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Vom Himmel hoch, Herrgott noch mal

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Von: Thomas Stillbauer

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Der Winter in Rhein-Main, man muss ihn einfach gernhaben. Bemerkungen zum Schneefall und dem ganzen Rest.

Es kommt stets auf den Blickwinkel an. Beziehungsweise auf den Gleitwinkel. Du kannst der größte Fan des Schneefalls sein. Und ihn trotzdem verfluchen. Jetzt ist wieder Gelegenheit. Für beides. Reichlich.

Am Mittwoch sagt der Deutsche Wetterdienst Glatteis und Unwetter voraus (Süddeutschland), Schnee- und Graupelschauer (Nordfriesland), und dazwischen liegen wir in Hessen, bibbernd. Bis das Bett warm wird, fühlst du dich wie in „So weit die Füße tragen“, die Schlussszene. „In der Nacht zum Donnerstag verbreitet mäßiger Frost zwischen -5 und -10 Grad“, formulieren die Meteorologinnen und Meteorologen. Soso. „Mäßiger Frost“ also. „Bei geringen Luftdruckgegensätzen bestimmt Kaltluft polaren Ursprungs das Wetter in Hessen. Tagsüber streift ein kleinräumiges Tief den Süden des Vorhersagegebiets.“

Die weiteren Aussichten: Es wird „wärmer“. Am Freitag und Samstag sind satte null Grad drin, man möchte sich direkt die Klamotten vom Leib reißen. Weihnachten dann wahrscheinlich wieder fünfzehn. Tradition ist Tradition.

Während uns also das kleinräumige Tief streift, streift hier sonst niemand mehr, schon gar nicht der Kater. Der schaut seit Tagen nur noch angewidert durch die Fensterscheibe auf das, was sich draußen abspielt. ABC, der Kater mag keinen Schnee. Rausgehen? Bei den Temperaturen? Unter seiner Würde. Weit unter seiner Würde.

Dabei ist es draußen so schön. Also theoretisch. Schneebedeckte Hügel, ein Traum für die Freundinnen und Freunde des Wintersports. Kinder bauen Schneemänner und -frauen. Du kriegst einen Schneeball von hinten an die Mütze geknallt. War nur Spaß! Das Ganze ein herrliches Wimmelbild. Wenn da auch noch die Sonne draufscheinen würde – nicht auszuhalten, so schön! Wenn sie würde. Und wenn man Zeit dafür hätte.

Jobsharing im Schnee

Stattdessen: Schneeräumpflicht. Schon flattert die Pressemitteilung der Stadt ins Haus: „Wenn die ersten Schneeflocken fallen, ist die Freude meist groß. Damit Straßen und Gehwege jedoch nicht zu gefährlichen Rutschbahnen werden, müssen sie im Winter regelmäßig geräumt und gestreut werden – und zwar in Arbeitsteilung.“

Die sieht so aus, die Arbeitsteilung: Wir müssen mit Besen und Schneeschieber das Zeug vom Trottoir wuchten und, wenn’s dann immer noch glatt ist, mit Sand oder Splitt für festen Halt sorgen. Kein Salz. Schlecht für Tier und Natur. Derweil kurvt die Stadt – „Arbeitsteilung“ – bequem mit dem Räumfahrzeug über die Straße. Nein, schon gut, Kollegen von der FES. Der Job ist hart, volle Anerkennung dafür.

RÄUMPFLICHT

Gehwege werden von den Eigentümerinnen und Eigentümern der angrenzenden Grundstücke geräumt – darauf weist das Umweltamt der Stadt Frankfurt hin. Das gilt auch für Haltestellen auf dem Gehweg. Auftauende Mittel wie Streusalz sind nur im Ausnahmefall an Gefahrenstellen erlaubt.

Geräumt und gestreut (mit Sand oder Splitt) wird täglich in der Zeit zwischen 7 und 22 Uhr, das gilt auch an Feiertagen. Wenn nicht, droht eine Geldbuße bis zu 1000 Euro. Stürzt jemand schwer, kommen die Folgekosten dafür noch hinzu.

Streumaterial gibt es im Bau- oder Supermarkt zu kaufen. Die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH hält außerdem haushaltsübliche Mengen an den Betriebsstätten Seehofstraße in Sachsenhausen, Breuerwiesenstraße in Höchst und Weidenbornstraße in Bornheim zur kostenlosen Abholung bereit. Behälter sind mitzubringen.

Weitere Informationen zur Schneeräum- und Streupflicht auf der Website der Stadt Frankfurt und an der Hotline der Straßenreinigung im Umweltamt, Telefon 0 69 / 212-39 143.

Aber andere Leute haben auch einen harten Job. Der Kollege L. beispielsweise gibt am Mittwochvormittag zur Kenntnis: „Ich mag keinen Schnee“. Er ist normalerweise nicht so, er hat drei Kinder, er geht bei minus zwanzig Grad ins Stadion, und wenn man wissen will, ob er für die Anfahrt etwa den Motorroller nutze, sagt er, er verstehe die Frage nicht, selbstverständlich fahre er mit der Vespa. Aber Schnee, das ist eine andere Sache. Schnee, da kommt wieder der Gleitwinkel ins Spiel. Mit zwei Rädern auf glattem Grund, nein. Das ist wirklich nicht schön.

Trotzdem, nichts gegen den Winter. Gut, dass wir ihn haben. Tun wir alles dafür, dass es auch künftig noch einen gibt.

Derweil kratzt die Nachbarin die Autoscheiben frei und zerrt die Aluabdeckung von der Frontscheibe. Das ist die gescheite Nachbarin.

Die andere Nachbarin sitzt bei laufendem Motor im Wagen und erwartet, dass sie die Scheibe mittels der daran angebrachten Wischer automatisch frei kriegt. Kriegt sie nicht. Auch nach zehn Minuten nicht. Sie steigt schließlich aus und sucht sich ebenfalls etwas, mit dem sie kratzen kann. Beide Damen sind mit der Gesamtsituation unzufrieden.

Weihnachtsmärkten, die am 11. Dezember oder später stattfinden, tut die herrschende Witterung gut. Ganz andere Stimmung. Reportern, die über stundenlange abendliche Protestdemonstrationen berichten müssen, tut die herrschende Witterung nicht gut. Das Problem ist keineswegs die Körperbekleidung (fünf Schichten oben, lange Unterhose, Mütze, Schal), das Problem ist die Dokumentation der Ereignisse. Bei minus fünf Grad mit einem Kugelschreiber auf einen Block: selten so gelacht.

Schöner schreiben

Erstens streikt der Kugelschreiber. Zweitens ist die entblößte Schreibhand nach dreieinhalb Minuten zu keiner Koordination mehr fähig. Drittens: Haben Sie mal mit dicken Handschuhen und Filzstift auf einen DIN-A-6-Notizblock geschrieben? Ja? Was denn? Lesen Sie mal vor! „Fldnorgs ersr ulg Dmotlnehmer hnd Plzei hgvok juvnjkv.“

Ein Wunder, dass im Winter noch allgemeinverständliche Berichte in der Zeitung stehen, bei diesen äußeren Umständen. Aber abgesehen davon: Besser als Sommer und Katastrophenklima und 42 Grad ist das allemal. Oder?

Schneesicher: der Große Feldberg.
Schneesicher: der Große Feldberg. © dpa

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