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Vor Gericht: Verkehrserziehung mal ganz anders

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Von: Stefan Behr

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Prozess gegen Duo, das einen 19-Jährigen wegen dessen Fahrstils verprügelte.

Die Anklage, die am Mittwochmorgen vor dem Jugendgericht verlesen wird, lässt einen mal wieder erschaudern. Laut der regen sich ein 18 Jahre alter Autofahrer und sein 19 Jahre alter Beifahrer am 18. Mai vergangenen Jahres in Langen über den Fahrstil eines anderen Autofahrers auf. Sie verfolgen den 19-Jährigen bis vor dessen Haustür, um ihn „zur Rede zu stellen“. Tun sie aber nicht. Stattdessen schlagen sie ihn zu Boden und treten dort auf ihn ein. Auch seine zu Hilfe eilende Schwester kassiert einen Faustschlag ins Gesicht und eine aufgeplatzte Lippe.

Vor Gericht räumen beide die handgreifliche Verkehrserziehung ein. Das Opfer sei zuvor zu schnell und zu dicht und zu respektlos an ihnen vorbeigefahren. Doch statt ihren weisen Worten andachtsvoll zu lauschen, habe der Verkehrsrüpel ihnen frech ins Gesicht gelacht und dafür ordnungsgemäß eine Respektschelle „erteilt“ bekommen, auf die er mit einem Faustschlag geantwortet habe, so der damals 19-Jährige. Und schon sei man mittenmang in einer wunderschönen Debatte gewesen, bei der er selbst zu Boden gegangen sei, als er einem „Kick“ seines Kontrahenten ausweichen wollte.

Der damals 18-Jährige sagt, er habe seinem Freund zu Hilfe eilen wollen, als dieser am Boden lag. Im Rausch der Hilfsbereitschaft habe er sich dann auf seinen Gegner draufgesetzt und den ein bisschen verhauen. Als dann plötzlich die Schwester hinzugekommen, ihm auf den Rücken gehüpft sei und sich dermaßen in sein T-Shirt verkrallt habe, dass dies zerrissen sei, habe er sie beim Ausholen aus Versehen mit dem Ellenbogen erwischt, was ihm leid tue. Tritte gegen den am Boden Liegenden leugnen beide.

Das Opfer ist im Zeugenstand die Ruhe selbst. „So Sachen passieren“, sagt der heute 20-Jährige. Die Entschuldigung der beiden nimmt er an. Schmerzensgeld will er nicht. So wild kann es auch nicht gewesen sein: Ein paar Tage später hatte er einen Arzt aufgesucht, der aber keine Verletzungen finden konnte, nicht einmal blaue Flecken.

Da sich alle wieder lieb haben und schmerzfrei sind, stellt das Gericht den Prozess vorläufig ein. Beide Angeklagten müssen je 250 Euro an den Täter/Opfer-Fonds des evangelischen Regionalverbandes zahlen. Und ein bisschen Schimpfe von der Jugendrichterin gibt es obendrauf: Jemandem nachfahren und ihn belästigen, weil man mit dessen Fahrweise nicht einverstanden sei, „das geht gar nicht!“ Wenn jemand solche Sachen kläre, dann die Polizei. Aber leider sei es so, „dass viele Menschen völlig von Sinnen sind, sobald es ums Autofahren geht“. Ständig habe sie mit schwersten Verletzungen zu tun, die aus einem Fahrfehler resultierten. Nicht etwa, weil es gekracht habe. Sondern weil bei der anschließenden Klärung gerne im Auto mitgeführte Messer oder Baseballschläger eingesetzt würden. Von dieser Eskalationsstufe aber waren beide weit entfernt.

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