Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Nach Schätzungen der Caritas leben 200 bis 300 Menschen in Frankfurt auf der Straße. peter jülich
+
Nach Schätzungen der Caritas leben 200 bis 300 Menschen in Frankfurt auf der Straße.

Politik

Volt Frankfurt startet Housing First-Initiative

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
    schließen

Die proeuropäische Partei will in Frankfurt einen neuen Weg in der Obdachlosenhilfe gehen. Sie fordert Wohnungen für obdachlose Menschen ohne Bedingungen. Als Vorbild dient Finnland.

In diesem durch die Corona-Pandemie geprägten Jahr lautete das Credo für die meisten Menschen: zu Hause bleiben. Doch was ist mit den Menschen, die das nicht können, weil sie kein Zuhause haben? In Frankfurt gibt es keine validen Angaben dazu, wie viele Menschen obdachlos sind, schätzungsweise haben mehrere Tausend Menschen keine Wohnung, nach Schätzungen der Caritas leben 200 bis 300 Menschen dauerhaft auf der Straße.

„Wir können die Menschen, die kein Zuhause haben, nicht zurücklassen“, sagt Martin Huber. Der 23-Jährige engagiert sich seit zwei Jahren für die kleine paneuropäische Partei Volt in Frankfurt und tritt bei der Kommunalwahl als einer der Spitzenkandidaten der Partei an. Huber findet, dass die „gefährliche und würdelose Situation vieler Menschen auf den Straßen“ zeige, dass es an der Zeit sei, die konventionelle Obdachlosenhilfe grundlegend neu zu denken und weiterzuentwickeln. Deswegen hat er über die Beteiligungsplattform „Frankfurt fragt mich“ der Stadt Anfang November eine Initiative gestartet, in der er die Einführung des Housing-First-Prinzips in Frankfurt fordert. Die Initiative hat die 200 nötigen Unterschriften bereits erreicht, wird nun vom zuständigen Dezernat geprüft und anschließend dem Magistrat vorgelegt.

Der zentrale Punkt des Housing-First-Konzepts ist es, dass Menschen zuerst und sofort eine Wohnung bekommen, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Aktuell funktioniert das Prinzip der Obdachlosenhilfe in Frankfurt umgekehrt: Erst nachdem die sogenannte Wohnfähigkeit bewiesen wurde, bekommen obdachlose Menschen eine eigene Wohnung.

Volt

Volt Europa wurde im März 2017 von einer Französin, einem Italiener und einem Deutschen als Reaktion auf den Brexit und den erstarkenden Rechtspopulismus in Europa gegründet.

Das Ziel: Die erste echte europaweite Partei aufzubauen. Die Bewegung zielt darauf ab, ein geeintes und demokratisches Europa zu verwirklichen, das all seinen Bürger:innen eine Stimme verleiht. Volt Europa ist mittlerweile in 30 Staaten vertreten, mit Teams in hunderten europäischen Städten. hsr

„Die konventionelle Obdachlosenhilfe, die überwiegend mit Notmaßnahmen arbeitet, ist wichtig, aber der Grundansatz ist realitätsfern“, sagt Huber. „Menschen, die auf der Straße leben, können kaum bis zum nächsten Tag planen, weil sie nicht wissen, wo sie schlafen werden. Wie sollen sie in dieser Situation ernsthafte gesundheitliche oder finanzielle Probleme lösen?“

Im Unterschied zu anderen Programmen müssen sich Obdachlose beim Housing-First-Ansatz nicht durch verschiedene Ebenen der Unterbringungsformen für unabhängige und dauerhafte Wohnungen „qualifizieren“, sondern können direkt in eine eigene Wohnung ziehen. Dabei wird die Unterstützung bedarfsgerecht in der eigenen Wohnung angeboten. Abstinenz von Alkohol oder anderen Substanzen ist keine Voraussetzung, ebenso wenig wie die Inanspruchnahme von Unterstützung und Programmen – all das basiert auf freiwilliger Basis. Bei anderen Programmen, bei denen Obdachlose zunächst ihre Wohnfähigkeit unter Beweis stellen müssen, sei die Gefahr groß, in der Wohnungslosigkeit gefangen zu bleiben, sagt Martin Huber. Housing First will auch den Teufelskreis, dass Menschen ohne eigenen Wohnsitz keinen Job und umgekehrt ohne Job keine eigene Wohnung bekommen, durchbrechen.

Ein zentraler Ansatz der Partei Volt, die in 30 Staaten vertreten ist, ist das Best-Practice-Prinzip. Volt ist überzeugt, dass es sich lohnt, bei der Weiterentwicklung von Politik über regionale und nationale Grenzen hinauszublicken und Lösungen, die andernorts funktionieren, zu adaptieren. Im Falle des Housing-First-Prinzips dient Finnland als erfolgreiches Beispiel.

Finnland konnte die Zahl der obdachlosen Menschen seit der Einführung des Prinzips im Jahr 2008 senken, während sie in den meisten anderen europäischen Staaten weiter gestiegen ist. In Finnland hat sich gezeigt, dass durch das Housing-First-Prinzip sogar Kosten eingespart werden konnten, weil unter anderem die Inhaftierungen zurückgingen und die Nutzung von Rettungsdiensten und anderen medizinischen Versorgungsleistungen sank.

„Wir müssen jedem Menschen eine solide Basis zum Leben bieten“, findet Martin Huber und verweist auf das Recht auf Wohnen, das in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten ist. „In Frankfurt stehen schätzungsweise 10 000 Wohnungen leer. Es ist also möglich und es sollte der Anspruch sein, dafür zu sorgen, dass niemand zurückgelassen wird und das Recht auf Wohnen nicht zur Frage steht“, so Huber. „Wir von Volt wollen Frankfurt zu einer Stadt machen, in der alle ihr Menschenrecht auf eine Wohnung wahrnehmen können.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare