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Von Stadtluft und Landliebe

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Von: Andreas Hartmann, Meike Kolodziejczyk

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Lichter der Großstadt: Die Frankfurter Skyline in der Abenddämmerung. Bild: Renate Hoyer
Lichter der Großstadt: Die Frankfurter Skyline in der Abenddämmerung. Bild: Renate Hoyer © Renate Hoyer

Ein Frankfurter zieht in den Taunus, eine Taunusbewohnerin nach Frankfurt - was ihnen dort gefällt und was sie vermissen

Am besten schmeckt doch das Gemüse aus Maibach. Anette Hofmann, die in dem 400-Seelen-Dorf im Taunus aufgewachsen ist, das heute zu Butzbach gehört, hat gerade einen Teller davon zum Mittagessen gekocht, jetzt sitzt die 56-Jährige in ihrem Wohnzimmer in Frankfurt-Bornheim und erzählt, warum sie vor 35 Jahren in die Großstadt gezogen ist und was für sie Heimat bedeutet – Frankfurt oder Maibach, wo sie noch Familie hat und sich um den elterlichen Garten kümmert. „So ganz habe ich es ja nicht verlassen“, sagt die Managerin, die zwischendurch auch mal vier Jahre in Shanghai gearbeitet hat.

Heimat wurde die chinesische Metropole in dieser Zeit zwar nicht, „aber es war schon ein Daheim für mich. Ich war immer stolz, wenn ich es meinen Gästen zeigen konnte“. Sie hat in dieser Zeit sogar Chinesisch gelernt, als eine der wenigen Ausländerinnen dort. Dadurch hatte sie auch privaten Kontakt zu Einheimischen, war einmal sogar auf einer großen chinesischen Hochzeit eingeladen.

Frankfurt könne sie wohl Heimat nennen, Maibach sei hingegen „Wurzelheimat“, gegeben durch die familiären Bindungen. In der alten Heimat kennt man sich, fast alle sind per Du. Maibacher Treffpunkte sind der Gesang- und der Sportverein, die Bank vor der Feuerwehr und im Sommer das kleine Freibad des Ortes.

Der Freiwilligen Feuerwehr ist Daniel Singh zwar noch nicht beigetreten, trotzdem sei er inzwischen angekommen in der hessischen Provinz, sagt er, und diese Erkenntnis scheint ihn selbst etwas zu überraschen. Seinen richtigen Namen möchte der Endvierziger lieber nicht in der Zeitung lesen, denn er komme sich wegen seiner Herkunft und seines Berufs zuweilen immer noch exotisch genug vor in dem kleinen Dörfchen im Taunus, in dem er nun seit gut fünf Jahren lebt.

Der Musiker, dessen Vater aus Asien stammt, ist mit Frau und Kindern aus Frankfurt weggezogen, weil die Zweizimmer-Wohnung irgendwann zu klein war für die Familie – und die Miete für ein größeres Domizil in der Stadt zu teuer. Es ergab sich die Gelegenheit, ein bereits länger leerstehendes Haus zu beziehen, in einem Ort mit weniger als 200 Einwohner:innen. Es war günstig, in schöner Lage und Landschaft – und mehr als 50 Kilometer von Frankfurt entfernt. „Wir dachten: Probieren wir es aus“, erzählt Singh. „Wenn es uns nicht gefällt, können wir ja wieder weg.“

Viele in der Großstadt träumen vom Landleben. Hat Anette Hofmann mal überlegt, zurückzuziehen in den Taunus, in die Ruhe? „Da würde mir das Urbane fehlen! Kultur, Sport, Einkaufen, das kann man dort schlecht. Ich habe den Luxus, dass Maibach gut erreichbar ist und ich zwischen den Welten pendeln kann, wenn ich will. Das empfinde ich schon als Luxus. Hoffentlich bleibt das auch noch lange so. Den grünen Taunus würde ich sehr vermissen, aber ich fühle mich inzwischen schon fremd dort, wie zu Besuch, als Gast. Manchmal ist das zu eng. Aber dass man dort von der Haustür aus zwei Stunden laufen kann, ohne eine Menschenseele zu treffen, das ist schon ein krasser Gegensatz zu Frankfurt.“

Zuzug und Wegzug

Frankfurt wächst und wächst. Rund 64 000 Menschen ziehen im Schnitt jedes Jahr in die Stadt am Main, 57 000 ziehen fort. Laut Melderegister verzeichnet Frankfurt im ersten Halbjahr 2022 (Stand Juni) mit 764 474 Einwohner:innen einen neuen Bevölkerungsrekord. Seit 2015 stieg die Zahl um etwa 40 000.

Während im ersten Corona-Jahr 2020 die Entwicklung stagnierte und die Bevölkerung 2021 infolge der Pandemie sogar um mehr als 5000 Personen zurückging, stieg sie im ersten Halbjahr 2022 ungewöhnlich stark an, und zwar um fast 11 000 Menschen.

Dieser rasante Anstieg ist größtenteils auf die Ankunft von Geflüchteten aus der Ukraine zurückzuführen, heißt es in einem Statistik-Bericht der Stadt Frankfurt. So stieg die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner mit ukrainischer Staatsangehörigkeit von 2271 Ende 2021 auf 9541 im Juni 2022 an. Das entspricht einem Plus von mehr als 7000 Menschen oder 320 Prozent.

Gut die Hälfte der in Frankfurt lebenden Menschen hat internationale familiäre Beziehungen. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes hat eine Person dann einen „Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“.

Menschen aus knapp 180 Nationen leben in Frankfurt. Eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit haben 236 903 Einwohner:innen der Stadt, was einer Quote von 31 Prozent entspricht (Stand Juni 2022). Damit liegt Frankfurt unter den kreisfreien Städten deutschlandweit an zweiter Stelle – hinter Offenbach mit etwa 37 Prozent.

Türkinnen und Türken stellen mit 24 337 Personen und einem Anteil von 10,3 Prozent nach wie vor die größte Gruppe der ausländischen Einwohner:innen Frankfurts. Es folgen Kroat:innen mit knapp 16 000 (6,7 Prozent), Italiener:innen mit 15 000 (6,3 Prozent) und Pol:innen sowie Rumän:innen mit je etwa 11 000 Menschen (4,6 Prozent). Die größte nicht-europäische Gruppe machen die Inder:innen mit knapp 9000 Menschen (3,8 Prozent) aus. myk

Daniel Singh denkt manchmal wehmütig an seine Zeit in Frankfurt zurück. „Ich habe mich dort sehr wohl und richtig gefühlt, also durchaus heimisch.“ Den Begriff „Heimat“ möchte er nicht verwenden, er hält ihn für „angestaubt und belastet“, zumal in einer Zeit, in der so viele Menschen aus ihren Heimatländern flüchten müssten und leider nicht überall willkommen seien, bloß weil sie eine andere Hautfarbe oder einen anderen Glauben haben. Auch er müsse im Hinterland aufpassen, sich nicht versehentlich in die falsche Kneipe zu setzen.

In „seinem“ Dorf habe es da zum Glück bislang keine Probleme gegeben, Die Leute seien in Ordnung und seine Familie und er völlig selbstverständlich ins Dorfleben integriert. „Ich bin sicher, dass das nicht in jedem kleinen Ort so laufen würde.“

Ansonsten genießt der Musiker die Idylle und die Natur. „Vor allem während der Lockdowns in der Corona-Pandemie war ich wirklich froh, nicht mehr in der Stadt zu leben.“ Doch manches fehlt ihm hinter den sieben Bergen. Der ÖPNV zum Beispiel. „Hier ist man aufs Auto angewiesen.“

Und ganz besonders vermisst er das üppige Kulturprogramm. In Frankfurt sei er gern auch mal spontan ausgegangen, ins Konzert, ins Theater, in eine Ausstellung. „Auf dem Land ist der Aktionsradius da doch etwas enger gesteckt.“

Es freue ihn daher sehr, dass er aufgrund seines Berufes und alter Freundschaften weiterhin regen Kontakt zur Großstadt habe.

Freier Blick: Auf dem Hausberg im Taunus. Bild: Hartmann
Freier Blick: Auf dem Hausberg im Taunus. Bild: Hartmann © Andreas Hartmann

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