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Der Holzmodulbau des Adorno-Gymnasiums auf dem Campus Westend wurde in neun Monaten erstellt.

Frankfurt wächst

Wachsende Schülerzahlen stellen Frankfurt vor Herausforderungen

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Die Zahl der Schüler*innen in Frankfurt steigt stetig an, Schulen müssen gebaut werden. Der wenig vorhandene Platz muss in der Großstadt kreativ genutzt werden. Doch wie lange steigen die Schülerzahlen überhaupt noch?

Die Mieten steigen in exorbitante Höhen – kein Wunder also, dass viele Familien aufs Land ziehen. Die Wohnkosten machen es unmöglich, mit Kindern in der Großstadt zu leben. So ist das zumindest inzwischen in US-amerikanischen Großstädten wie Washington D. C., Boston und San Francisco. Der Anteil von Kindern an der Stadtbevölkerung sinkt. Eine Statistik haben die Bewohner von San Francisco schon unzählige Male inzwischen gehört: In der Stadt gibt es annähernd so viele Hunde wie Kinder. Die Metropole entwickelt sich zur Stadt ohne Kinder – und ein Grund ist, dass Wohnen dort für Familien unerschwinglich geworden ist.

In Frankfurt ist das anders. Noch zumindest. Noch geht es um immer weiter wachsende Schülerzahlen. Derzeit besuchen 63 000 Kinder und Jugendliche eine allgemeinbildende öffentliche Schule in Frankfurt. In vier Jahren rechnet die Stadt mit gut 73 000. Tendenz: weiter steigend. Doch mit Prognosen von Schülerzahlen ist das so eine Sache. Vor noch nicht einmal 15 Jahren wurde in Frankfurt ein Gymnasium im Ostend geschlossen. Es hatte zu wenige Schüler. Stadt und Land waren der Meinung, es gebe genug Gymnasien. Nun will die Stadt in zwei Jahren zwei neue Gymnasien zusätzlich zu den drei in jüngster Zeit entstandenen eröffnen und sucht händeringend nach Standorten: einen davon im Osten Frankfurts.

Die Zukunft vorherzusagen ist schwierig. Ja, die Stadt weiß, wie viele Kinder in Frankfurt geboren werden. Schwieriger wird es vorherzusehen, wie viele Familien herziehen. Das wird anhand von Wohnungseinheiten berechnet. „Wir können sehen, wo neue Wohnungen ausgewiesen werden, wo nachverdichtet wird“, sagt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD). Aus den Wohnungseinheiten würden über Erfahrungswerte Kinderzahlen abgeleitet. „Aber das ist sehr pauschal – ob dann in die Wohnungen doch ältere Leute, Familien mit größeren oder kleineren Kindern einziehen, lässt sich nicht voraussehen.“

Die Stadt kann nur schauen, wie es sich entwickelt. Auf dem Riedberg etwa hat es sich anders entwickelt als gedacht. Da glaubte man, für das Neubaugebiet würden zwei Grundschulen für alle Ewigkeit reichen. Doch die Fluktuation ist dort groß. „Es kommen immer neue Leute mit neuen Kindern in der entsprechenden Altersgruppe“, sagt Weber. Der Stadt blieb nichts anderes übrig, als eine der Grundschulen in diesem Jahr zu erweitern – und eine neue zu gründen.

Zehn Schulen wurden seit 2015 eröffnet, 25 weitere sollen in den nächsten Jahren hinzukommen. Doch Standorte für neue Schulen in der wachsenden Stadt zu finden ist schwer. In der Innenstadt ist alles dicht bebaut, im Süden hat man ein Problem mit Fluglärm, im Westen gibt es zwar Freiflächen, aber die sind durch den Industriestandort kontaminiert. „Es würde 20 Jahre dauern, bis wir sie bebauen könnten“, sagt Weber. „Das hilft uns nicht. Wir brauchen die Schulen jetzt.“

Gibt es mögliche Orte zum Bauen, so konkurrieren in Frankfurt auch immer gleich verschiedene Interessen. Etwa für den Wohnungsbau. Und Unternehmen können oft viel höhere Summen für ein Grundstück bieten als die Stadt. 2015 hat die damalige Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne) sogar per Zeitungsanzeige verzweifelt nach geeigneten Flächen für Schulen gesucht.

Damit es überhaupt genügend Schulplätze gibt, werden schnell Container oder die modernen Holzmodulbauten in Landschaftsschutzgebiete wie an der Palleskestraße in Höchst für neue Schulen gestellt. Temporär natürlich, dort können die Schulen nur in Übergangsgebäuden untergebracht werden. Die Gelände müssen zurückgegeben werden. Endgültige Standorte für den Schulbau finden sich langsamer. Über einen Grundstückstausch mit dem Land wie beim Adornogymnasium kann im Westend ein neues Schulgebäude entstehen. In ehemaligen Hauptschulen kommen neue Schulen unter wie die KGS Niederrad. Groß im Kommen: Bestandsgebäude. Also Bürohäuser, die für eine Schulnutzung umgebaut werden sollen. Die Neue Gymnasiale Oberstufe in Bockenheim ist in einem ehemaligen Bürogebäude untergebracht, für die neue IGS im Frankfurter Norden soll voraussichtlich in Kalbach eins umgebaut werden. Aber das ist gar nicht so einfach. „Eine Schule hat andere Anforderungen“, sagt Günter Murr, Sprecher von Baudezernent Jan Schneider (CDU). Denn im Gegensatz zu einem Büro kommen in der Schule 1000 Schüler auf einen Schlag morgens an und gehen mittags in die Pause. „In den Treppenhäusern müssen entsprechende Wegeflächen sein.“

Der wenig vorhandene Platz in der Großstadt muss inzwischen auch ganz kreativ genutzt werden. Ein neues Schlagwort in Frankfurt: Hybridschule. Im Neubaugebiet Schönhofviertel in Bockenheim soll ein Kombigebäude entstehen: unten wird gelernt, oben gewohnt. Anderswo gibt es das schon, in Amsterdam etwa. In Deutschland gibt es noch keine Gebäude, in denen unten eine Schule und darüber Wohnungen angeordnet sind, Frankfurt wird die erste Hybridschule Deutschlands haben. „Es ist ein Versuch“, sagt Murr.

Ein Versuch, in der Stadt alles unter einen Hut zu bekommen. Oder unter ein Dach. Logistisch ist es allerdings nicht unproblematisch. „Es müssen zum Beispiel Lösungen gefunden werden, wie die Wohnungen unabhängig von der Schule erreicht werden können“, sagt Murr. Die Bewohner sollen schließlich nicht durch die Schulräume laufen müssen.

Aber kein Fitzelchen Platz soll in der Stadt mehr verschwendet werden. Die Schillerschule bekommt eine Turnhalle auf den Schulhof gebaut – das Dach wird dann zum Pausenhof. Die Mühlbergschule erhält einen Bibliotheksanbau – der selbstverständlich oben begehbar ist. Und weil der Hof an einigen Schulen nicht genügend Platz für alle Schüler bietet, gibt es versetzte Pausenzeiten für die Schulgemeinde. Man muss sich arrangieren.

Doch wie lange noch? „Das ist nicht absehbar“, sagt die Bildungsdezernentin. Nicht absehbar, wie lange der Trend anhält, in die Stadt zu ziehen. Wie lange die Schülerzahlen noch steigen. Wann keine neuen Schulen mehr eröffnen müssen. „In den nächsten zehn Jahren ist es nicht zu Ende“, sagt Weber. Damit aber Kinder bei den steigenden Kosten in Frankfurt nicht zum großen Luxus werden und Familien dann wegziehen, „ist es wichtig, günstigen Wohnraum zu schaffen“. Mit den entgeltfreien Kindergärten würde die Stadt auch dazu beitragen, dass die Familien finanziell entlastet seien. „Wir möchten schließlich“, sagt Weber, „dass die Familien bleiben.“ Und es mehr Kinder als Hunde in der Stadt gibt.

Unsere Serie „Frankfurt wächst“

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden? Mehr Texte unserer Serie „Frankfurt wächst“ gibt es als Plus-Inhalte in der Zeitung, im E-Paper und der FR+ App.

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