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Bekannte Wege und immer neue Fallen: Carlotta Coda, Studierende an der Hochschule am Nibelungenplatz, ist stark gehbehindert,

Barrierefreiheit in Frankfurt

Wachposten vorm WC

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Carlotta Coda ist gehbehindert und studiert in Frankfurt. Das klappt ganz gut. Wenn da nur diese vielen Nickligkeiten nicht wären ? wie die Toiletten, die sich nicht verschließen lassen.

Carlotta Coda schiebt einen Rollator mit Überbreite. Den braucht die 24-Jährige, damit sie nicht umfällt. Angeborene Spastiken in den Beinen machen ihr das Laufen schwer, und auch das Gleichgewicht kann sie nicht halten. So kommt sie zwar ganz ordentlich voran, doch überall, wo es eng wird oder sie ihre Hände für etwas anderes als das Festhalten an den Rollatorgriffen braucht, wird es schwierig. 

„Ich komme schon ganz gut zurecht, schließlich konnte ich schon mein ganzes Leben üben“, sagt Coda. Sie studiert im siebten Semester Soziale Arbeit an der University of Applied Sciences in Frankfurt (UAS), die früher Fachhochschule hieß. Gerade ist sie dabei, ihre Bachelorarbeit zu konzipieren. Das Thema steht schon fest: Inklusion und Hochschule. „Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit am Ende ein paar Handlungsempfehlungen geben kann, wie man die Situation von Studierenden verbessern kann“, sagt sie. 

Denn da gibt es auch an der UAS einiges zu tun. Zwar hat die Hochschule durchaus einige Kompetenz bei den Themen Behinderung und Inklusion vorzuweisen. So gibt es dort eine Musterwohnung, in der die technischen Möglichkeiten ausgestellt sind, wie Menschen mit Behinderungen möglichst selbstständig ihren Alltag zu Hause bewältigen können. Und auch ein Master-Studiengang für barrierefreie Systeme gehört zum Angebot.

Doch es sind oft die Kleinigkeiten, die nicht ins Auge fallen, die Coda das Leben schwerer als nötig machen. Zum Beispiel die WC-Türen. Zwar gibt es überall auf dem Campus Behindertentoiletten, und die lassen sich auch nur mit dem EU-weit einheitlichen Spezialschlüssel öffnen, wie ihn auch die 24-Jährige besitzt. „Aber ich kann die Tür von innen nicht so verschließen, dass nicht jemand anderes mit einem EU-Schlüssel von außen öffnen könnte, während ich auf der Toilette bin“, erzählt sie. Das sei doch dann schon ein Eingriff in die Privatsphäre, meint sie. Um sicherzugehen, dass es keine peinliche Situation beim Toilettengang gibt, bittet sie deshalb meist Kommilitoninnen, vor der Tür Wache zu schieben.

Oder der Kühlschrank mit den Getränken im Studierenden-Café. Steht Coda davor, um sich eine Flasche herauszunehmen, dann kann sie die Tür nur einen Spalt weit öffnen, bis diese an ihren Rollator anschlägt. Um nach hinten auszuweichen, ist der Platz vor dem Schrank zu eng. Würde dessen Tür sich aber statt nach rechts nach links öffnen lassen, käme Coda auch ohne fremde Hilfe an ein Getränk. Und dann ist da noch der Aufladeautomat für den Study-Chip, mit dem man beispielsweise in der Mensa zahlen kann. Der hängt so hoch, dass jeder, der hinter einem Rolli-Fahrer oder eben auch Carlotta Coda steht, beim Eingeben problemlos die PIN-Nummer mitlesen kann.

Bevor sie sich um einen Studienplatz beworben hat, hat die gebürtige Marburgerin in mehreren Hochschulen angefragt, ob ein Studium mit ihrer Behinderung möglich sei. „Frankfurt hat mir gleich gefallen, hier habe ich mich schon beim ersten Besuch wohlgefühlt“, erzählt sie. Und das sei auch heute noch so. 

Das liege vor allem an den Leuten, sagt Coda. „Die sind wirklich fast alle sehr hilfsbereit und freundlich“, sagt sie. Nicht nur auf dem Campus, sondern auch in der Stadt, wenn sie dort zum Einkaufen oder Ausgehen unterwegs ist. Packen an, etwa wenn der Rollator in die Straßenbahn gehoben werden muss. Oder Sachen im Regal zu hoch zum Greifen liegen. 

In der Hochschule machen alle bereitwillig Platz, wenn Carlotta Coda mit ihrem Rollator passieren will. Das ist recht häufig nötig, denn die Flure sind mitunter etwas schmal, vor allem, wenn dort Sitzgelegenheiten stehen. Auch in den Seminarräumen sei es eng, „es studieren hier einfach sehr viele Leute“, sagt sie. Immer wieder müssten Tische beiseite gerückt und Stühle weggestellt werden, damit sie Platz habe. 

Und dann sind da noch die Hindernisse, die kaum zu bewältigen sind. Wenn Aufzüge ausfallen und weite Umwege gemacht werden müssen. Oder sich eine schwere Eingangstür trotz Automatik nicht auf Knopfdruck öffnen will. Und der Eingang zum Theater. Sechs Stufen, ein simpler Handlauf zum Halten an der rechten Seite. Allein kommt Coda hier nicht nach oben. „Hier müsste wohl ein Aufzug hin“, sagt sie. „Aber der ist teuer.“ 

Vor einiger Zeit haben Master-Studierende einen Rundgang mit ihr gemacht und überall dort, wo es nicht weiterging, rote Stoppschilder mit der Aufschrift „Nicht barrierefrei“ aufgeklebt. An der Pinnwand hängt noch ein Bild von der Aktion, als zusätzlich noch Absperrband darauf aufmerksam machen sollte, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. 

Mit ihrer Wohnung hat die Marburgerin übrigens Glück gehabt. Sie hat gleich neben dem Campus ein Zimmer im Studierendenwohnheim bekommen. Eines, das als barrierefrei geführt wird. So sind immerhin die Wege zwischen Wohnen und Studium denkbar kurz. „Und das Bad ist auch wirklich sehr gut und funktionell ausgestattet“, sagt die 24-Jährige. Aber auch dort gibt es einen Haken. 

Zwar verfügt das Wohnheim über einen Aufzug. „Der sieht aus, als habe man ihn erst im Nachhinein an das Haus geklatscht“, sagt Coda. Die Ästhetik aber ist nicht das Problem. Sondern: Der Aufzug hält ausschließlich in den beiden Stockwerken, in denen es behindertengerechte Zimmer gibt. Warum auch immer. Besuche auf anderen Stockwerken, der Weg zur Dachterrasse oder in den Keller, wo die Waschmaschinen stehen, werden so zum Abenteuer.

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