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Von Utopie träumen

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Von: Baha Kirlidokme

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Die Tür zum „Utopischen Raum“.
Tür auf für Träume! © Michael Schick

Der „Utopische Raum“ hat die Besucher:innen zum Nachdenken angeregt. Hier versammeln sich Gedanken - zum Symposium und zu Utopien. Mit Bildern von Michael Schick.

Wie sieht kosmopolitische Utopie aus, und wie lässt sich diese in dystopischen Zeiten erreichen? Darauf gibt es wahrscheinlich so viele Antworten wie es Weltbürger:innen gibt. Die Veranstaltungsreihe „Utopischer Raum“ hat diese Frage am vergangenen Wochenende versucht zu beantworten. So anregend die Ideen waren, wurde das Dilemma in dem Kontext deutlich: Das Erörtern dieser Frage ruft neue Fragen hervor. In vielen grundsätzlichen Punkten herrscht Einigkeit, doch wie geht es weiter? Wie lassen sich diese Ideen umsetzen? Warum bleiben kosmopolitische Überlegungen oft in der Theorie stecken, während nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch sind?

Die jungen Autor:innen der Frankfurter Rundschau versuchen diese Fragen zusammen mit den Stimmen der Besucher:innen des „Utopischen Raums“ zu beantworten. Dabei sind ihnen ganz unterschiedliche Aspekte wichtig, die gleichzeitig auch Gemeinsamkeiten aufzeigen. Das Ermöglichen von Teilhabe für Menschen mit Behinderung, das kämpferische Organisieren einer Arbeiter:innenbewegung oder die Suche nach einem kommunikativen Schulterschluss mit Menschen aus anderen Bildungsschichten. All diese Aspekte haben eines gemein: Sie basieren auf grenzenloser Solidarität.

Wer möchte, kann das als realpolitisch nicht umsetzbar, als Träumerei zu den Akten legen. Wer aber aus dem Zeitalter der Krisen ausbrechen und gegen die Dystopie kämpfen möchte, traut sich nicht nur, von Utopien zu träumen, sondern arbeitet auch aktiv an ihrer Verwirklichung. Schließlich konnten sich die Menschen im Feudalismus auch keine andere Welt vorstellen, bevor die industrielle Revolution die Zeiten dieser Epoche endgültig beendete.

Symposium „Kosmopolitismus von unten – Annäherungen an globale Demokratie“, Paulskirche, Frankfurt, Bild x von73
Der Diskurs sollte heute diverser sein als zu Zeiten der Nationalversammlung in der Paulskirche. © Michael Schick

Grenzenloses Internet

Wer über Utopien spricht, über transnationale Bewegungen und Kosmopolitismus, muss über das Internet sprechen. Kaum eine Entwicklung hat die Menschheitsgeschichte so über den Haufen geworfen wie das Netz. Die Implikationen sind grenzenlos und berühren praktisch jeden Lebensbereich. Deshalb kann die Bedeutung dieser vernetzten Technologie gar nicht überschätzt werden.

Wie so vieles versammeln sich auch online Licht und Schatten. Kampagnen und Proteste können über soziale Netzwerke organisiert und Mitstreiter:innen gewonnen werden. Marginalisierte Menschen können ihrer Stimme selbstbestimmt Gehör verschaffen.

Auf der anderen Seite breitet sich online Hass und Hetze aus, deren Ziel es ist, eben diese Menschen wieder verstummen zu lassen. Der Kapitalismus hinterließ eine Spur der Verwüstung durchs freie und offene Internet, wie es einst gedacht war. Und Regierungen, demokratische wie autokratische, nutzen die Möglichkeiten, die das Internet bietet, um ihre Bevölkerung zu überwachen und zu steuern.

Die Chancen nutzen, die Gefahren eindämmen: Dann kann das Internet eine großartige Rolle bei der Verwirklichung unserer Träume spielen.

Jana Ballweber - Volontärin

Symposium „Kosmopolitismus von unten – Annäherungen an globale Demokratie“, Paulskirche, Frankfurt, Bild x von73
Die hohen Decken der Paulskirche lassen dem Geist viel Raum zum abschweifen. © Michael Schick

Von unten

Die ideale Utopie ist wohl die Welt, die Karl Marx und Friedrich Engels skizzierten: die klassenlose Gesellschaft. Darüber, wie sich diese erreichen lässt, gibt es eine Vielzahl von Antworten. Mittels Reformen, oder doch lieber durch eine Revolution? Braucht es die wortwörtliche Diktatur des Proletariats, oder eine demokratische Räterepublik als Übergangssystem? Muss es Weltrevolution geben oder durch Sozialismus in einem Land?

Welche Kämpfe man auch führt, wichtig ist, diese stets von unten zu führen. Dazu gehört als zentraler Punkt, sich zu organisieren, denn nur eine breite Basisbewegung kann die Macht haben, gegen den Status Quo anzukommen. Theorie ist wichtig, aber sie ist kein Selbstzweck. Sie ist Basis für Praxis, für politische Organisierung. Das betrifft Arbeiter:innen genauso, wie Arbeits- und Obdachlose. Rentner:innen, wie Schüler:innen. Europäer:innen wie Südamerikaner:innen. Wer die Zustände verändern will, kann nicht nur seine eigenen Kämpfe führen, sondern muss sich mit den Kämpfen der anderen solidarisieren. Muss sich gemeinsam organisieren. Wer eine bessere Welt erreichen möchte, muss diese Kämpfe vor allem global in die jetzige Welt tragen. Und ja, Lauffeuer lassen sich bereits lokal entfachen.

Baha Kirlidokme - FR+

Kosmopolitismus von unten, als Cousin der Globalisierung, hat mich neugierig gemacht. Den Begriff Radikale Demokratie finde ich sehr gut. Mit  einem Kreuzchen beim Wählen ist es nicht  getan, es müssen alle individuell ran.

Jochen Kleinhenz (54) aus Würzburg

Wohin ohne uns?

Ein Kosmopolitismus von unten ist ohne migrantisierte Menschen nicht möglich. Doch werden sie oft vergessen - auch in progressiven linken Räumen. Meistens wird als Grund genannt, dass sie nicht akademisch genug seien und Diskussionen über sie besser ohne sie geführt werden könnten. Die Migration ist heute eine unvermeidbare Realität. Migrant:innen sind überall, und ohne sie ist die Welt unvorstellbar. Wenn es um das Thema Migration geht, sollte die Diskussion nicht mehr ohne die Beteiligung von migrantisierten Menschen stattfinden. Denn ein Diktat, eine Überlegung von oben für unten. werden sie sich nicht mehr einreden lassen - und das sollte man lernen.

Yağmur Ekim Çay - Volontärin

Symposium „Kosmopolitismus von unten – Annäherungen an globale Demokratie“, Paulskirche, Frankfurt, Bild x von73
Wer sich Gehör verschaffen kann und wer nicht, beeinflusst, ob eine Welt Teilhabe für alle ermöglicht. © Michael Schick

Paulskirche kritisch betrachten

Im Laufe der neuzeitlichen Geschichte hat es viele gewaltige Revolutionen gegeben und darunter erfolgreichere als die der Revolution von 1848. Die ist deshalb besonders, weil sie sich innerhalb von wenigen Tagen auf dem ganzen Kontinent ausgebreitet hat und innerhalb von wenigen Wochen unzählige Regierungen nicht mehr im Amt beließ. Das macht die Revolution zu der am weitesten ausgebreiteten und zugleich der am wenigsten erfolgreichen Revolution dieser Art.

Nach sechs Monaten war die totale Niederlage abzusehen. Innerhalb von 18 Monaten waren fast alle Regime, die gestürzt wurden, wieder eingesetzt.

Dabei wurden nicht nur die Rufe nach Demokratie und nationaler Einigung in Deutschland schnell erstickt, auch die sozialrevolutionären Forderungen eines dreißigjährigen Karl Marx und achtundzwanzigjährigen Friedrich Engels, die am 24. Februar 1848 eine Programmschrift veröffentlichten, die weltberühmt werden sollte. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ spiegelte die Hoffnungen, wie auch Befürchtungen vieler wider und mahnen bis heute.

Während die Rufe nach nationaler Einigung nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und die Demokratisierung durch die Weimarer Republik 1918 erhört wurden, verbleiben die sozialrevolutionären Forderungen bis heute ein nicht eingelöstes Versprechen. Auch dafür steht der erste demokratische Versuch auf dem Territorium, das wir heute als Deutschland kennen. Was bedeutet das aber für uns im hier und jetzt? Heutige Utopien müssen die Widersprüche vergangener Erfahrungen reflektieren und in sich aufnehmen, um darüber hinaus Wirksamkeit zu erreichen.

Lukas Geisler - Praktikant Lokales

Symposium „Kosmopolitismus von unten – Annäherungen an globale Demokratie“, der utopische raum im globalen frankfurt, Offenes Haus der Kulturen im Studierendenhaus, Frankfurt, Bild x von 33
Die inspirierendste Umgebung nützt nichts, wenn die Inhalte in den immer gleichen, ermüdenden Formaten präsentiert werden. © Michael Schick

Utopische Didaktik

Utopien, aber auch soziale Bewegungen mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen und Aktionen sind unerlässlich für gesellschaftliche Veränderungen. Doch in einer breiten Öffentlichkeit verfangen ihre Anliegen oft nicht. Menschen außerhalb der Bewegung sehen oft keinen Bezug zu ihrer Realität. Ähnliches gilt für Debatten über utopische Räume, denn diese können schnell zu elitär oder einfach nicht zugänglich wirken. Strategien für einen gesellschaftlichen Wandel sind allerdings dann erfolgreich, wenn sie breite aktive Unterstützung erfahren. Denn eine utopische oder systemverändernde Transformation muss die Potenziale der gesamten Gesellschaft nutzen. Es sollte deswegen darum gehen, Veränderung für die Gesellschaft in ihr und aus ihr heraus zu erkämpfen. Aus diesem Grund braucht es Formate, die anti-elitär und zugänglich sind - ohne dabei die komplexen Problemlagen der kapitalistischen Produktionsform aus den Augen zu verlieren.Die zentrale Frage, auf die bisher keine abschließende Antwort gefunden wurde, ist: Wie können Utopien, die für alle zugänglich sind und sogar von einer breiten Öffentlichkeit heraus entstehen, vermittelt werden? Oder anders formuliert: Nicht nur die Utopie muss über die Wirklichkeit hinaus gehen und sie überwinden, sondern es braucht auch eine utopische Didaktik.

Lukas Geisler - Praktikant Lokales

Mit diesem Vokabular fühle ich mich ausgeschlossen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und habe studiert, aber es ist schwer mitzukommen. Wenn man von unten etwas erreichen will, muss man alle Menschen einschließen.

Mirijam (27) auf Frankfurt

Ohne Barrieren

Eine Utopie Wirklichkeit werden lassen, in der alle Menschen Teilhabe erfahren und demokratisch zusammenarbeiten, kann nur funktionieren, wenn behinderte Menschen mitgedacht und vor allem als gleichwertige Gesprächspartner:innen angesehen werden.

Dabei reicht es nicht, tatsächliche Räume ohne physische Barrieren zu gestalten. Das ist das Minimum. Aber Barrieren beziehen sich nunmal nicht immer nur auf körperliche Zugänge. Barrieren können auch unsichtbar und somit Einschränkung durch sie von außen nicht erkennbar sein.

Sprache kann eine solche Barriere, darstellen, was nicht bedeutet, dass politische Diskurse ab sofort exklusiv in leichter Sprache debattiert werden müssen. Vielmehr muss die Hierarchie aufgebrochen werden, welche Art zu sprechen Bedeutung und Aufmerksamkeit verdient hat und welche nicht.

Menschen die von ihrer Umwelt an einer gleichberechtigten Teilhabe gehindert werden, weil sie nicht der von der Gesellschaft gesetzten Norm entsprechen, müssen nicht nur mitgedacht werden, sondern eben auch Teil der Diskussionsräume sein.

Anna Laura Müller - Volontärin

Ich brauche noch Zeit, um das zu verarbeiten und habe mir viele Notizen gemacht. Die fehlenden Informationen werde ich im Internet abrufen. Um soziale Projekte in Afrika aufzubauen, wäre ich stärker an Vernetzung interessiert.

Elisabeth Kamano-Heinrich (44) aus Hamburg

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