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Die Hochfinanz, und davor: echte Vegetation.

Europäische Zentralbank

Außergewöhnliches Biotop rund um die EZB

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"Paradies für Insekten und Vögel": Am Fuß der Europäischen Zentralbank ist eine Naturfläche entstanden, auf der sich seltene Tierarten angesiedelt haben.

Manchmal ist es eine traurige Sache mit der Natur in der Stadt. Aber manchmal erlebst du auch Sachen, so tolle Sachen, die hättest du nie gedacht.

Donnerstag, Gelände der Europäischen Zentralbank (EZB), früher: Großmarkthalle. Die kleine Delegation aus Umweltpolitikerinnen, Naturdiplomaten und Journalisten hat vormittags schon die Mauersegler an der Fassade des neuen Historischen Museums besucht (die Vögel waren aber gerade unterwegs nach Afrika) und die Mauereidechsen am Main (die Kleinreptilien hatten bei dem Mistwetter aber keine Lust, die Nasen aus der Steinlandschaft zu halten). Dann haben sie sich der Grenzkontrolle beim Betreten des EZB-Geländes unterzogen, die ungefähr so weit von den Regelungen des Schengener Abkommens entfernt ist wie Portugal von Griechenland. Und dann haben sie: gestaunt.

Denn was man sich gar nicht klarmacht als normaler Frankfurter, der keinen EZB-Hausausweis um den Hals baumeln hat: Das ist ja eine ganz zauberhafte Landschaft dort hinter den Zäunen am Fuße des spiegelnden Finanztempels. „Das ist ja ein Paradies für Insekten und Vögel“, bescheinigt die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), die das auch zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht, „das ist ja ein Biotop auf dem EZB-Gelände.“

„Das ist ja eine Pracht, was sich hier entwickelt hat“, sagt auch Volker Rothenburger, der Chef der Unteren Naturschutzbehörde. Seine Großmutter führte einst einen Gemüsestand just an dieser Stelle, vor der Markthalle. Damals war das ein Ort voller Atmosphäre, Eldorado für Frühaufsteher und Nachtschwärmer, ein wuseliger Platz des Handels nicht nur mit Geld, sondern mit echten Produkten der Natur, mit Äpfeln und Wirsing. Aber damals, erinnert sich Rothenburger an die Zeit, als er morgens um fünf der Oma half, damals sei hier alles Stein und Asphalt gewesen. Kein Baum, kein Strauch.

„Noch 2004 waren hier 125 000 Quadratmeter versiegelte Fläche“, beziffert Alexander Pfältzer die Vergangenheit, der Architekt bei der EZB. Dann kam das Schweizer Landschaftsarchitektenbüro Vogt und machte einen Plan. Und heute stehen auf dem Gelände mehr als 700 Bäume, säumen Wiesen und Kieslandschaften den Bankenpark.

Der Anblick ist in der Tat verblüffend. Im nördlichen Teil, an die Sonnemannstraße grenzend, haben Vogt und die EZB-Konstrukteure von Coop Himmelb(l)au eine nordamerikanische Flussauenlandschaft wachsen lassen, mit flachem klarem Wasser, mit Sumpfzypressen, Ginkgos, Chinesischem Rotholz, Mammutbäumen, mit grobem Kies und feinem Sand, mit flachen Steinmauern und unterschiedlichen Grasflächen. Sauerampfer wächst, Wegwarte. Das Resultat: Insekten und Vögel haben Wind von der Sache bekommen – sogar der seltene Flussregenpfeifer soll auf einem Stück Brachland gesichtet worden sein.

Beim Besuch am Donnerstag wimmelt es nicht gerade von wilden Tieren vor der EZB, aber immerhin: Eine Wespe will die Baupläne in Händen von Alexander Pfältzer genau sehen und lässt sich partout nicht abwimmeln – und da: Ein Wanderfalke jagt senkrecht den Bankturm hinab, um Sekunden später mit zappelnder Beute wieder emporzuschießen und stolz ein paar Runden zu drehen. Jetzt wird’s langsam surreal. „Wenn die dressierte Wanderfalken haben“, raunt jemand, „dann hätten sie aber auch ein paar Mauereidechsen tanzen lassen können.“

Oben auf dem Dach hätten die Falken ihr Nest, sagt Pfältzer. Hinterm Haus, Richtung Mainufer, wandelt sich die Landschaft in eine europäische Aue mit Birken, Weiden, Pappeln, mit Wiese und verschieden groben Steinstrukturen, auf dass sich so viele Arten wie möglich angezogen fühlen mögen. „Solche trockenen Flächen sind in der Stadt selten und wertvoll“, sagt Heilig.

Die neue Pflanzenvielfalt auf einst zum Teil verseuchtem Boden hatte ihren Preis: Rund zehn Millionen Euro, sagt Architekt Pfältzer, kostete die Außenanlage – wohlgemerkt: inklusive Sicherheitsbauten, die rund um Europas Mammonkathedrale jeden Panzer aufhalten. Und ebenfalls nicht zu vergessen: Im Vergleich zur Gesamtinvestition von rund einer Milliarde Euro sind diese Ausgaben: ein Prozent.

Aber immerhin. „Wir hatten der EZB zur Auflage gemacht, 2000 Quadratmeter Lebensraum für die Eidechsen herzurichten“, sagt Christa Mehl-Rouschal vom Umweltamt, mit kleinen und großen Steinen, Fugen zum Reinkrabbeln und so weiter. „Das wurde gut umgesetzt: Es sind mehr als 3000 Quadratmeter geworden.“ Und wo noch ein Kanaldeckel Löcher hat, durch die kleine Eidechsen purzeln könnten, wird das umgehend behoben. Pfältzer: „Ist in Arbeit.“

„Wenn wir in Rente sind, kommen wir hierher und pflegen die Landschaft“, kündigt die Stadträtin an. Zukunftshumor - so eint die Freude an der Natur die Grünen und die Hochfinanz. Und wer weiß, wenn jemand in 50 Jahren in die EZB einbrechen will, dann nicht des Geldes wegen, sondern um die letzte natürliche Fläche in der Boomtown Frankfurt zu sehen.

Hinweis: Die inzwischen gelöschte Angabe zu Führungen in der EZB ist nicht mehr aktuell. 

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