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Vorreiter im „roten Gürtel“

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Von: Johannes Vetter

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Bezirksvorsitzende Gabriele Kailing spricht zum DGB-Geburtstag.
Bezirksvorsitzende Gabriele Kailing spricht zum DGB-Geburtstag. © Rolf Oeser

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen und der DGB-Stadtverband feiern 70-jähriges Bestehen. Die Mitgliederzahlen steigen neuerdings wieder.

Mit zahlreichen Gästen aus der Stadt- und Landespolitik hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen am Samstag sein 70-jähriges Bestehen gefeiert. Mehr als hundert Menschen kamen am Vormittag zur Jubiläumsfeier ins Gewerkschaftshaus an der Wilhelm-Leuschner-Straße, darunter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) sowie der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). Gefeiert wurden außerdem das 70-jährige Bestehen des Frankfurter DGB-Stadtverbands sowie das 85-jährige Bestehen des Gewerkschaftshauses.

Noch bevor sich der DGB im Jahr 1949 als Dachorganisation der Gewerkschaften auf Bundesebene gründete, gab es in Hessen bereits den Freien Gewerkschaftsbund, der später zum DGB Hessen wurde. Im Jahr 1946 hatten sich die Gewerkschafter im Volkshaus Bergen-Enkheim zur Gründungsversammlung getroffen. Innenminister Beuth sagte am Samstag, über die Jahrzehnte seien die im Bund organisierten Gewerkschaften zu „herausragenden Institutionen unserer sozialen und politischen Ordnung“ geworden. Ihr Kampf, so Beuth, sei seit jeher ein „Kampf um Mitbestimmung“. Nicht immer sei das für alle bequem. „Zur Freiheit der Gewerkschaften“ gehöre es geradezu, „dass sie unbequem sind“, zitierte Beuth den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Zur Entwicklung der Gewerkschaften in den vergangenen 70 Jahren in Hessen sprach am Samstag der Politikwissenschaftler Frank Deppe. Er betonte, man könne die Geschichte des DGB ohne sein einstiges Umfeld im „roten Hessen“ kaum verstehen. Speziell in Südhessen fänden sich die „Industriestädte mit roter Tradition“. Offenbach, Hanau, Rüsselsheim sowie Frankfurt mit seiner Chemieindustrie von Fechenheim bis Höchst. Seit den 70er Jahren habe dieser „rote Gürtel“ jedoch große Teile seiner Industriearbeiterschaft verloren.

Der Übergang zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die zunehmende Bedeutung des Finanzmarktkapitalismus, der „Siegeszug des Neoliberalismus“, all das habe in den 90er Jahren dazu geführt, dass die Mitgliederzahlen der Einzelgewerkschaften zurückgingen. Ebenso sank die Zahl der Gewerkschaften unter dem Dach des DGB von 16 auf acht. Neuerdings würden die Mitgliederzahlen aber wieder steigen, sagte Deppe. Er sprach deshalb auch von einem „Comeback der Gewerkschaften“.

Ebenso Peter Feldmann: „Wir erleben heute, das ist mein feste Überzeugung, eine Renaissance der Gewerkschaften.“ Die Menschen, so Feldmann, würden in dieser Zeit nach Halt suchen. In der Politik müsse man von der Behauptung wegkommen, es gebe Vermittlungs- und Kommunikationsprobleme mit der Bevölkerung. „Wir haben in diesem Land vor allem ein Gerechtigkeitsproblem“, sagte Feldmann. Solidarität würde heute mehr denn je gebraucht.

Die Errungenschaften der Gewerkschaftsarbeit würdigte Gabriele Kailing, die Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen. Zuletzt habe man etwa den gesetzlichen Mindestlohn erstritten. Rückläufig sei hingegen seit den 90er Jahren die Tarifbindung der Betriebe. „Nur noch jeder dritte Betrieb ist in Hessen tarifgebunden“, sagte Kailing. „Und unsere Flächentarifverträge gelten nur noch für 53 Prozent aller Beschäftigten.“

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