+
Ein Kampf dauert drei mal fünf Minuten.

Hessischer Kampfsportweltmeister

Keine Gnade im Ring

Es ist eine Mischung aus verschiedenen Kampfstilen: Boxen, Judo, Jiu-Jitsu, Ringen. Gekämpft wird in einem Käfig, und auch am Boden geht der Kampf weiter. Der Hesse Daniel Weichel verteidigt am 16. Mai in Moskau seinen WM-Titel in Mixed-Martial-Arts.

Von Henning Jauernig

Es ist eine Mischung aus verschiedenen Kampfstilen: Boxen, Judo, Jiu-Jitsu, Ringen. Gekämpft wird in einem Käfig, und auch am Boden geht der Kampf weiter. Der Hesse Daniel Weichel verteidigt am 16. Mai in Moskau seinen WM-Titel in Mixed-Martial-Arts.

November 2011, Olympiastadion Moskau. Daniel Weichel taucht unter der Hand seines fünfzehn Zentimeter größeren Gegners hindurch, springt in ihn hinein, schlägt ihn zu Boden. Dann macht Weichel einen Sprung auf ihn und schlägt auf den Kopf des wehrlosen Gegners ein. Der Ringrichter schmeißt sich dazwischen, der Kampf ist nach einer Minute und 48 Sekunden in der ersten Runde beendet. 22.000 Zuschauer jubeln. Weichel springt auf die Ringseile und schreit der Masse entgegen. Sieben Monate lang hat er sich auf den Kampf vorbereitet. Nun ist der Frankfurter Leichtgewichtsweltmeister in Mixed Martial Arts (MMA) des größten europäischen Verbands.

Vier Monate später sitzt Weichel im Studio von „MMA-Spirit“. Für das Frankfurter Wettkampfteam im Ostend macht er seine Kämpfe. Hier erinnert nichts an ein Boxgym, wie man es aus Hinterhöfen kennt. Dunkelbraunes Parkett ist verlegt, Licht durchflutet die großen Räume. Im Eingangsbereich wird Sachertorte serviert. Es gibt Saunas, Trainings- und Erholungsräume sowie ein Fitnessstudio. Nach Angaben des Besitzers Jens Schlaegel trainieren bei MMA-Spirit rund 800 Leute. Etwa 20 sind im Wettkampfteam.

Weichel ist Profisportler, er lebt von Kampfgagen und Sponsorenverträgen der Sportartikelhersteller. Der 27-Jährige rechnet damit, noch zehn Jahre kämpfen zu können. „Man macht sich als Profisportler schon Gedanken, was nach der Karriere kommt“, sagt er, „aber ich lebe meinen Traum und mache jeden Tag das, was ich über alles liebe.“ Momentan ist er in der Vorbereitungsphase für seinen nächsten Kampf. Seinen Titel muss er im Mai verteidigen. Er trainiert dreimal am Tag und sechsmal die Woche. Ernährungsberater und Physiotherapeuten betreuen ihn.

Weichel ist in Erbach im Odenwald aufgewachsen. Sein Vater ist Techniker bei der Odenwaldtherme, seine Mutter Kosmetikerin. Seinen Eltern zuliebe hat er nach der Realschule die Fachhochschulreife abgeschlossen und eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten gemacht. Doch er entschied sich früh, alles für den Sport zu tun. Sein Kinderzimmer legte er mit Matten aus und hängte einen Boxsack in die Mitte. Während andere feierten, trainierte er. Jeden Tag. Mit 17 Jahren hatte er seinen ersten Profi-Kampf in Holland. Inzwischen ist Weichel seit zehn Jahren Profi, hat über 30 Kämpfe in Brasilien, Bulgarien, England und Japan gemacht.

Putin in der ersten Reihe

Derzeit kämpft er oft in Russland, wo die Kämpfe im Sportfernsehen übertragen werden und Massen in die Arenen strömen. Im Flur von MMA-Spirit hängt ein Bild, das Weichel und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigt. Im November saß er bei seiner Titeleroberung in der ersten Reihe. Weichel ist in Russland berühmter als in seiner Heimat Deutschland.

Die Kritik, die am Sport geübt wird, kennt Weichel: MMA sei menschenverachtend und gewaltverherrlichend. Er lächelt, dann erzählt er vom WM-Boxkampf zwischen Shannon Briggs und Vitali Klitschko, in dem Briggs über zwölf Runden eine nach der anderen einsteckte und dann mit Gehirnerschütterung und Knochenbrüchen auf der Intensivstation lag. „Die Klitschko-Brüder erreichen ein Millionenpublikum. Da beschwert sich niemand über Gewaltverherrlichung“, sagt Weichel.

Seine Verletzungen sind schnell aufgezählt: ein Cut unter dem Auge, eine Schienbein-Prellung und ein Nasen-Anbruch. Nur an seinen zerquetschten Ringerohren erkennt man, dass Weichel Kampfsportler ist. Im Verhältnis zu Verletzungen eines Profifußballers sei das wenig. „Mein jüngerer Bruder hat sich bei seinem Hobby, dem Fußballspielen, öfter verletzt als ich“, erzählt Weichel.

MMA steht vor allem wegen des Bodenkampfs in der Kritik, bei dem der auf dem Boden liegende Gegner geschlagen werden darf. Weichel sagt, diese Schläge seien eher Pikser, die den Gegner verunsicherten. Es handele sich um normales Ringen, was eine olympische Sportart sei. Die Kämpfer gingen fair miteinander um. „In den vielen Jahren als Profi habe ich in keiner Weise den Eindruck gewonnen, dass unser Sport von kriminellen Menschen betrieben wird, und weiß eigentlich auch nicht, wie dieses Klischee entstanden ist.“ sagt Weichel. „Wir sind ehrgeizige Menschen, die mit MMA einen Sport gefunden haben, bei dem wir an unser Limit gehen können.“ Privat hat sich Weichel noch nie geprügelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare