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Einfach nur nach Frankfurt zurück, möchte die Familie; aber das ist gar nicht so einfach. B. Roessler/dpa
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Einfach nur nach Frankfurt zurück, möchte die Familie; aber das ist gar nicht so einfach. B. Roessler/dpa

Familie sitzt fest

Von Afghanistan zurück nach Frankfurt: Der lange Weg nach Hause

In den Sommerferien wollte eine Frankfurter Familie Verwandte in Afghanistan besuchen. Nach der Machtübernahme der Taliban sitzen sie dort wochenlang fest. Nun hoffen sie, von Pakistan aus bald nach Hause fliegen zu können.

Sie wollten für vier Wochen nach Afghanistan. Das Ehepaar Nur aus Frankfurt/Main hatte drei Jahre lang gespart, um mit fünf seiner Kinder ins Geburtsland der Eltern zu reisen. Als die Familie zu Beginn der Sommerferien nach Kabul flog, ahnt niemand von ihnen, dass sie elf Wochen später immer noch dort sein würden. Die Machtübernahme der Taliban durchkreuzte alle Pläne. Ihr Rückflug fand nicht statt. Dabei hatte ihn der in Frankfurt gebliebene 17 Jahre alte Sohn Casar angesichts des Taliban-Vormarschs schon auf ein früheres Datum umgebucht. Nicht früh genug. Und die Evakuierungsflüge der Bundeswehr waren für die Familie nicht erreichbar. Zu gefährlich erschien ihnen in diesen Tagen der weite Weg aus der Provinz Zadran im Südosten des Landes, wo sie auf einem Dorf bei Verwandten zu Gast waren, in die Hauptstadt. „Meine Eltern wollten vor allem meine jüngeren Geschwister, die neun, elf und 14 Jahre alt sind, nicht in Gefahr bringen“, berichtet Casar.

Doch im Dorf bleiben konnten sie auch nicht: Beide Eltern sind Diabetiker. Ihr Vorrat an Insulin und an Chips zur Messung des Blutzuckerspiegels war Ende August aufgebraucht und in der Provinz kein Nachschub zu bekommen. Als es etwas ruhiger im Land wurde, brachen sie nach Kabul auf. Zudem hofften sie auf weitere Evakuierungsflüge. Sohn Casar, der täglich mit ihnen telefonierte, hatte ihre Namen längst dem Auswärtigen Amt mitgeteilt – und auch, dass alle fünf Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, drei von ihnen minderjährig sind und die Eltern dringend Insulin benötigen. Bis sie allerdings auf der Liste des Auswärtigen Amtes standen, verging Zeit: „Drei Tage lang habe ich versucht, bei der Hotline durchzukommen“, berichtet Casar. „Manchmal habe ich eine Stunde lang in der Warteschleife gehangen, dann aufgelegt und sofort wieder die Nummer gewählt.“ Er war in Frankfurt geblieben, weil er das Fachabitur machen will und sich dafür in den Ferien einen Platz für das Jahrespraktikum suchen musste. In der Verwaltung eines Krankenhauses hat er ihn gefunden. Auch wenn ihn die Sorge um seine Familie sehr mitnehme, gehe er regelmäßig in die Schule und zum Praktikum ins Krankenhaus, versichert er. Doch besonders gut konzentrieren könne er sich nicht.

In Kabul hat Familie Nur vier Mal die Unterkunft gewechselt. Das berichtet die 19 Jahre alte Tochter Mariam am Telefon. Sie spricht leise, als hätte sie Angst, jemand könne mithören. Immer wieder klopfen ihre jüngeren Geschwister an die Zimmertür, wollen beim Gespräch dabei sein. Die 19-Jährige, die im Sommer das Fachabitur in Frankfurt bestanden hat, berichtet, dass sie sich ein Hotel nur wenige Tage leisten konnten. In der nächsten Unterkunft seien sie für Amerikaner gehalten oder mit US-Amerikanern in Verbindung gebracht worden. Zudem hätten Taliban gefragt, warum ihr Vater und ihr älterer Bruder keine Bärte trügen. Das sei ihnen zu gefährlich geworden, also zogen sie zu einer Familie. Und zuletzt in ein leerstehendes Bürogebäude, das vermutlich von einer NGO benutzt worden war, deren Mitarbeiter das Land verlassen haben. „Es gibt Strom, eine kleine Küche, kaltes Wasser. Auf einem Flohmarkt haben wir dünne Matratzen gekauft“, berichtete Mariam vor wenigen Tagen. Wie alle Personen der Familie heißt sie eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. In Kabul gibt es in den Apotheken auch Insulin zu kaufen. „Doch es ist so teuer, dass meine Mutter nur drei Spritzen mitgenommen hat – für Notfälle.“

Mariam sorgt sich um ihre kranken Eltern, vor allem aber um ihre drei jüngeren Geschwister: „Sie brauchen Bildung, sollten in die Schule gehen. Sie verpassen so viel.“ Nicht verstehen kann die junge Frau, warum sie vom Auswärtigen Amt über Wochen keine einzige persönliche Nachricht erhalten haben. Auf alle E-Mails, die sie schrieben, kamen nur automatische Antworten. „Ich bin vollkommen enttäuscht vom deutschen Staat“, sagt die 19-Jährige, die wie alle ihre Geschwister in Deutschland geboren ist. „Warum kann man uns nicht rausholen?“ Im Internet hat sie gesehen, dass die deutschen Soldaten, die an den Evakuierungsflügen beteiligt waren, bei ihrer Ankunft in Deutschland geehrt wurden. „Das ist ja schön, denke ich mir. Aber ich komme hier immer noch nicht raus. Das ist kein Erfolg, wenn immer noch Landsleute feststecken.“

Auf Anfrage teilt das Auswärtige Amt mit, dass es deutschen Staatsangehörige, die sich registriert haben, aktiv kontaktiert, sollten sich organisierte Ausreisemöglichkeiten ergeben. Die Reihenfolge der Kontaktaufnahme erfolge nach unterschiedlichen Faktoren. „Hierzu zählen die Erreichbarkeit und der Aufenthaltsort der betroffenen Personen angesichts z.T. sehr kurzfristig entstehender Ausreisemöglichkeiten. Zudem werden soziale Faktoren berücksichtigt. Dazu gehört die Frage, ob Minderjährige betroffen sind, ob Erkrankungen oder eine besondere Gefährdung vorliegen.“

Der in Frankfurt gebliebene Casar schreibt unterdessen Politiker in Frankfurt, Wiesbaden und Berlin an, beispielsweise den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), und bittet sie um Hilfe. Er erhält aber, wenn überhaupt, immer nur die Antwort, er solle sich ans Auswärtige Amt wenden. Seine Eltern und Geschwister setzt er auf jede neue Liste, die das Auswärtige Amt für Evakuierungsbedürftige aus Afghanistan erstellen lässt.

In der Wohnung der Familie sei er nur selten, erzählt er. Entweder übernachte er bei einem Freund, dessen Familie er seit Grundschultagen kenne. Oder bei seinem 23 Jahre alten Bruder und dessen Frau. Der Bruder helfe ihm auch mit Geld aus. Unterstützung erhält Casar auch von den Schulen, die seine Geschwister besuchen. Die Schule seiner kleinen Schwester frage häufig bei ihm nach und die der Brüder habe selbst ans Auswärtige Amt geschrieben und sich für insgesamt acht Schüler dieser Schule stark gemacht, die noch in Afghanistan feststecken.

Und dann tut sich plötzlich doch ein Weg auf, wie Familie Nur Afghanistan verlassen kann: Auf dem Landweg, über den Grenzübergang Torkham können sie nach Pakistan einreisen und sich in Islamabad an die Deutsche Botschaft wenden. Die Nachricht erreicht sie per E-Mail. „Der Spiegel“ berichtet am gleichen Tag, dass Deutschland weitere afghanische Ortskräfte über Pakistan außer Landes holen will, jede Woche 200.

Bei Mariam und ihrer Familie mischen sich unterdessen Freude und Frust: Pakistan lässt sie zwar ins Land, hat aber eine Regel erlassen nach der ab 1. Oktober nur noch Menschen, die gegen Covid-19 geimpft sind, ein Flugzeug ins Ausland besteigen dürfen. Ausgenommen sind Minderjährige. „Ich glaube, wir kommen hier wieder nicht raus“, schreibt die 19-Jährige über Whatsapp. Zumindest nicht sie und ihr älterer Bruder, denn beide sind ungeimpft. Die geimpften und genesenen Eltern und die jüngeren Geschwister könnten mit einem Linienflug nach Hause fliegen. Zum Glück lebt die Oma von Mariam in Pakistan. Bei ihr könnten sie unterkommen. Und es gibt – anders als in Kabul – in Islamabad eine funktionierende Deutsche Botschaft. Am 30. September schreibt Mariam in den frühen Morgenstunden: „Wir sind jetzt an der Grenze.“ Ein paar Stunden später meldet sie sich aus Pakistan. Die Odyssee der Familie aus Frankfurt ist noch nicht beendet. Die insulinpflichtigen Eltern immer noch unversorgt. Aber immerhin fühlen sie in Pakistan sicherer als in Afghanistan. Die Familie hat Flugtickets Islamabad-Frankfurt gebucht für Mitte Oktober – der frühestmögliche Termin. Alle können mitfliegen unabhängig vom Impfstatus. (Barbara Tambour)

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