Gilt als Beispiel für „gelungene Postmoderne“: Gebäude der Landeszentralbank in der Taunusanlage.
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Gilt als Beispiel für „gelungene Postmoderne“: Gebäude der Landeszentralbank in der Taunusanlage.

Frankfurter Architektur

Vom Hüttendorf bis zur Kathedrale des Geldes

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der neue Architekturführer der Jahre 1980 bis 1989 in Frankfurt schreibt auch ein Stück Zeitgeschichte.

Gäbe es so etwas wie die Goldene Zitrone für den nachlässigsten Umgang mit dem städtebaulichen Erbe, die Stadt Frankfurt würde sie sich stets aufs Neue verdienen. Der wirtschaftliche Druck privater Investoren, der auf der Stadt lastet, ist immens und das Bauland sehr begrenzt. Und so muss das Alte, auch wenn es noch gar nicht so alt ist, dem Neuen weichen. Man sehe sich an, wie aus dem denkmalgeschützten Bundesrechnungshof der 50er Jahre an der Berliner Straße die „Kornmarkt Arkaden“ wurden, mit Büros, einem Hotel und gerade einmal 21 Wohnungen.

Der Denkmalschutz hat einen schweren Stand in der dynamischen Stadt, seine vielleicht größte Niederlage war der Eingriff in die alte Großmarkthalle von 1929 im Ostend zugunsten des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB). Einer, der sich hartnäckig der Pflege des architektonischen Erbes verschrieben hat, ist der Frankfurter Architekturkritiker Wilhelm Opatz. Mit seiner Buchreihe der „Architekturführer Frankfurt“ feiert der 58-Jährige seit 2014 wichtige Zeugnisse der Baukunst in der Stadt.

Gerade ist der vierte Band erschienen, gewidmet den 80er Jahren, nachdem zuvor schon die 50er, 60er und 70er Thema waren. Der studierte Innenarchitekt weiß wohl, dass sein Einfluss begrenzt ist. „Viele Gebäude stehen dem Wachstum der Stadt im Wege“, sagt der Inhaber eines Grafikdesign-Büros. Er könne mit den Büchern, die er herausgibt, nur aufmerksam machen auf Bauten, „die man nicht anrühren dürfte“.

Doch mit dem vierten Band betreten Opatz und alle, die ihn unterstützen und fördern, Neuland. In dieser Ausgabe geht es nicht mehr nur um Architektur allein, es geht um Zeitgeschichte. Jenseits der Gebäude wird ein zeitgeschichtliches Panorama der bewegten 80er in Frankfurt aufgeblättert, das spannend zu lesen ist. „Wir sind Chronisten geworden“, erklärt der Kritiker.

Im Buch gibt es bewegende Reminiszenzen. So zeigt es etwa kommentarlos das leuchtend gelbe Deckblatt eines Gedichtbandes von Gerald Zschorsch. „Glaubt bloß nicht, daß ich traurig bin“ erschien 1981 im damals noch Frankfurter Suhrkamp Verlag (mit einem Vorwort von Rudi Dutschke). Es war das wichtigste Werk des in der DDR geborenen Poeten, der wegen seines Protests gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in die Bundesrepublik übersiedeln musste. Opatz begegnete Zschorsch als junger Mann in der nächtlichen Frankfurter Diskoszene. Heute lebt der Autor vergessen noch immer in Frankfurt.

Es ist tatsächlich eine Form von Melancholie, die von diesem Architekturführer ausgeht. Er zeigt unter anderem ganz besondere Bauten, die 1981 im Flörsheimer Wald entstanden waren: das Hüttendorf der Gegner der Startbahn 18 West des Rhein-Main-Flughafens. Eine breite Bewegung kämpfte damals gegen die neue Piste, am 14. November 1981 versammelten sich in der Landeshauptstadt Wiesbaden 150 000 Menschen, um 220 000 Protest-Unterschriften zu übergeben. Das alles half nichts: Die Startbahn wurde gebaut, das Hüttendorf abgeräumt. Fotografien der Landschaftsarchitektin Ute Wittich zeigen das Widerstandsnest im Wald, und der bedeutende Kirchenarchitekt Helmut Striffler schrieb damals dazu: „Wer die Startbahn baut, wird im doppelten Sinn Lebensraum vernichten.“

Das Buch

„Frankfurt 1980-1989“ heißt der Architekturführer, herausgegeben von Wilhelm E. Opatz und den Freunden Frankfurts e.V. .Er ist im Junius Verlag erschienen und kostet 44 Euro.

Die Fotos stammen von Georg Christian Dörr, Mara Eggert, Digne Meller Marcovicz und anderen, es gibt Essays von Christoph Mäckler, Micha Brumlik, Peter Cook und anderen.

Ein anderer Brennpunkt der 80er Jahre in Frankfurt war der Konflikt um das Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Demonstranten der Jüdischen Gemeinde besetzten im Oktober 1985 die Bühne des Schauspiels, um die Uraufführung des Stücks zu verhindern, das sie für antisemitisch hielten. Micha Brumlik, der frühere Direktor des Fritz-Bauer-Institutes zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust, steuert im Buch einen Text bei. Brumlik urteilt, die Juden in Deutschland hätten bei der Bühnen-Besetzung „ihr Coming-out“ erlebt.

Noch ein Erinnerungsstück: Von 1984 bis 1989 erschien in Frankfurt das heute vergessene „Wolkenkratzer Art Journal“, dessen Anspruch weit über die Architektur der Türme hinausreichte. Opatz druckt ein Interview nach, das vom „Journal“ 1987 mit dem Kurator Kasper König geführt wurde. König hatte sich gerade entschlossen, Professor an der Städelschule und Leiter des Kunstraumes Portikus an der Schönen Aussicht zu werden. Später sollte er die Städelschule als Direktor führen. König urteilte damals: „Es ist das Angenehme an Frankfurt, dass es eine Kunstszene nicht gibt.“ Vielmehr existierten „disparate Szenen, eine ausgeprägte Subkultur, ein rein pragmatisches Geschäftemachen“. Die Bemühungen, eine Kunstmesse in Frankfurt zu gründen, sah er zum Scheitern verurteilt: „Eine Kunstmesse in Frankfurt nachäffen zu wollen, ist einfach idiotisch. Es wäre ein programmierter Flop.“ Und genauso kam es denn auch.

An vielen Stellen des neuen Architekturführers kann man sich festlesen. Selbstverständlich spielen auch die Bauten, die in den 80er Jahren in Frankfurt entstanden, eine wichtige Rolle. Es ist die Zeit der Postmoderne, an die sich Herausgeber Opatz persönlich nicht gerne erinnert: „Man suchte und suchte und fand nur die Vergangenheit.“ Die architektonischen Zitate dieser Zeit seien vielfach nicht überzeugend gewesen. Ausdrücklich nimmt der Innenarchitekt Bauten aus, die im Band breit erläutert werden. So etwa die Gebäude der Landeszentralbank, heute der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hessen, auf dem Gelände Taunusanlage 5. Entworfen von den Büros Jourdan Müller Albrecht PAS und Berghof Landes Rang sei die Anlage ein „Paradebeispiel für gelungene Postmoderne, einmalig und von höchster Güte“. Einzig die Kunstwerke, die in die Bauten integriert sind, stoßen im Band auf Kritik: Sie werden zum Teil als „etwas gewollt und deplatziert“ beurteilt.

Insgesamt bilde die frühere Landeszentralbank aber „einen bemerkenswerten Gegenentwurf zu der etwa gleichzeitig entstandenen imposanten Kathedrale des Geldes der Deutschen Bank“. Diesen Doppeltürmen in der Taunusanlage 12, eröffnet im Jahre 1985, attestiert die Kritik „zweifellos faszinierende Attraktivität“, aber auch „kühle und abweisende Strenge“. Erst der Umbau nach dem Entwurf des Architekten Mario Bellini habe für eine gewisse Öffnung des Bauwerks für seine Umgebung gesorgt.

Als „bekanntesten Vertreter der Frankfurter Postmoderne“ neben dem Messeturm würdigt Lorena Pethig, Konservatorin im Frankfurter Denkmalamt, das 1991 eröffnete Museum für Moderne Kunst (MMK) auf dem Areal Domstraße 10. Das MMK sei europaweit wegweisend für „die Hinwendung zum Museum als Gesamtkunstwerk“. Pethig schildert den „Zweikampf zwischen Kunst und Architektur“, zwischen Architekt Hans Hollein und Direktor Jean-Christophe Ammann. Während der Kurator möglichst neutrale, anpassungsfähige Räume wollte, um darin die Kunst zur Geltung zu bringen, setzte Hollein auf ausdrucksstarke architektonische Akzente.

Bemerkenswert am neuen Architekturführer ist, dass er neben weltbekannten Bauwerken der 80er Jahre auch völlig unbekannte ins Rampenlicht rückt. Etwa das städtische Feuerwehr-Gerätehaus im Stadtteil Alt-Rödelheim auf dem Areal Assenheimer Straße 24. Es steht stellvertretend für andere Gerätehäuser der 80er Jahre in Bonames, Niederrad und Zeilsheim, die das städtische Hochbauamt verwirklichte.

Für den Herausgeber Wilhelm Opatz sind gerade diese Gebäude wichtig: „Ich sehe mich als Don Quichotte, der die abseitigen Bauwerke hervorholt.“ Nur dass dieser Kampf nicht so aussichtslos ist wie der Kampf des Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel im Roman des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes Saavedra.

Denn die Buchreihe der Architekturführer wird mittlerweile vom Bund Deutscher Architekten (BDA) ebenso unterstützt wie von zahlreichen Architekturbüros. „Mit Leidenschaft hoch zehn“, so Opatz, habe Fotograf Georg Christian Dörr alle Bauwerke festgehalten. Gegen den mächtigen Mahlstrom, der in Frankfurt das architektonische Erbe verschluckt.

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