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Kein Festtag ohne Annabelle.

Konstablerwache

Vorwiegend festkochend

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Ein Gang über den Markt, der jung hält und Eintracht-Fandurst löscht.

Günther Sattler hat eine Gesetzmäßigkeit erkannt. „Die Fußballer“, sagt der bärtige Obstbauer aus Unter-Ostern im Odenwald, „trinken eher Apfelwein als Wein.“ Womit er nicht direkt die Fußballer selbst meint, sondern jene, die zum Fußball gehen, um zuzuschauen. Die Sache ist nämlich die: Wer es mit der Eintracht hält, geht an Spieltagen vorher „zum Günther“ auf den Markt. Tradition. Man verabredet sich in den einträchtigen Internetforen oder ist einfach da. Früher gern am Samstagmittag. Aber seit die Adlerträger Europa erobern, spielen sie kaum noch samstags. Dafür sehr oft donnerstags. Wie weise, dass die Planer einst den Erzeugermarkt an der Konstablerwache just auf Samstag und Donnerstag terminierten.

30 Jahre liegen die Anfänge zurück. Und wer ist seit 30 Jahren dabei? Der Günther, Direktvermarkter der ersten Stunde, schon seit den frühen 60er Jahren im Geschäft. Anfangs verkaufte er Äpfel und Apfelsaft und Apfelwein auf dem Frankfurter Wochenmarkt. Zum Mit-nach-Hause-Nehmen. Dann setzte sich bei der Stadt die Überzeugung durch, dass ein Alkoholausschank, zunächst streng verboten, vielleicht doch die Attraktivität des Ereignisses steigern könnte.

Eine weise Einsicht. Und mit weiteren Erkenntnissen verbunden. Die Eintracht-Fans nämlich, die Günther Sattlers Stand mit ihren Aufklebern reich verziert haben, sind samstagnachmittags gegen halb drei und donnerstags irgendwann am frühen Abend weg – auf dem Weg ins Stadion eben. Aber gegenüber, beim Weinstand, ist noch Vollbetrieb. Ergo: „Die Fußballer trinken halt Apfelwein oder Bier.“ Sagt der Günther, und der muss es wissen. Er ist 75. „Ich könnt’ längst aufhören“, erzählt er im zünftigen Reichelsheimer Dialekt, „aber ich mach’s ja gern.“

Toastbrot. Nein. Von der Form her, vielleicht. Aber ansonsten, nein, mit einer Scheibe Toast lässt sich der Marktplatz Konstablerwache nicht wirklich vergleichen. Mit einer steinernen Bodenplatte, damit schon eher. Riesiges Rechteck, ein paar Treppenstufen erhöht, umrandet von hässlichen Nachkriegsfassaden, parkenden Lieferwagen und einem inneren Ring aus dürren Citybäumen. Auf Bodenplättchen eingraviert: die Namen der Paten, die den Platz mitfinanzierten, dennoch ein furchtbar unästhetischer Ort, das muss man schon sagen, aber zweimal die Woche das Paradies.

Dann nämlich: Kräuter, Blumen, Brot, Fleisch und Wurst und Käse und Fisch, Feinkost, Salat und Gemüse, Gemüse, Gemüse – alles aus eigenem Anbau von Tieren und Pflanzen aus der Region. Vogelsberger und Rhöner Bratwurst. Wetterauer Kartoffeln von Bauer Rück aus Oberdorfelden: Butterkartoffeln (Schwenker), Goldgelbe (Leyla), Pellemänner (alle vorwiegend festkochend), die Annabelle in ihren Erscheinungsformen als Festtags- oder Salatkartoffel (fest), die Berber (mehlig). Und während du überlegst, welche denn bloß, hörst du hinterm Rücken die Stimmen am nächsten Stand: „Morje. Ich hätt’ gern von dem Ebbelweikäs.“

Wen man auch anspricht, fast alle sind sie seit 30 Jahren dabei. Wie erfrischend, dass Michaela Maienschein am Ziegenkäsestand vom Schlüchterner Klosterhof sagt: „Seit November. Und ich selbst, ehrlich gesagt, seit heute.“ Das muss aber schwer gewesen sein, einen Standplatz auf diesem beliebten Markt zu ergattern – oder? „Überhaupt nicht“, sagt sie, selbst ein wenig erstaunt. Es habe sich herumgesprochen, dass ein Platz frei sei, und vier Wochen später stand der Ziegenkäse schon da. Übrigens, ohne dass dafür 50 000 Euro unter der Hand und so. „Es gab da die wildesten Gerüchte“, raunt Michaela Maienschein, „aber Quatsch.“

Das 30-jährige Bestehen des Erzeugermarkts ist Anlass für ein Fest am Tag der deutschen Einheit, 3. Oktober, von 10 bis 18 Uhr. Motto: „Regionales für die Stadt“. Es gibt zusätzliche Verkaufsstände und Workshops der Bauern für die Städter zu Themen wie Ernährung, Boden und Produktion.

Wie macht man Sauerkraut, wie Wachstücher, wie werden Blumensträuße gebunden? Könnerinnen und Könner werden es beim Fest demonstrieren. Auf der Bühne sind Gespräche und Interviews geplant.

Bloß nicht hungrig auf den Markt kommen, bloß nicht. Die Qual der Wahl! Aber durstig, das ist das Credo der Stammgäste beim Rollanderhof, durstig schon. Ob sie nun Fußballer sind, lassen wir mal dahingestellt, Weinfreunde sind sie auf jeden Fall. Wären sie vor 30 Jahren zu diesem Stand gekommen, hätten sie Eier kaufen können. Und höchstens mal ein Gläschen Wein „probieren“, das die Chefin heimlich mitbrachte. Aber dann, wie gesagt, die Abkehr vom Alkoholbann auf der Konsti.

Heute gackert kein Huhn mehr auf dem Rollanderhof, sagt Lukas H., der Mann hinterm Tresen, dafür schickt das Weingut seine Tropfen aus Saulheim auf die meisten Wochenmärkte in Frankfurt zur Direktverkostung. H. möchte nicht seinen ganzen Namen sagen, schmiss vor drei Jahren sein Englisch- und Politikstudium, um am Weinstand mitzutun, freut sich über den großen Zuspruch und erzählt von der Aufbaulogistik: Donnerstags um 7, samstags um 5.30 Uhr muss der Stand herangekarrt werden, nach strengem Zeitplan, sonst gibt es Chaos bei der Anfahrt der Lieferwagen durchs Nadelöhr.

Es wird zu heiß

Wenn sich was ändern müsste, sagt er, dann die klimatische Situation. „Vorige Woche war es superheiß hier, wir hatten mehr als 50 Grad.“ Einige Stände schlossen oder blieben fern. Dachbegrünung ringsum könnte helfen, sagt er, vielleicht auch Wasserdampf. „Das machen sie in Paris.“

Was sagen die Stammgäste? „Prost!“ Gestatten, Fritz Möller (81, Silvaner), Horst Ernst (70, Morio Muskat) und Erich Ernst (70, Morio gespritzt, nein, keine Zwillinge, nur zufällige Namensgleichheit). Warum sind sie hier? „Wegen der Freundschaft“, sagt Möller, „15 Leute, alle hier kennengelernt auf dem Markt beim Schoppetrinke.“ Woche für Woche kam man sich um eine Bank näher, dann war die Clique komplett. Jeden Donnerstag, jeden Samstag sind sie zum Frühschoppen hier „bis wir nicht mehr können“. Die Gruppe lacht. Aber im Ernst: „Man muss nur rechtzeitig aufhören“, sagt Horst. Mittags gehen sie heim, dann reicht’s. Und das Rezept, um so gutgelaunt zu altern? Na klar: „Regelmäßig zum Frühschoppen herkommen.“

Oder eben zum Günther. „Der beste Apfelwein, den man für Geld kaufen kann“, lobt der Kunde drüben am Ausschank, „und ich kriege hier manchmal Most – ohne den könnte meine Frau gar nicht leben.“ Die Männer lachen. „Ich kriege 450 Euro Rente. Der Aldi ist um die Ecke. Ich kaufe, was wir essen, lieber hier. Erstklassiges Gemüse, sag’ ich dir.“ Am Nachmittag füllt sich der Stand zusehends. Heute ist genug Zeit für einen Schoppen mehr. Die Eintracht spielt gegen Flora Tallinn erst um halb neun.

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