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Das Leben am Fluss macht den Menschen, wie hier während des Museumsuferfests, immer mehr Spaß.

Frankfurt

Voll wie an der Costa Brava

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Das mediterrane Lebensgefühl vieler Menschen verursacht Gedränge im Freien.

Dialog zwischen zwei Frankfurtern im August: „Gehst Du dieses Jahr aufs MUF?“ Der Angesprochene winkt ab: „Ohne mich, zu voll.“ Gedrängel gibt es nicht nur beim Museumsuferfest, auch beim Schweizer Straßenfest oder dem Fest auf der Unteren Berger Straße schieben sich die Menschenmassen durch die Straße. Kurt Stroscher, bei der Tourismus- und Kongress GmbH Frankfurt (TCF) seit über 30 Jahren für die Organisation von Festen zuständig, sagt: „Die Feste werden voller, das kann ich bestätigen.“

Feste wie die auf der Berger und der Schweizer Straße seien einst als Anliegerfeste gestartet, im Laufe der Jahrzehnte aber immer professioneller, größer und eben voller geworden. „Das Wetter ist immer die entscheidende Größe“, sagt Stroscher. Denn: „Das mediterrane Lebensgefühl nimmt zu, es hat sich massiv geändert.“ Die Menschen wollen draußen sein, was in einer Stadt mit begrenzter Fläche wie Frankfurt nicht immer einfach ist.

Volle Feste, volle Bier- und Apfelweingärten

Frankfurt zählt zu den am stärksten wachsenden Großstädten Deutschlands. Von 2013 bis 2017 wuchs die Stadt um 6,9 Prozent der Einwohner. Nur Leipzig gewann prozentual noch mehr Einwohner hinzu.

Die Geburtenrate in Frankfurt ist auch rekordverdächtig. Mit München teilt sich die Stadt den Spitzenwert in der Differenz zwischen Geburten- und Sterberate. Pro 1000 Einwohner gewinnt Frankfurt 4,1 Menschen hinzu, Schlusslicht Duisburg schrumpfte hingegen um 2,7 Personen.

Die unangefochtene Pendlerhauptstadt heißt Frankfurt. 64,2 Prozent der in der Stadt Beschäftigten pendeln ein, abzüglich der Auspendler ein tägliches Plus von 267 476 Menschen.

Touristen zieht Frankfurt ebenfalls in Scharen an. 5,6 Millionen Gäste hatte die Stadt 2017 und damit pro 1000 Einwohner deutlich mehr Übernachtungen (12 779) als München (10 300) und Berlin (8300) ote.

Auch in der Gastronomie ist das zu beobachten. Wer in Frankfurt an der frischen Luft sitzen will, muss früh kommen oder noch früher reservieren. „Vor allem draußen sind die Plätze knapp“, sagt Hendrik Hallier von der Gewerkschaft Nahrungsmittel-Genuss-Gaststätten. Und das, obwohl es immer mehr Gaststätten und Restaurants in Frankfurt gibt. Das führt auch dazu, dass die Gastronomie mit dem Einstellen von Personal gar nicht mehr hinterher kommt. „Niemand findet mehr irgendwen, Köche sowieso nicht“, sagt Hallier. Robert Mangold, hessischer Vorsitzender des Fachbereichs Gastronomie beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, bestätigt: „In Frankfurt fehlen 1800 Fachkräfte in Hotel und Gastronomie.“ Die Branche hat mehr Schwierigkeiten Personal zu finden als Gäste.

Volle Feste, volle Bier- und Apfelweingärten, und sonst? Das von Stroscher beschriebene mediterrane Lebensgefühl spiegelt sich auch am Main wider. Die Mainuferwege sind schon seit einigen Jahren Kampfgebiete zwischen Fußgängern, Radlern, Joggern, Skatern und Menschen, die auf der Suche nach einem Platz an der Sonne einfach im Weg rumstehen. Doch auch der Main selbst wird zunehmend als Freizeitfläche entdeckt. Davon kann Stephan Bub, der Vorsitzende des Rudervereins Germania, ein Lied singen: „Der Main wird immer mehr zur Fun-Meile.“ Unterwegs sind Freizeitkapitäne, die zwischen den Schleusen Offenbach und Griesheim pendeln, Stand-up-paddler, Ausflugsdampfer oder gerne auch mal Jet-Skis. Für die Ruderer in ihren schmalen, sensiblen Booten ist der große Auftrieb regelrecht gefährlich. „Der erste große Unfall ist fast angesagt, es sind zu viele unterwegs, die ihren Bootsführerschein erst gestern gemacht haben.“ Dazu kämen Ausflugsdampfer einer bestimmten Flotte, die „aggressiv“ unterwegs seien, da sie ihren eng getakteten Zeitplan einhalten müssten.

In Fechenheim wurde Grillen verboten

Maike Gambach von der Wasserschutzpolizei bestätigt, dass der Sportbootverkehr in den vergangenen Jahren an den Nachmittagen und Wochenenden zugenommen habe. Der Umgang der Menschen auf dem Wasser sei aber „grundsätzlich rücksichtsvoll und entspannt“. Allerdings gelte es „hin und wieder, den ein oder anderen Raser zu ermahnen“, so die Hauptkommissarin. Die Germania hat auf den zunehmenden Verkehr auf dem Fluss reagiert und wird in naher Zukunft große Teile ihres Trainings vom Schaumainkai ein Stück stromabwärts ans Mainfeld verlagern, wo das Promenieren für Schleusenkapitäne nicht ganz so reizvoll ist.

Wer sich nicht auf Festen, am Main oder in Biergärten tummelt, den zieht es in Parks und Grünanlagen. Auch dort ist niemand alleine, vor allem nicht, wenn er grillen will.

Im Heinrich-Kraft-Park in Fechenheim nahmen die Auswüchse so überhand, dass das Grillen dort verboten werden musste, da Anwohner über Müllberge, Lärm und zugeparkte Straßen klagten. Dort wo das Grillen noch erlaubt ist, etwa an der Nidda auf dem Grillplatz Hadrianstraße, ist bei schönen Wetter mehr Gedränge als auf der Freibadwiese.

Ganz so groß wie das Geschiebe beim Museumsuferfest ist es in den Parks noch nicht. Bei Frankfurts größtem Fest hat die TCF wegen des großen Andrangs hingegen längst gegengesteuert. „Die Kommunikation für das Fest haben wir schon heruntergefahren“, verrät Stroscher. Schade, dass die meisten Menschen die Apfelweingärten auch ohne Werbung finden.

Die Serie

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden?

Diesen Fragen geht die FR bis Mitte Oktober in der Serie „Frankfurt wächst“ nach. Jede Woche beleuchten wir eine provokante und zugespitzte These. Diese Woche etwa: „Das Leben in der Stadt wird unerträglich“. Heute schauen wir, wie voll es in der Stadt ist, in der kommenden Folge gehen wir der Frage nach, wie Freizeiteinrichtungen auf den Zuwachs reagieren.

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