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Vom Auenwald bei Inheiden sind nur Stümpfe übrig. Hier ist der Boden hart wie Beton, weil zu viel Grundwasser abgepumpt wurde. Darüber bildet sich Stauwasser.

Frankfurt wächst

Der Vogelsberg ist der Wasserlieferant für Frankfurt - und wird immer trockener

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Der Vogelsberg liefert Wasser für die Mainmetropole - und wird immer trockener. Die Menschen dort kämpfen gegen den Raubbau an ihren Ressourcen.

Der alte Steinbruch von Gerhard Bischof am Rand des Schottener Ortsteils Rainrod ist, wenn man so will, der Wasserstandsanzeiger für den Vogelsberg. Aus einem in die zerklüfteten Basaltfelsen eingelassenen Rohr plätschert das Grundwasser in den flachen Karpfenteich am Fuß der Steilwand. Früher war das die Wasserversorgung für den ganzen Ort. „Vergangenen Sommer hat es nicht mehr geplätschert, sondern nur noch getröpfelt“, berichtet Bischof. Auch aktuell ist es eher ein Rinnsal denn ein Strahl, der sich da in den Teich ergießt.

Heute versorgt eine Trinkwasserleitung die Menschen im Ort. Das immer dürftiger nachfließende Nass sieht Hans-Otto Wack, Mitglied in der Schutzgemeinschaft Vogelsberg, dennoch mit Sorge. Der promovierte Ökologe mit eigenem Büro, der unter anderem in Afrika Entwicklungshilfe-Projekte begleitet, kämpft seit Jahrzehnten für den Schutz der Natur im Vogelsberg. Wenn hier nur wenig Wasser aus dem Berg kommt, dann ist das andernorts auch nicht viel besser mit dem Grundwasser, sagt er.

33 Prozent

seines Trinkwasser bezieht Frankfurt aus dem Vogelsberg.

Auch Steinbruchbesitzer Bischof sorgt sich. „Ich hab schon befürchtet, das Knabenkraut geht ganz kaputt“, erzählt der 87-Jährige. Das kleine Areal in seinem Steinbruch, wo die seltene Orchidee wächst, hat er mit Flatterband abgesperrt. „Die Pflanzen sind zum Glück noch da, aber die Blätter sind kleiner, als sie früher waren“, sagt er.

Die Veränderung, die der Klimawandel mit sich bringt, sind rundum zu sehen. Die Spitzen der Bäume sind schon jetzt, im Spätsommer, häufig trocken. 15 Fichten hat Bischof fällen müssen, weil sie tot waren. Bäume, die er größtenteils noch selbst gepflanzt hatte. Inzwischen setzt er Douglasien, „die kommen besser mit der Hitze und dem Wassermangel zurecht“.

Hans-Otto Wack und Anne Archinal sehen ihre Heimat bedroht.

„Das Jahr 2018 war wie ein U-Boot, das endlich auftaucht“, sagt Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“. Seit 15 Jahren habe es keine Nassjahre mehr gegeben, nun sei die Bedrohung durch den Mangel an Wasser allen vor Augen geführt worden.

Frankfurt wächst: Unter diesem Motto steht auch ein FR-Stadtgespräch zu unserer Serie, zu dem die Frankfurter Rundschau für Donnerstag, 12. September, 19 Uhr, in das Haus am Dom, Domplatz 3, einlädt.

Wie viel Wachstum verträgt die Stadt noch? Wo können neue Wohnungen entstehen? Wie kann Frankfurt eine Stadt für alle bleiben? Was kann die Politik tun, damit die Mieten nicht noch weiter steigen? Solche Fragen stehen im Mittelpunkt der Diskussion.

Auf dem Podium sprechen Planungsdezernent Mike Josef (SPD), Lisa Hahn von der Initiative Mietentscheid, Architekt Stefan Forster und Bauunternehmer Wolfgang Ries. Die FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert moderieren.  

Seit 2017 stammt ein Teil des in Frankfurt benötigten Wassers auch aus dem Burgwald, der zwischen Marburg und Waldeck-Frankenberg liegt. Von dort aus liefert der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) der OVAG Wasser zu, die es dann nach Frankfurt weiterleitet. Zwischen zwei und vier Millionen Kubikmeter sind das bisher jährlich, bis zu fünf Millionen wären möglich. Die Aktionsgemeinschaft, der Archinal vorsteht, kämpft dafür, die Wasserentnahme auch im Burgwald zu begrenzen.

Das Grund- und Quellwasser aus dem Vogelsberg und dem Burgwald sichert neben Wasser aus dem Spessart und dem Hessischen Ried die Trinkwasserversorgung im Rhein-Main-Gebiet. Bereits 1876 hat man dazu eine Fernleitung nach Frankfurt gebaut. Die Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG (OVAG) sind die größten Wasserförderer im Vogelsberg: Sie pumpen jährlich rund 30 Millionen Kubikmeter Grundwasser aus den Brunnen. Zwei Drittel davon fließen gen Frankfurt.

Frankfurt deckt seinen eigenen Bedarf nur etwa zu einem Viertel selbst. Je rund ein Drittel kommen aus dem Vogelsberg und dem Hessischen Ried, die restlichen gut zehn Prozent aus Spessart und Kinzigtal.

Archinal sieht in der massiven Grundwasserentnahme eine Ursache für die immer sichtbarer werdenden Schäden in der Natur. „Bei uns werden die Baumspitzen braun, obwohl es eigentlich genug Wasser gäbe“, sagt sie. Mehr Hitze, weniger Niederschläge, weniger Neubildung von Grundwasser lautet die Gleichung. „Man muss einfach weniger abpumpen, der Raubbau steht vor der Tür,“ mahnt Ökologe Wack.

Ortswechsel: Bei Inheiden steht das älteste und größte Wasserwerk Hessens. In dieser Senke am Fuß der Vogelsberghöhen drückt das Wasser aus den Klüften nach oben, ein artesisches Gebiet voller natürlicher Quellen. „Hier war es schon immer einfach und billig, Wasser zu fördern“, erzählt Wack. Mit Folgen.

Die nahezu ungezügelte Förderung in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat einen ganzen Auenwald trockengelegt. 1985 etwa flossen mehr als 60 Millionen Kubikmeter des Quellwassers jährlich nach Frankfurt. Wo früher der durchnässte Boden mannshoch mit Moor bedeckt war, breitet sich heute die Entengrütze auf einem flachen Tümpel aus, aus dem die Baumstümpfe herausragen.

Es ist Stauwasser, das nicht mehr in den verdichteten Untergrund einsickern kann. „Die Wasserentnahme hat dazu geführt, dass der Boden in sich zusammengesackt ist, fest und dicht wie Beton“, erklärt Wack. Es dauere Ewigkeiten, bis sich das Erdreich regeneriert habe. Ein „Zehntausend-Jahr-Schaden“, nennt Wack das.

30 Millionen Liter

Wasser sind nötig, um die 200.000 Frankfurter Stadtbäume eine Woche lang zu bewässern.

Heute steht hier ein elektronischer Pegel mit Solarpanell an der Spitze, der Alarm schlägt, wenn der Grundwasserstand zu tief sinkt. Für den Auenwald kommt das zu spät. Und auch das Moor, das große Mengen Kohlendioxid speichern kann, ist verschwunden.

Besonders in den Trockenperioden der 1970er Jahre und in den Jahren 1991 und 1992 entstanden irreparable Schäden. Ganze Flussabschnitte der Nidda, Horloff und Bracht fielen trocken, viele Feuchtgebiete verloren ihren Grundwasseranschluss. Tiere und Pflanzen, die vom Wasser abhängen, verschwanden.

Dass der Grundwasserentnahme im Vogelsberg überhaupt eine Grenze gesetzt ist, ist das Ergebnis hartnäckiger Proteste in den 90er Jahren, als Setzrisse in Häusern und Scheunen die Menschen beunruhigten. Seitdem gilt in weiten Teilen des Vogelsbergs eine „umweltschonende Grundwassergewinnung“, die einen ausreichenden Mindestwasserstand garantieren soll. Wack und Archinal aber bezweifeln, dass diese Grenzen auch heute, wo die Schneeschmelze ausbleibt und Trockenjahre zunehmen, noch angemessen sind. Sie sehen ja, was mit ihrer Heimat passiert.

Weiß auf blau stellt die Schutzgemeinschaft Vogelsberg ihre Forderungen entlang der Straßen auf.

Ulrichstein ist die höchstgelegene Stadt Hessens. Eigentlich ist das eine schwierige topographische Lage, wenn es um die Wasserversorgung geht. In Ulrichstein aber war das jahrhundertelang kein Problem. „Wir haben Schürfquellen, zwei bis drei Meter unter der Oberfläche, da war immer genug Wasser für die Menschen zu holen“, berichtet der parteilose Bürgermeister Edwin Schneider. „Denn eigentlich“, so Schneider, „gibt es hier ausreichend Niederschläge.“

Im vergangenen Dürresommer 2018 kam Ulrichstein bundesweit in die Schlagzeilen. Fünf Monate lang mussten die 1000 Einwohner der Kernstadt mit Tankwagen versorgt werden, weil die Quellen versiegt waren. „60 000 Liter täglich haben wir aus dem Tal nach oben geschafft“, erzählt Schneider. Fünf bis sechs Lastwagen am Tag. 60 000 Euro habe das gekostet.

Geld, das die Ulrichsteiner nun über eine Erhöhung der Gebühren aufbringen müssen. Die liegen schon jetzt bis 3,07 Euro je Kubikmeter, in zwei Jahren werden es 3,88 Euro sein, haben die Stadtverordneten beschlossen. Inzwischen kommt wieder Wasser aus den Schürfquellen, doch deren Ergiebigkeit hat nachgelassen.

„Der Klimawandel ist auch bei uns im hohen Vogelsberg angekommen“, sagt Schneider. Zwar wird kein Wasser direkt aus Ulrichstein nach Frankfurt verkauft. „Aber wenn hier in der Nähe das Wasser dem Boden entnommen wird, dann haben am Ende auch wir weniger davon zur Verfügung.“ Schließlich wisse kein Mensch genau, auf welchen unterirdischen Wegen das Wasser durch die zahllosen Klüfte der einstigen Vulkanregion fließe.

1,92 Euro

zahlt ein Frankfurter für den Kubikmeter Trinkwasser. In Ulrichstein im Vogelsberg kostet der Kubikmeter 3,07 Euro.

Jetzt bohren die Ulrichsteiner Tiefbrunnen, 200 Meter in den Untergrund. 200.000 Euro kostet das die Bürgerinnen und Bürger. „Wir hoffen, dann genug Wasser zu finden“, sagt Bürgermeister Schneider. Ihn ärgert, dass der Kubikmeter Trinkwasser in Frankfurt nur halb so viel kostet wie im Vogelsberg. „Ich würde mir schon wünschen, dass wir aus der Großstadt Unterstützung bekommen, etwa Geld, das wir für die Brunnenbohrung einsetzen könnten“, sagt er.

Wenigstens sorgsam sollten die Frankfurter mit dem Wasser umgehen. „Wenn ich höre, dass man die Menschen aufruft, die Stadtbäume mit Trinkwasser zu gießen, und bei uns vertrocknen die Wälder, dann bringt mich das wirklich auf die Palme“, schimpft Schneider. „Und bei uns muss man den Menschen sagen, wascht keine Autos und wässert keinen Rasen, weil wir zuwenig Wasser haben.“

Auch Wack und Archinal werfen der Stadt Frankfurt vor, die eigene Förderung zu vernachlässigen, nicht genug für die Verwendung von Brauchwasser zu tun, etwa Main- oder Niddawasser zum Bewässern der Grünanlagen oder Stadtbäume zu verwenden oder Gebäude zu fördern, die ihre Toilettenanlagen mit Regenwasser betreiben.

Gut 140 Liter verbraucht jeder Frankfurter am Tag, hessenweit sind es 120 Liter je Einwohner. 30 bis 60 Liter rauschen allein durch die Toilettenspülung. Der Rekord aus dem vergangenen Jahr lag bei mehr als 400.000 Kubikmeter Verbrauch in Frankfurt an einem einzigen Tag. Am 26. Juni dieses Jahres waren es sogar 426 000 Kubikmeter. „Aber es ist ja billiger, das Wasser aus dem Vogelsberg und dem Burgwald durch lange Leitungen zu schicken, als selbst etwas zu tun“, sagt Archinal bitter.

Allein der Neubau eines Hochhauses an der Senckenberganlage, wo einst der Uni-Turm stand, könnte 40.000 Kubikmeter Wasser im Jahr sparen – wenn es dort denn ein zweites Leitungsnetz für Betriebswasser gäbe, rechnet Wack vor. Umso dringender seien solche Maßnahmen, wenn man das starke Bevölkerungswachstum des Ballungsraums berücksichtige. Mehr Menschen bedeuteten mehr Verbrauch – und weniger Fläche, auf der Wasser noch versickern könne. Die Arbeitsgemeinschaft Wasserversorgung Rhein-Main prognostiziert bis 2030 eine Zunahme des Verbrauchs um fünf Prozent.

Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hat bereits im vergangenen Jahr ausgerechnet, wie groß der Aufwand wäre, die rund 200.000 Stadtbäume zu versorgen. Etwa 150 Liter brauche so ein Baum in der Woche. Bürger, die als Baumpaten aus dem eigenen Wasserhahn die Gießkannen befüllen würden, müssten dafür rund 50 Cent die Woche aufbringen. Machbar, sagt Heilig. 30 Millionen Liter kämen damit zusammen. 30 Millionen Liter Trinkwasser, wie es aus dem Vogelsberg in die Metropole fließt.

Unsere Serie „Frankfurt wächst“

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800.000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden? Mehr Texte unserer Serie „Frankfurt wächst“ gibt es als Plus-Inhalte in der Zeitung, im E-Paper und der FR+ App.

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