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Von der Handels- zur Wissenschaftsstadt

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Von: Gernot Gottwals

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Stadtteilhistorikerin und Psychologieprofessor arbeiten die Geschichte des Psychologischen Instituts auf.

Heute ist das 1905 gegründete Psychologische Institut in der Varrentrappstraße eines von vielen an der Goethe-Universität. Doch die bedeutende Rolle, die die Psychologie für den lange gehegten Wunsch einer eigenen Alma Mater in Frankfurt spielte, erforschten die Stadtteilhistorikerin Gunta Saul und der Psychologieprofessor Ulrich Stangier für eine eigene Dokumentation.

Die daraus entstandene Ausstellung „Älter als die Universität. Das Psychologische Institut 1905-heute“ ist nun im Internet als Dauerausstellung zugänglich: „In einem imaginären Rundgang durch die digitale Ausstellung spannen wir den Bogen von der Gründungsphase um 1900 über die erste Blütezeit des Psychologischen Instituts in den 1920er Jahren, den Zäsuren in der Nazizeit, den Neuanfängen und den Übergängen ins 21. Jahrhundert“, erklärt Stangier.

„Im Festsaal des Jügelhaus der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung präsentierten wir unsere Ergebnisse am 27. Oktober. Auch die Festreden unter anderem von Universitätspräsident Enrico Schleiff sind nun online abrufbar“, ergänzt Gunta Saul. Die Digitalisierung der Beiträge ermöglicht nun einen dauerhaften Besuch der Ausstellung.

„Als ich mich 2018 als Stadtteilhistorikerin bei der Polytechnischen Gesellschaft für das Projekt bewarb, legte man mir nahe, meinen Schwerpunkt auf das Wirken von Professor Karl Marbe und Oberbürgermeister Franz Adickes um 1906 bis 1910 zu konzentrieren“, sagt die Diplomsoziologin. Saul entwarf für ihre Ausstellung die Plakate für die Gründerzeit, Stangier unterstütze mit einer Studentengruppe ihr Projekt mit weiteren Plakaten ab dem Nationalsozialismus bis heute.

Der Gesamtüberblick reicht zurück bis zur preußischen Annexion Frankfurts 1866: Der Abstieg der Handels- und Messestadt zu einer Provinzstadt machte der Bürgerschaft klar, was man sich nun wünschte, um diese Schmach zu kompensieren: „Als Ersatz für den Verlust des Bundestags und der mit ihm gegebenen deutschen und europäischen Stellung in Frankfurt eine Universität zu errichten“, so Franz Adickes. Zum Ideengeber wurde somit der Oberbürgermeister, der Karl Marbe zum Professor für Philosophie, Psychologie und Pädagogik berief und mit einer philosophischen Fakultät die Natur- und Geisteswissenschaften als Klammer für alle Fächer bündelte.

So kam dem Psychologischen Institut neben der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft und dem Physikalischen Verein eine bedeutende Rolle bei der erfolgreichen Universitätsgründung 1914 zu. „Und schon in den 1920er Jahren gelangte das Institut zu besonderer Bedeutung unter Forschern wie Max Wertheimer, der in Frankfurt die Gestaltpsychologie zur Erforschung menschlicher Wahrnehmung begründete, um heute den Menschen in irrationalen Situationen und unter sozialer Isolation wie einer Pandemie oder einem sinnlosen Krieg die Situation zu erklären“, betont Stangier.

Unter dem nationalsozialistischen Uni-Präsidenten Ernst Krieck mussten zahlreiche jüdische Psychologiestudenten und -dozenten das Institut verlassen. Wertheimers Nachfolger Wolfgang Metzger passte sich dem Regime an, um die Tradition der Frankfurter Schule der Gestaltpsychologie aufrechtzuerhalten. Für den Notbetrieb während des Kriegs und den Neuaufbau zeichnete sich Metzgers Nachfolger Edwin Rausch verantwortlich.

Nach dem Vorbild der kritischen Theorie der Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer entwickelte sich 1968 die Kritische Psychologie. In der von den Studentenunruhen geprägten Frankfurter Universität wirkte sich diese jedoch kaum auf den Lehrbetrieb aus.

Hingegen waren die 70er Jahre dann geprägt von der Auseinandersetzung zwischen dem Institut für Psychologie unter Leitung von Fritz Süllwold und dem Institut für Psychoanalyse unter Leitung von Alexander Mitscherlich. Mit dem 1999 in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetz wurde das Psychologische Institut schließlich auch Ausbildungsstätte und Versorgungseinrichtung für Psychologische Psychotherapie. Diese verblieben in der Varrentrappstraße in Bockenheim, während der größte Teil des Instituts 2013 auf den Campus Westend umzog.

Die Ausstellung im Internet: https://psychologie-welt-frankfurt-am-main.de/

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