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Vom Vergewaltiger zum Gatten

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess gegen Pal K. weckt zumindest die Hoffnung, dass ein Mann sich ändern kann

Die Verhandlung gegen Pal K. wegen Vergewaltigung und Körperverletzung beginnt wie einer dieser Prozesse, derer man so überdrüssig ist. Am Morgen des 13. Dezember 2020 verweigert K.s Ehefrau ihm den ehelichen Beischlaf. Sie hat die Nacht im Wohnzimmer verbracht, mit den gemeinsamen elf und sieben Jahren alten Söhnen, weil es zuvor wie so oft in jüngster Zeit zum Streit gekommen war. Mitunter wird Pal K. bei diesen Streitereien handgreiflich.

So auch an diesem Morgen. Er zerrt die sich wehrende Frau ins Schlafzimmer, erinnert sie laut Anklage „an ihre Pflicht als Ehefrau, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen“, dann vollzieht er ihn. Seine Frau lässt es über sich ergehen. Nach dem Vollzug sagt sie ihm, dass er sie soeben vergewaltigt habe. Er schlägt ihr ins Gesicht. Die Söhne eilen ins Schlafzimmer. „Eure Mutter ist verrückt geworden“, sagt ihnen ihr Vater. Dann schlägt er vor den Augen der Kinder weiter auf sie ein.

Aber K.s Ehefrau ist nicht verrückt. Sie tut das einzig Vernünftige. Sie ruft die Polizei, die den Schläger abführt. Sie bewirkt ein gerichtliches Annäherungsverbot. Sie entledigt sich ihres Peinigers.

Als zu Prozessbeginn klar wird, dass beide seit zwei Monaten wieder zusammenleben, Pal K. keine Angaben macht und auch seine Frau nicht aussagen will, sieht es so aus, als sei das wieder einer dieser Fälle, wo eine Frau nach kurzem Aufbäumen sich wieder unters Joch zwingen lässt, weil archaische Strukturen stärker sind als ihr Freiheitswille.

Aber so ist es nicht. Im Zeugenstand sieht man eine 39-Jährige, die zumindest selbstbewusst wirkt. Sie will zwar keine Angaben machen, aber sie tut es dennoch. Schließlich war sie es, die die Anzeige gestellt und den Stein ins Rollen gebracht hat. Als der Amtsrichter nach Details der Vergewaltigung fragt - was er muss - ist das der Frau sichtlich unangenehm. Da geschieht das Unerwartete: Pal K. legt nun doch ein Geständnis ab - um seiner Frau die weitere Vernehmung zu ersparen. Er gibt sämtliche Tatvorwürfe zu. Es tue ihm unendlich leid.

Das kann jeder sagen, und so gut wie jeder sagt das auch. Aber was K. nach der Tat getan hat, das tun nicht viele. Er hat sich an das Kontaktverbot gehalten. Er hat mit dem Saufen aufgehört. Er hat Gespräche mit Therapeuten geführt.

Seine Frau berichtet anschließend, warum sie wieder mit ihren Mann zusammen ist. Der habe sich auf ihren Wunsch hin auch zwei Monate nach Auslaufen des Kontaktverbots ferngehalten. Weil die Söhne ihren Vater so schrecklich vermisst hätten, habe sie dann wieder gemeinsamen Treffen zugestimmt. Und sie hätten viele Gespräche geführt. Manchmal mit Paartherapeuten, manchmal ohne. Sie habe den Eindruck gewonnen, dass ihr Mann seine Reue ernsthaft empfinde - und dass ihm klar geworden sei, was er ihr angetan habe. Schließlich habe sie ihm noch eine Chance gegeben. Er habe seitdem nie wieder die Hand gegen sie erhoben. „Mein Mann ist ein anderer, ein besserer Mann geworden“, sagt sie.

„Mit Gottes Hilfe“ werde das auch so bleiben, sagt Pal K. Das aus Afghanistan geflohene Ehepaar gehört der Sikh-Religion an.

Pal K.s Frau will nicht, dass ihr Mann hart bestraft wird - der temporäre Verlust seiner Söhne sei ihm bereits Strafe genug gewesen. Das Amtsgericht verurteilt ihn zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren - das absolute Minimum, auf das auch die Staatsanwältin plädiert hatte.

„Kulturelle Überheblichkeit“ sei hier fehl am Platze, sagt der Richter und erinnert daran, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst seit 1997 strafbar ist - gegen den erbitterten Widerstand von Politikern wie etwa Edmund Stoiber (CSU). Und noch 1966 fabulierten die ausschließlich männlichen Richter des 4. Zivilsenats am Bundesgerichtshof: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“ Die Pflichten eines Eheweibs forderten von ihr vielmehr„eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“

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