Umsonstladen- ein Regal am Gehweg, an dem sich alle bedienen können.

Erst jetzt gelangt man auf das Hauptgelände. Neben den Wohnräumen der Bewohner:innen ist hier ein Lagerraum mit Lebensmitteln unter einem großen Zeltdach. An den Zäunen hängen bunte Banner mit politischen Sprüchen, dazwischen stehen ein roter Traktor und Sonnenschirme. Und über allem wehen eine Piraten- und eine Regenbogenflagge.

Um in den zweiten Wohnteil der Gruppe zu kommen, die sich „We need Homes to Stay FFM“ nennt, geht der Weg an ein paar Wagen, selbst angelegten Hochbeeten, einer Feuertonne und einer Dusche vorbei. An einem schwarzen Mercedes-Bus steht „Noi ci godiamo la vita“, was so viel heißt wie: Wir genießen das Leben. Angekommen im „Flüsterwald“ sitzt Pony vor ihrem Heim. Neben ihr am Tisch sitzt ein Teil der 15 Bewohner:innen, die teils zum harten Kern zählen. Auf dem Tisch steht frisch aufgebrühter Kaffee und Gebäck. Ihre echten Namen geben sie nicht preis. Heute nennen sie sich Pony, Clint, Caro und Rispe. Einige von ihnen halten sich mit Nebenjobs über Wasser, andere studieren oder arbeiten.

Die Gruppe will durch ihre Besetzung auf den fehlenden Wohnraum aufmerksam machen und sich für einen neuen Wagenplatz einsetzen. „Manche von uns haben ihren Job durch Corona verloren, andere wollen die hohen Mieten nicht mehr mittragen“, sagt Rispe. Und Caro ergänzt: „Ich wohne aktuell in einer WG, bin aber oft hier und solidarisiere mich mit den Leuten. Ich habe früher selbst auf einem Wagenplatz gelebt. Ich vermisse es sehr.“

Von Beginn an sind die neuen Nachbar:innen gern gesehen. „Für uns ist es besonders wichtig, dass wir uns nachbarschaftlich vernetzen. Das funktioniert auch ganz wunderbar. Hier im Ostend haben wir bisher nur positive Reaktionen erlebt“, erzählt Clint. Vor allem ältere Leute freuen sich über die neuen Nachbarn. „Viele sagten uns, dass sie in der Gegend schon sehr lange wohnen und wir wirklich die Ersten wären, die aus dem Gelände etwas gemacht haben.“

Doch wer auf einem Wagenplatz ernsthaft wohnen will, muss dafür auch bereit sein, täglich mitanzupacken. „Hier lernt man, was Arbeit bedeutet und Dinge anders wertzuschätzen“, sagt Rispe. Hier geht es eben nach dem Motto Do it yourself (Mach es selbst). „Du eignest dir Wissen an, zum Beispiel, wie baue ich ein Waschbecken, einen Küchenwagen oder eine Dusche“, erklärt Rispe. „Sich mal schön auf die faule Hut legen geht eben nicht. Kaum verlasse ich meinen Wagen, heißt es gleich, ‚Clint, pack mal mit an‘.“

Um an das nötige Material für die komplette Infrastruktur zu kommen, nutzen die Bewohner:innen Telegram-Gruppen, auf denen die Nutzerinnen und Nutzer Dinge zum Geschenk anbieten, außerdem Sperrmüll, natürliche Ressourcen und Secondhand. Ohne fremde Hilfe geht es eben dann doch nicht. Wobei fremd hier womöglich das falsche Wort ist. Schon seit Beginn der Besetzung besteht ein freundschaftliches Verhältnis zu den Inhaber:innen des Frankfurter Gartens auf dem Danziger Platz. „Dort holen wir unser Wasser“, erzählen sie. Und die gemeinnützige Organisation, die sich in der unmittelbaren Nachbarschaft befindet, bietet ihre Duschen für die Wagenplatzcrew an.

Weil ihnen das gemeinschaftliche und nachbarschaftliche Zusammenleben wichtig ist, bieten die Bewohner:innen verschiedene Workshops an oder laden zum Freiluftkino ein. „Wir haben letztens erst Buttons selbst gepresst. Einige haben wir noch, such dir doch einen aus“, sagt Pony und schüttet einen Beutel voller Buttons auf einen Teller. Neben dem Stanzen der kleinen Ansteckplaketten boten sie etwa Workshops an zum Herstellen von Schmuck und Deocreme, Radreparaturen und Siebdruck. In ihrem Freiluftkino zeigten sie eine Filmreihe zum Thema Gentrifizierung.

Und apropos Gentrifizierung: Die Wagenplatzbewohner:innen sind eng vernetzt mit den Initiativen „Mietentscheid“ und „Stadt für alle“. Sie nahmen zudem an Demonstrationen zum Erhalt der grünen Lunge teil, beteiligten sich an einem offenen Brief und stellten darin Forderungen für die Koalitionsverhandlungen in Frankfurt. Im Alltag und im Zuge von Veranstaltungen steht für viele auch das Engagement gegen Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie im Vordergrund.

Die rund 15 Bewohnerinnen und Bewohner haben sich im Frankfurter Osten gut eingerichtet, in die Stadtgesellschaft integriert, doch über allem steht natürlich eine Frage: Wie lange dürfen sie noch bleiben? Ginge es nach dem Willen der Eigentümerin, der Hotelkette Premier Inn, wäre der Platz hier schon längst geräumt und gepflastert von Baggern. Doch so einfach ist das nicht. Auch wenn Premier Inn mit Räumung zu Beginn der Besetzung drohte, im Winter den ersten Schritt zu einem zivilrechtlichen Verfahren einleitete, sitzen Pony, Clint, Rispe und Caro im Juni schließlich noch immer hier.

Neben der Brachfläche gehört Premier Inn auch das alte Bahnhofsgelände. Beides soll für ein Hotel weichen. Da allerdings das geplante Vorhaben zeitlich mit dem geplanten Bau der Nordmainischen S-Bahn steht, müssten die Bauabläufe und die Nutzung mit den verschiedenen Bauzuständen des unterirdischen S-Bahnhofes koordiniert werden, sagt Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Ein Abrissantrag für das Bahnhofsgebäude sowie eine Bauvoranfrage lägen zwar vor, aber kein Bauantrag.

Also bleibt Premier Inn wenig übrig, als sich doch ernsthaft mit den Anwohner:innen des Wagenplatzes auseinanderzusetzen. Derzeit laufen zwischen beiden Parteien Verhandlungen für eine Zwischennutzung. Ein Erfolg für die Wagenplatzcrew. „Wir werden hier sicher noch eine Weile bleiben“, sagt Caro. Die Zeit wollen sie nutzen, um einen neuen Wagenplatz in zentraler Lage zu suchen. Doch dann wollen sie länger bleiben.

Caro hisst die Regenbogenflagge.
Ein Leben auf dem Wagenplatz ist nichts für Faulenzer.
Pony gemießt die frische Abkühlung.

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