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Vor dem Finale: Frankfurt im Ausnahmezustand

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Von: Georg Leppert

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Ein schwarz-weißes Meer aus Schals und ein selbst gebastelter Pott. Eintracht-Fans auf Reisen. Foto: imago images.
Ein schwarz-weißes Meer aus Schals und ein selbst gebastelter Pott. Eintracht-Fans auf Reisen. © IMAGO/Schüler

„Wo schaust du das Spiel?“, ist derzeit vielleicht die meistgestellte Frage in Frankfurt. Die ganze Stadt steht vor dem Finale der Europa League hinter der Eintracht – das war nicht immer so.

Peter Feldmann hat sich festgelegt. Sollte die Eintracht die Europa League gewinnen, dann will der Frankfurter Oberbürgermeister die Mannschaft am Donnerstagabend im Römer, dem Rathaus, empfangen. So verkündete es der SPD-Politiker kürzlich im Stadtparlament.

Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, ist in Frankfurt ein Politikum. Feldmann steht unter Korruptionsverdacht, die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen ihn erhoben, und eigentlich hatte das Stadtoberhaupt angekündigt, öffentliche Auftritte nur noch mit „Augenmaß“ wahrzunehmen. Eigentlich. Tatsächlich ist Feldmann weiter überall dabei und ganz bestimmt auch bei der Siegesparty der Eintracht. Wer etwas anderes erwartet hatte, versteht nicht im Ansatz, was dieses Finale für Frankfurt bedeutet.

Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Supermärkte schließen am Mittwoch früher, damit alle Angestellte das Spiel sehen können. Metzgereien informieren ihre Kundschaft, dass sie am Donnerstag erst mittags öffnen, weil am Abend vorher gefeiert wird. Schulleitungen finden kreative Wege, den Unterricht am Donnerstag erst später starten zu lassen, damit selbst Zweitklässler:innen am Mittwoch bis 23 Uhr vor dem Fernseher sitzen können. Wenn sich Leute begegnen, lautet eine der ersten Fragen oft: „Wo schaust du das Spiel?“

50 000 Menschen antworten darauf: „In Sevilla.“ So viele Fans haben sich auf den Weg in die Stadt gemacht, in der das Finale ausgetragen wird. Teils ist die Anreise schwierig. Weil Direktflüge ausgebucht oder unbezahlbar sind, wird nach Faro geflogen oder nach Madrid oder nach Nordafrika und dann mit der Fähre übergesetzt. Oder die Fans setzen sich an der Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs in einen Bus und fahren 30 Stunden bis in den Süden Spaniens.

Dabei wird nur etwa jeder fünfte Frankfurt-Fan in Sevilla das Spiel auch im Stadion sehen. Nur 10 000 Tickets gingen an die Eintracht. Das Zehnfache davon hätte sie verkaufen können. Immerhin gibt es ein Fanfest in der Stadt. Mit Public Viewing.

Auch im Stadion im Frankfurter Stadtwald wird das Spiel auf großen Leinwänden zu sehen sein. Mehr als 50 000 Menschen werden zuschauen. Die Tickets hierfür werden für dreistellige Summen im Internet gehandelt. Karten für das Stadion in Sevilla gibt es auf dem Schwarzmarkt auch. Für 1500 Euro aufwärts.

Derart eng war die Beziehung zwischen der Eintracht und ihren Fans zuletzt vermutlich 1959. Damals kamen Hunderttausende in die Stadt, um die Meisterschaft zu feiern. Seitdem gab es einige Höhen und noch mehr Tiefen. Vier Mal stieg der Verein aus der Ersten Fußball-Bundesliga ab. Viele Frankfurter:innen wandten sich ab. Ein Verein, der bestenfalls im grauen Mittelfeld der Liga landete, passte nicht zu einer Stadt, die sich selbst sehr wichtig nimmt und stolz ist auf Superlative. Die höchsten Häuser, der größte Flughafen, die höchste Kriminalitätsrate.

Nun steht der absolute Höhepunkt bevor, der die Stadt an ihre Grenzen bringen könnte. Gewinnt die Eintracht, wird die Mannschaft am frühen Donnerstagabend in Cabrios vom Flughafen zum Rathaus gefahren. 20 0000 Menschen wären dann auf den Straßen, so die Schätzung. Mitten im Berufsverkehr. Es droht das totale Chaos. Planen lässt sich das alles nicht wirklich. Nur die Hochzeiten, die am Donnerstag im Römer geschlossen werden sollten, die hat die Stadt vorsorglich schon mal abgesagt.

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