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Vogelgrippe – eine emotionale Geschichte für einen Zoo

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Von: Thomas Stillbauer

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Muss mal eine Weile auf den Schnellimbiss im Zoo verzichten: Graureiher.
Muss mal eine Weile auf den Schnellimbiss im Zoo verzichten: Graureiher. © Imago

Wenn die Geflügelpest kommt, geht es in den Frankfurter Tierparks ums Ganze. Harte Zeiten für Graureiher – ihre Show muss pausieren.

Ein Vogel infiziert – der ganze Zoo wochenlang geschlossen. So ist die Lage gerade in Berlin. Kann das in Frankfurt auch passieren? Ja, kann es. Aber momentan ist es zumindest hier noch ruhig, was die Geflügelpest angeht, auch Vogelgrippe genannt.

„In Berlin ist es ein Bestandsvogel des Zoos, der infiziert war“, sagt Christine Kurrle, die Sprecherin des Frankfurter Tierparks. Ein afrikanischer Stelzvogel namens Hammerkopf. „Das macht einen Riesenunterschied aus Sicht des Veterinäramts.“ Dort, in Berlin, müssen jetzt alle 1200 Zoovögel auf das H5N1-Virus getestet werden, ehe wieder Publikum hinein darf. Dauer: zwei Wochen.

Im Frankfurter Zoo war die Geflügelpest im März sogar bei drei kranken Vögeln diagnostiziert worden, ohne dass der Tierpark schließen musste. Das waren jedoch allesamt Graureiher, also keine Bestands-, sondern Wildvögel. Die Zootiere waren nicht direkt betroffen.

„Wir hatten aber auch schon den Fall, dass einzelne Anlagen gesperrt werden mussten“, sagt Kurrle. Der Zoo habe seit Jahren einen detaillierten Notfallplan für solche Lagen und stehe im engen Kontakt mit dem Veterinäramt.

Zurzeit sind lediglich die Pfaue, die sonst zur Freude des Zoopublikums frei auf dem Gelände herumlaufen, im Stall – als Vorsichtsmaßnahme. Möglich wäre es, beispielsweise auch die Rosapelikane und die Mandschurenkraniche „aufzustallen“, so der Fachbegriff fürs Einsperren. „Aber das ist auch durchaus tierschutzrelevant“, sagt die Sprecherin. „Die Vögel fühlen sich jetzt bei diesen noch relativ milden Temperaturen draußen wohler als drinnen.“

Bei nachgewiesenen Vogelgrippefällen im Umkreis von etwa 50 Kilometern müssen die Zoos sehr wachsam werden – und es gab ja durchaus positive Befunde im Raum Gießen sowie im etwas weiter entfernten Miltenberg. Zehntausende Tiere mussten dort in Geflügelbetrieben gekeult werden. Und so ein wildlebender Vogel, der die Infektion mitbringt, ist schnell weitergeflogen.

„Graureiher sind definitiv ein Thema“, sagt Christine Kurrle. Gleich mehrere von ihnen nutzen den Zoo sozusagen als Schnellimbiss – zur Belustigung des Publikums, wenn die eleganten Luftadvokaten bei den kommentierten Robben- oder Pinguinfütterungen auftauchen und Fische stibitzen wollen. In einer Geflügelpest-Gefahrenlage sei es das Ziel, Distanz zu den Wildvögeln zu schaffen. Kurrle: „Wenn der Reiher erkennt, er kann sowieso nichts abstauben, hält er Abstand, auch zu den Bestandsvögeln, darum geht es. Es ist durchaus möglich, Robben und Pinguine so zu füttern dass die Graureiher nicht drankommen.“

Sollte es einen Verdachtsfall geben, etwa einen kranken Reiher auf dem Gelände, werde der Zoo sofort reagieren, noch ehe es einen etwaigen positiven Befund der Untersuchung gibt. Dann werden die relevanten Bereiche auch für Besucher:innen gesperrt, Desinfektionsmatten ausgelegt und die Vögel aufgestallt. Dass der gesamte Frankfurter Zoo wegen der Geflügelpest gesperrt worden wäre, diesen Fall gab es bisher noch nicht, sagt Kurrle.

Erhöhte Aufmerksamkeit herrscht längst auch im ehrenamtlich geführten Schwanheimer Kobelt-Zoo. Der ist zwar seit dem 1. November im „Winterschlaf“, also für Besucher:innen geschlossen. „Aber wir sind vorbereitet und stehen in Kontakt mit dem Veterinäramt“, berichtet Vorstandsmitglied Monika Greitzke. Früher, sagt sie, sei die Vogelgrippe alle vier oder fünf Jahre mal irgendwo aufgetaucht. „Jetzt haben wir das permanent, alle Jahre wieder.“

Dann gilt es, die Volieren von oben abzudecken, damit nichts hineinfällt, was vorüberfliegende Vögel hinterlassen. Bei den großen Vögeln sichert Hasendraht die Unterkünfte gegen ungebetene kleinere Besucher:innen. Es gibt Folien mit Fenstern, damit es nicht zu dunkel wird. Die Papageien müssen für den Winter sowieso nach drinnen. Die Enten und Gänse vom großen Teich bekommen für den Ernstfall getrennte Gitterverschläge. Sie zusammen in einen Stall zu sperren – ausgeschlossen. Greitzke: „Das gibt sonst Mord und Totschlag.“

Die Bestimmungen zur Infektionsvermeidung seien viel schärfer geworden, sagen sie in Schwanheim, und die Vorsicht weitaus größer, immerhin ist mit der Vogelgrippe auch für Menschen nicht zu spaßen. Und spätestens seit der Corona-Pandemie weiß die Welt, wie sehr eine Tierseuche aus dem Ruder laufen kann.

„Wir haben ein klares Konzept“, sagt Monika Greitzke. „Wenn wir alles ganz genau erfüllen, haben wir die Chance, im Ernstfall vielleicht um das Keulen herumzukommen.“ Alle Vögel im Kobelt-Zoo töten zu müssen, weil ein infiziertes Tier gefunden wird – eine Horrorvorstellung für die rührige Belegschaft. „Das ist eine emotionale Geschichte für uns. Viele unserer Tiere haben wir mit Geduld und Liebe hochgepäppelt, einige kamen über Tierschutzorganisationen zu uns.“ Aber wie so eine Infektionswelle verläuft, wo sie ankommt, welche Tierbestände sie erfasst: kaum vorherzusehen. „Wir beten“, sagt Monika Greitzke.

Nimmt es hoffentlich nicht krumm, wenn er nach drinnen muss: Flamingo.
Nimmt es hoffentlich nicht krumm, wenn er nach drinnen muss: Flamingo. © Imago

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