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Von Liebe und Spaltung

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Von: Gernot Gottwals

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Erzbischof Zbignevs Stankevics aus Riga war beim Karlsamt Hauptzelebrant und Prediger.
Erzbischof Zbignevs Stankevics aus Riga war beim Karlsamt Hauptzelebrant und Prediger. © Maik Reuss

Lettischer Erzbischof Stankevics predigt im Frankfurter Dom.

Die Tür steht offen. Offen für Dialoge, Nächstenliebe und gemeinsame Lösungen, um den Frieden in Europa zu bewahren und die Corona-Pandemie zu überwinden. Ein starkes Bild von Zbignevs Stankevics, Erzbischof von Riga: Die Stadt will wegen Corona die Kirchen schließen – und Gläubige aller Religionen schließen sich zusammen, damit die Gotteshäuser zum Gebet offen bleiben.

Offen stehen auch die Türen des Frankfurter Kaiserdoms Sankt Bartholomäus, als die Geistlichen und Ordensritter zum Karlsamt einziehen und Kantor Johannes Wilhemi die Karlssequenz und die Kaiserlaudes anstimmt. Darunter der Deutsche Orden, der im 13. Jahrhundert die Ostkolonisation vorantrieb, während die Verehrung Karls des Großen mit feierlichen Liturgien in Aachen und Frankfurt einen Höhepunkt erreichte. „Der Schwertbrüder und der Deutsche Orden haben die Kultur und Geschichte Livlands und des Baltikums geprägt“, betont der ehrenamtliche Stadtrat Bernd Heidenreich (CDU) beim Empfang im Römer.

Pandemiebedingt folgt der lettische Erzbischof Stankevics der Einladung zum Karlsamt ein Jahr später. Nun bedroht der russisch-ukrainische Konflikt die Sicherheit Europas und seine Anwesenheit könnte beim Frankfurter Hochamt zu Ehren des „Vater Europas“ kaum aktueller sein.

Viele Einflüsse vertreten

Bischof Georg Bätzing verweist zur Begrüßung seines baltischen Amtsbruders im Dom auf den „Schmelztiegel Lettland“: Letten, Deutsche, Polen, Russen, katholisch, evangelisch und orthodox – viele Einflüsse waren oder sind in diesem Land mit direkter Grenze zu Russland und Belarus vertreten. Beim Empfang im Kaisersaal, im wegen Rauchalarm vorzeitig abgebrochenen Domgespräch mit Joachim Valentin und in seiner Predigt zum Karlsamt wirft Stankevics einige Schlaglichter auf die aktuelle Situation in seinem Land und in Osteuropa. Das Thema sexueller Missbrauch wird nicht angesprochen. „Die Letten sind Europäer, wir sind Mitglied in der EU und Nato. Daher ist mehr Druck aus Deutschland und der EU nötig, ohne aggressiv gegenüber Russland aufzutreten“, betont Stankevics. Denn die Angst, nach der Ukraine und Belarus könnte auch Lettland ins Visier Russlands geraten, sei spürbar. „Ich empfing 2010 meine Bischofsweihe in der evangelische Domkirche zu Riga, da unsere katholische Kathedrale zu klein war“, erinnert sich Stankevics dann. Schwieriger gestalte sich die Ökumene mit der mehrheitlich durch lettische Russ:innen vertretenen Orthodoxie.

Im Kaiserdom predigt Stankevics von der uneigennützigen Liebe und warnt vor der zunehmenden Spaltung der Menschheit. Er drückt dabei auch seine besondere Wertschätzung für katholische Laien und Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Identität aus, die man auf dem synodalen Weg der Weltkirche mitnehmen müsse. „Auch in der Pandemie sind Depression, Unwissenheit und Verwirrung die zunehmenden Folgen“, stellt Stankevics fest. Um dieser Herausforderung zu begegnen, gelte es die Botschaft der Liebe Gottes zu verkünden und die Menschen zum Gespräch zu bewegen: Impfgegner:innen und -befürworter:innen ebenso wie die Vertreter:innen verschiedener Länder und politischer Interessen.

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