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Von Frankfurt in den Vogelsberg: Zurück zur Quelle im Vogelsberg

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Von: Jürgen Streicher

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Hier wird Wasser aufgenommen, um es zu seinem ursprünglichen Erscheinungsort zu bringen.
Hier wird Wasser aufgenommen, um es zu seinem ursprünglichen Erscheinungsort zu bringen. © Michael Schick

Frankfurt ist zu durstig: Hunderte Aktive bringen Wasser von Frankfurt zurück zur Quelle am Hoherodskopf.

Na klar, dass Anton selbst fährt, auf seinem kleinen Rad im Polizeidesign. Anton ist vier Jahre alt, er ist es so gewohnt, in der Familie wird möglichst viel mit dem Rad erledigt. Am Fahrradanhänger hat die junge Mutter eine Fahne der Klimaschutzinitiative Riedberg befestigt. Im Hänger transportiert die Mama statt Anton zwei große Eimer Wasser, um die 30 Liter etwa. Das Wasser soll über mehrere Stationen am Fluss an die Quelle der Nidda zurückgebracht werden.

„Wir tragen das Wasser von Frankfurt in den Vogelsberg“, lautet das Motto aller Radler und Läufer beim etwas komplizierten Rückgabeprozess, ein symbolischer Akt von Bedeutung. Denn der Vogelsberg verdurstet langsam, Mensch und Tier darben, der Mensch zahle annähernd doppelt so viel für das heimische Trinkwasser wie der Frankfurter, schimpft eine Frau. In heißen Sommern komme das Wasser mit dem Tankwagen in die Dörfer, das müsse man sich vorstellen.

Anton und all die anderen, die sich am „Wasserlauf“ beteiligen, sind die Botschafter eines Dramas, das noch immer nicht als solches in den Köpfen der Menschen angekommen ist. Nicht bei den Verbraucher:innen, zu wenig in der Politik, findet das Bündnis von Naturschutzverbänden, Vereinen und Kommunen entlang der Nidda. Vor allem Frankfurt mache die Hausaufgaben nicht, von den 54 Millionen verbrauchten Kubikmetern Trinkwasser pro Jahr stammen nur etwa 25 Prozent aus ortsnahen Vorkommen.

„Die Stadt müsste ihre eigenen Wasserwerke mehr auslasten, selbst mehr Wasser gewinnen und vor allem Brauchwasser wiederverwerten“, fordert Gabriele Geiß, Landwirtin im Vogelsberg, Organisatorin des „Wasserlaufes 2022“. Von der Mündung bis zur Quelle ist sie am Samstag dabei, anfangs noch ein bisschen enttäuscht, weil sie auf noch mehr Aktivist:innen schon am Startpunkt gehofft hatte.

Statistiken sehen Frankfurt an der Spitze. Nirgends in Hessen ist der Verbrauch an Trinkwasser pro Kopf höher als in der Metropole, 158 Liter spült der Frankfurter täglich meist in Richtung Kläranlage. Fast alles kommt von weit her, vom Hessischen Ried, vom Kinzigtal, vom Vogelsberg vor allem. Und jede Menge geht schon auf dem Weg zu den Menschen verloren, aufgrund maroder Fernleitungen, Leckagen im städtischen Netz und poröser Rohrleitungen, um Millionen Kubikmeter geht es da. Nur für die bildliche Vorstellung: NASA-Forscher haben ermittelt, dass Deutschland in 20 Jahren ungefähr 50 Milliarden Kubikmeter Grundwasser verloren hat, ein gefüllter Bodensee.

Die Zahlen, die am Morgen am Alten Flugplatz Bonames durch die Luft schwirren, klingen ebenfalls dramatisch. Vor allem aber sind es die Bilder, die gezeichnet werden durch Berichte der Menschen, durch Fotos aus dem Vogelsberg, bei deren Anblick man sich in die afrikanische Savanne versetzt fühlt. Wenn Kühe in verdorrtem Land unter einem Baum lagern, der mit hälftig totem Geäst kaum noch Schatten spendet. Man muss gar nicht so weit gucken, am Flugplatz Bonames hat die Nidda auch schon mehr Wasser geführt, das Umfeld ist eher gelbbraun als frischgrün.

Die Brühe, die reife Jungs der Vogelsberger Ski-+-Sport-Freunde direkt an der Brücke mit der Skulptur des Grüngürteltiers abschöpfen, sieht nicht nach Bade- oder Trinkwasser aus. Um die 50 Naturfreund:innen sind mit einem gecharterten Bus angereist, zurück mit Wasser im Handgepäck radeln sie die knapp 80 Kilometer bis zum Niddastausee, mit reichlich Trillerpfeifengetröte Aufmerksamkeit heischend. Diese Bilder versöhnen Gabriele Geiß mit dem holprigen Start. Und die Bilder vom Niddastausee am Nachmittag, von dem aus viele junge Sportler:innen zum Gipfelsturm mit Wasserübergabe an die Quelle aufbrechen. Natürlich auch, dass die Idee vom Netzwerk angekommen ist und so viele Menschen aktiviert wurden. Geiß: „Das war schön, ein sehr wichtiger Erfolg. Wasserversorgung ist Daseinsvorsorge.“

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