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Verlorene Pracht: An der Wand des alten Luftschutzbunkers werden die zerstörten Synagogen zumindest wieder ansehbar.
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Verlorene Pracht: An der Wand des alten Luftschutzbunkers werden die zerstörten Synagogen zumindest wieder ansehbar.

Frankfurt

„Virtuelle Synagogen“: Einblicke in eine zerstörte Welt

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Am Dienstag jährt sich die Pogromnacht zum 83. Mal. Die Ausstellung „Virtuelle Synagogen“ in Frankfurt macht die von den Nazis zerstörten Gotteshäuser wieder sichtbar.

Gleich vom ersten Augenblick an schlagen die architektonische Pracht und Fülle einen in ihren Bann. Hohe Räume, mit Holz oder blauen Kacheln verziert, Fresken, Kronleuchter und lichtdurchflutete Hallen. Eine Vielfalt an künstlerischen Stilen und Einflüssen. Und eine Frage, die sich beim Betrachten unmittelbar einstellt, wenn man unter diesen beeindruckenden Bildern Städtenamen wie Nürnberg, Köln, Plauen oder Hannover liest: Wo ist diese Pracht hin – und warum hat man sie so noch nie gesehen?

Bilder von zehn Synagogen sind im zweiten Stock des Hochbunkers an der Friedberger Anlage ausgestellt. Über Projektoren werden sie großformatig an die Wand geworfen, wie bei einer Diashow wechseln sich unterschiedliche Außen- und Innenansichten der Gotteshäuser ab. Bei den Bildern handelt es sich allerdings nicht um Fotografien, sondern um gerenderte Grafiken, die aufwendig am Computer erstellt wurden. Denn die Gebäude, darunter auch die 1907 erbaute Synagoge an der Friedberger Anlage, existieren nicht mehr. Sie wurden, so wie Hunderte andere Synagogen im gesamten Deutschen Reich, in der Pogromnacht vom 9. November 1938 geschändet, geplündert und angezündet.

Dass es nun möglich ist, sich zumindest einen Eindruck von dem zu machen, was vor 83 Jahren zerstört wurde, ist der „Initiative 9. November“ zu verdanken. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der Verein daran, aus dem Luftschutzbunker, den die Nazis 1942 am Ort der zerstörten Synagoge gebaut haben, einen Gedenk- und Bildungsort zu machen. Die neue Dauerausstellung „Virtuelle Synagogen“, die am 7. November eröffnet wird, ist bereits die fünfte, die die Initiative realisiert. Und in gewisser Weise ist es die einschneidendste: Der zweite Stock des Hochbunkers wird erstmals zugänglich gemacht. Dazu waren umfangreiche Umbaumaßnahmen nötig, um den Brandschutz zu gewährleisten. Seit September wird am Bunker gewerkelt.

Das kühle Betongebäude ist dementsprechend eine Baustelle, als Elisabeth Leuschner-Gafga und Wolfgang Leuschner in der kleinen Bibliothek im Erdgeschoss davon berichten, was die neue Ausstellung für ihre Initiative bedeutet. Bohrgeräusche und schwere Hammerschläge tönen während des Gesprächs durch die Luft, im zweiten Stock wird die Ausstellung aufgebaut. Zerstörte Synagogen erlebbar zu machen, sei im Grunde seit mehr als 30 Jahren das Ziel der Initiative, sagt Elisabeth Leuschner-Gafga. „Wir haben eigentlich permanent gekämpft, um sichtbar zu machen, dass an diesem Ort einmal eine Synagoge stand“, sagt die 71-Jährige. „Unsere Ausstellungen zeigen ja, was hier mal war und nach 1945 auch neu entstanden ist.“

Virtuelle Synagogen

Die Ausstellung „Virtuelle Synagogen“ ist der Beitrag der Initiative 9. November zu den Feierlichkeiten „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Sie wird am Sonntag, 7. November, ab 11 Uhr im Beisein von geladenen Gästen offiziell eröffnet.

Die Öffentlichkeit kann die Ausstellung das erste Mal am Dienstag, 9. November, und Mittwoch, 10. November, jeweils von 17 bis etwa 21 Uhr sehen. Danach ist sie noch bis Ende November zu den regulären
Öffnungszeiten immer mittwochs von 17 bis 19 und sonntags von 11 bis 14 Uhr zu sehen. Der Hochbunker, den die Initiative am ehemaligen Standort der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft bespielt, liegt in der Friedberger Anlage 5-6. Insgesamt gibt es dort fünf Ausstellungen zu sehen. Der Eintritt ist frei, vor Ort gilt die 3G-Regel wegen des Coronavirus.

Führungen durch die neue Ausstellung können nach Bedarf angeboten werden. Anfragen per E-Mail an die Adresse führung@initiative-neunter-november.de han

Weitere Informationen zur Ausstellung und zur Initiative im Netz unter www.initiative-neunter-november.de

Und doch bedeute die neue Schau einen „enormen Sprung“ für die Initiative, so Leuschner-Gafga: Brandschutztüren müssten eingebaut und für den Rauchabzug zwei Löcher in die meterdicken Wände gebohrt werden – finanziert durch die Stadt Frankfurt und das Land Hessen, aber auch durch den Verein, der von Spenden lebt. Anstatt wie sonst von der Recherche für eine Ausstellung bis zum Aufstellen der Schautafeln alles selbst zu machen, mussten diesmal mehrere Unternehmen engagiert werden. Derart professionell zu arbeiten, sei vor 30 Jahren „reine Utopie“ gewesen, sagt Leuschner-Gafga. Dass der Ort an der Friedberger Anlage sich nun weiter verändere, passe aber auch zur Arbeit der Initiative. Denn das Ziel sei nie gewesen, aus dem Nazibunker ein schönes Museum zu machen. „Dieser Ort muss im Grunde immer ein Prozess bleiben“, sagte Leuschner-Gafga. „Der Kampf gegen den Antisemitismus ist ja auch ein dauernder Kampf.“

Für ihren Mann Wolfgang ist der Hochbunker an der Friedberger Anlage vor allem ein Ort des „Zusammenpralls“, wie er es ausdrückt. Die nicht mehr sichtbare Synagoge und der klobige Bunker stoßen hier unauflösbar aufeinander. „Dieser Bunker steht für die ganze Gewalt des Antisemitismus“, sagt Leuschner. Das Bedrückende, Schwere des Gebäudes und die bis heute nicht freigelegten Fundamente der alten Synagoge, „das zeigt den Clash dessen, was hier stattgefunden hat“. Daher passe die neue Ausstellung gut in den Bunker und zur Aufklärungs- und Gedenkarbeit, die hier geleistet werde, findet Leuschner. Denn es seien 1938 ja nicht nur Gotteshäuser zerstört worden – diese stünden zugleich für die jüdischen Gemeinden, für die Menschen, „die vertrieben und vernichtet worden sind“.

Die virtuellen Rekonstruktionen der Synagogen sind das Werk von Marc Grellert. Der 57-Jährige lehrt am Fachgebiet Digitales Gestalten der TU Darmstadt und befasst sich seit den 90er Jahren mit der visuellen Rekonstruktion zerstörter jüdischer Gotteshäuser. Seitdem hat er zahlreiche Ausstellungen verwirklicht, die auch in Israel, Kanada und den USA gezeigt wurden und um eine zentrale Frage kreisen: Wie stellt man etwas aus, das es nicht mehr gibt? Früher habe er „Computerausdrucke in Bilderrahmen gehängt“, erinnert sich Grellert, der auch Mitglied der Initiative 9. November ist. „Und heute machen wir das mit Virtual Reality.“

Denn neben den Bildern der Synagogen und zehn PC-Arbeitsplätzen, an denen die Besucher:innen alle Hintergründe zu den Bauwerken und zum Rekonstruktionsprozess erfahren können, gibt es auch die Möglichkeit, eine Virtual-Reality-Brille aufzusetzen und sich so wirklich in den zerstörten Gotteshäusern umzusehen.

Insgesamt zeigt Grellert in der Ausstellung Eindrücke von 25 Synagogen. Gestützt auf Baupläne, Fotos, Gemälde und Berichte von Zeitzeug:innen haben er und sein Team sich den Original-Bauten am Computer möglichst eng angenähert.

„Es geht darum, die verlorene Pracht zu zeigen, den kulturellen Verlust“, sagt Grellert über seine neue Ausstellung. „Aber auch darum, die städtebauliche Bedeutung der Synagogen zu würdigen.“ Zugleich richte seine Arbeit sich gegen den Antisemitismus und gegen Hemmschwellen im Kontakt mit normalem jüdischem Leben heute. Immer wieder kämen Leute in seine Ausstellungen „und haben noch nie eine Synagoge gesehen“. Daran etwas zu ändern, sei letztlich auch eins seiner Ziele, sagt Grellert: „Abbau von Fremdheit.“

Zu jeder rekonstruierten Synagoge finden sich viele Hintergrundinformationen.
Mit einer VR-Brille kann man sich in den Gebäuden umsehen.
Kurator Marc Grellert (Mitte) mit Elisabeth Leuschner-Gafga (links) und Wolfgang Leuschner von der Initiative.
Zu jeder Synagoge gehört ein PC-Arbeitsplatz mit Informationen zur Rekonstruktion.

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