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Justizbehörden in Frankfurt.

Kriminalität

Prozess in Frankfurt: Virtuelle Technik aus der Türkei kostete Millionen

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Fake-Shop-Betreiber entpuppen sich vor Gericht als Strohmänner. Sie sollen einen Schaden von mehr als fünf Millionen Euro angerichtet haben.

Auf den ersten Blick könnte man die drei Angeklagten für erfolgreiche Start-Up-Unternehmer halten. Die Anklage hält sie allerdings für erfolgreiche Online-Betrüger – was ja nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein muss. Die drei Männer im Alter von 55, 48 und 32 Jahren sollen im Jahr 2017 Millionen mit einem sogenannten Fake-Shop im Internet verdient haben, mit einer relativ simplen Geschäftsidee: Elektronikgeräte wurden zu sagenhaft günstigen Preisen angeboten, gegen Vorkasse verkauft, aber nie geliefert.

Die Staatsanwaltschaft spricht in ihrer Anklageschrift von einem Schaden von mehr als fünf Millionen Euro, Steuerhinterziehung von 1,6 Millionen und 28 000 Geschädigten, geht aber davon aus, dass die realen Zahlen weit höher liegen: Etliche der Betrogenen hätten mangels Erfolgsaussicht auf Wiedergutmachung erst gar keine Anzeige erstattet.

Das Geld der Online-Käufer ist perdu, soviel steht fest. Aber die drei Angeklagten haben es auch nicht mehr. Denn die sind, wie bereits der erste Verhandlungstag zeigt, weder Unternehmer noch Chefbetrüger, sondern allenfalls Handlanger. Die echten Gauner sitzen in der Türkei.

Als Hauptangeklagter aber steht derzeit der 55-jährige Keith K. vor dem Landgericht. Dem ehemaligen Bahnangestellten und Hausmeister, der sich von Arbeitslosigkeit und Wohnungsverlust bedroht sah, machte damals sein Kumpel, der mitangeklagte 48 Jahre alte Tevik E., ein Angebot, das er nicht ablehnen wollte. Er habe da Freunde in der Türkei, so E., die Experten in Sachen Fake-Shops und auf der Suche nach einem Mann mit klangvollem deutschen Namen seien, den sie als Geschäftsführer und Alleingesellschafter einsetzen könnten.

Kopfschuss als Jahresmalus

Online-Erfahrung, hätten die Hintermänner ihm bei einem Treffen in der Türkei erläutert, seien nicht vonnöten, er müsse sich auch um nichts kümmern, neben einem Geschäftsführergehalt von knapp 5000 Euro monatlich seien zudem noch 15 Prozent Umsatzbeteiligung drin. Nach etwa anderthalb Jahren werde man den Laden dann in die Insolvenz reiten, ihn aber gegen eine Abfindung von 200 000 Euro von seinem Posten entbinden. Nach drei Monaten, so die Hintermänner, sei nach deutschem Recht ein Manager auch bei einer betrügerischen Insolvenz rechtlich nicht mehr zu belangen – eine Aussage, die durchaus glaubhaft klingt, aber dennoch falsch ist.

Laut Anklage haben die Betrüger anfangs sogar investiert. Etwa 120 000 Euro in die „Suchmaschinenoptimierung“ für Google, vor allem, um das Weihnachtsgeschäft 2017 anzukurbeln. Oder durch die Einschaltung professioneller Troll-Tanks, die für eine „positive Gesamtbewertung im Internet“ gesorgt hätten. Oder in den Kauf von Geräten im nächsten Elektronik-Supermarkt, mit denen Käufer beruhigt wurden, die sich allzu laut über die Betrügerfirma beschwert hatten.

Der eigentliche Chef, sagt Keith K. im Zeugenstand, sei ein bis heute nicht identifizierter Türke, der sich „Önder Erdem“ nenne und neben zahlreichen Fake-Shops auch Call-Center betreibe. Entsprechend seien auch dessen Manieren: Önder Erdem soll seinen Mitarbeitern zur Motivationssteigerung auch hin und wieder einen „Kopfschuss“ als Jahresendmalus in Aussicht gestellt haben. Von dem versprochenen Anteil habe er kaum etwas gesehen, sagt K. – bis auf die 100 000 Euro für seine Flucht nach Asien nach Auffliegen des Betrugs, die aber schon nach wenigen Wochen ein Ende fand.

Für den Prozess sind bislang fünf Verhandlungstage bis Ende März geplant.

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