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Virologe Martin Stürmer: „Plaudere nicht irgendeinen Mist“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Virologe Martin Stürmer leitet das IMD Labor in Frankfurt.
Virologe Martin Stürmer leitet das IMD Labor in Frankfurt. © Peter Jülich

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer ist seit Beginn der Corona-Pandemie ein gefragter Interviewpartner und deutschlandweit bekannt. Im Alltag wird er erkannt, im Netz oft beleidigt.

Frankfurt – Martin Stürmer entschuldigt sich, dass sein Schreibtisch etwas chaotisch sei. Allein an diesem Tag werden im IMD-Labor, das er im Frankfurter Gutleutviertel leitet, 2500 PCR-Tests ausgewertet. Immer wieder läutet es an der Tür, Boten und Botinnen laufen an seinem Büro vorbei. Sein Handy klingelt: eine von vielen Interviewanfragen. „Was heißt bei Ihnen früh? 7.10 Uhr? Ich habe schon Härteres mitgemacht“, sagt er dem Anrufer. Stürmer trägt einen glitzernden Ohrstecker, der bei seinen Fernsehauftritten aber nicht wirklich auffällt.

Seit Pandemiebeginn ist der 53-Jährige quasi über Nacht bekannt geworden: Alles habe mit einem Interview für den Deutschlandfunk angefangen: „Das war im Januar 2020, als Corona noch weit weg in China war. Die hatten wohl meine Nummer von den letzten Pandemien wie der Schweinegrippe noch abgespeichert.“ Ab da geht es erst richtig los: „Ich bekam Anfragen vom ARD-Morgenmagazin, Heute-Journal, Markus Lanz und ich dachte: ‚Was passiert hier gerade mir dir?‘.“ Seitdem hat Stürmer Interviews im dreistelligen Bereich gegeben. Öfter auch aus dem heimischen Wohnzimmer, die Couch im Hintergrund.

Frankfurter Virologe Stürmer: „Seit Omikron habe ich eine Siebentagewoche“

„Seit Omikron habe ich eine Siebentagewoche. Meine Schlafenszeit beträgt, wenn ich morgens früh noch Interviews annehme, drei bis fünf Stunden.“ An diesem Tag gibt er drei Interviews. In Spitzenzeiten, als es noch weniger hektisch im Labor gewesen sei, seien es auch mal bis zu acht gewesen. Außerdem ist Stürmer Dozent für medizinische Virologie an der Goethe-Universität.

Die Müdigkeit sieht man in seinen Augen und doch ist er entspannt und freundlich. „Ich kann mit Stress und Druck relativ gut umgehen. Aber ich habe auch Phasen, wo ich gerne mal heulen würde.“ Es sei erst das zweite Interview – nach einer Homestory von RTL im vergangenen Jahr –, in dem es um ihn als Person gehe.

Wenn er von seinem Leben erzählt, redet er schneller als sonst, so dass man sich konzentrieren muss, um kein Detail zu verpassen: Geboren wird Stürmer am 9. September 1968 in Schleswig, Schleswig-Holstein. „Als kleiner Junge trennten sich meine Eltern zwischenzeitlich. Ich bin dann mit meiner Mutter und meinem drei Jahre jüngeren Bruder nach Berlin gezogen.“ Nach dreieinhalb Jahren Berlin versöhnen sich die Eltern, heiraten zum zweiten Mal. Doch das Familienglück hält nicht lange. „Als ich elf war, ist mein Vater, ein Starfighterpilot, 1979 tödlich verunglückt.“ Die Mutter, eine Bürofachangestellte, zieht die Söhne alleine groß. Nach dem Abitur ist Stürmer zwei Jahre bei der Bundeswehr. Anderthalb Jahre davon fährt er auf der Gorch Fock: „Kennt man ja, nicht immer rühmlich, die Schlagzeilen“, sagt er und lacht. Anschließend studiert er an der Freien Universität in Berlin.

Martin Stürmer: Virologe zu werden, war zunächst gar nicht sein Plan

„Ich habe mir relativ früh in den Kopf gesetzt, dass ich Biochemie studieren will. Denn ich fand es schon als Junge spannend, wie die Prozesse im Körper ablaufen. Ich wollte aber nie in die Grundlagenforschung, sondern etwas machen, das einen direkten Nutzen für Patienten hat.“ Virologe zu werden, ist zunächst gar nicht sein Plan. „Ich wollte am Robert Koch-Institut in die Arbeitsgruppe für Molekularbiologie. Sie hatten aber keinen Platz frei und haben mich dann eine Tür weitergeschickt zum Aids-Zentrum, die suchten gerade jemanden. Und so bin ich aufs Virus gekommen.“ Seine Diplomarbeit macht er zum Thema HIV. Das führt ihn 1995, für seine Doktorarbeit, schließlich nach Frankfurt. Hier arbeitet er vier Jahre lang an der renommierten Abteilung des Aids-Forschers Schlomo Staszewski an der Uniklinik.

Stürmers Fachbereiche sind Biochemie und Medizin: „Ich war aber primär in der Medizin angesiedelt.“ Bis 2017 arbeitet Stürmer in der medizinischen Virologie der Uniklinik. In dieser Zeit lernt er auch Christian Drosten kennen. „Das war 2002/2003 während der Sars-Pandemie. Wir hatten zwei Patienten auf der Isoliereinheit. Und Drosten, der damals noch in Hamburg arbeitete, kam nach Frankfurt. Wir haben zusammen versucht herauszufinden, welches Virus das ist.“ Drosten sei es mit dem Probematerial aus Frankfurt geglückt, den Erreger zu identifizieren. Nein, im täglichen Whatsapp-Austausch stehe er mit Drosten nicht. „Aber man kennt und schätzt sich.“

Stürmer erzählt, dass, als er die ersten Fallbeschreibungen „mysteriöse Lungenkrankheit, Tiermarkt, China“ Anfang 2020 hörte, sofort ein Déjà-vu-Erlebnis hatte. Die Dynamik sei aber eine ganz andere: „Weil Sars-Cov-2 anders als Sars-Cov-1 asymptomatisch ist, also schon vor Symptomausbruch ansteckend ist. Die Leute waren bei Sars-Cov-1 eindeutig krank, wir konnten sie isolieren, deswegen gab es nicht dieses Ausbruchgeschehen wie jetzt“, so Stürmer.

Auch Frankfurter Virologe Stürmer erkrankte an Corona: „Virus und wir werden irgendwann koexistieren“

Im März 2020 sei er selbst, seine Frau und sein Sohn nach einem Skiurlaub an Corona erkrankt. „An sich war es ein milder Verlauf, aber ich hatte sehr starke Rückenschmerzen und beim Atmen Schmerzen. Das war das schlimmste Gefühl, das ich jemals gehabt habe.“ Sein Geschmacks- und Geruchsinn seien zurück, aber nicht komplett. „Es wird wahrscheinlich nie wieder wie früher werden“, so Stürmer. Angst vor erneuerter Infektion habe er nicht, aber großen Respekt.

„Das Virus und wir werden irgendwann koexistieren, ohne dass wir uns Gedanken machen müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich es aber so, dass wir weiterhin so viele Infektionen wie möglich vermeiden sollten. Denn ob Long Covid bei Omikron eine untergeordnete Rolle spielt, wissen wir einfach noch nicht. Genauso wissen wir noch zu wenig über die viralen Schäden für Kinder.“ Seinen achtjährigen Sohn will er jetzt impfen lassen.

Mit seiner zweiten Frau, die auch in seinem Labor arbeitet, und seinem Sohn lebt er in Obertshausen. Aus seiner ersten Ehe hat er eine 20-jährige Tochter. „Meine Tochter hatte keinen Abiball wegen Corona. Mein Sohn hatte eine sehr rudimentäre Einschulung. Wir müssen genauso Einbußen hinnehmen. Aber ich bin Virologe, meine Aufgabe ist es, Wissenschaft klar zu formulieren.“ Wie hat sich Stürmers Leben sonst verändert, muss er für Selfies bereitstehen? „Das nicht. Aber ich werde oft angestarrt. Heute war ich in der Waschanlage, da schaute mich ein Mann an wie ein Auto. Das merkt man schon, dass die Leute einen erkennen, die wenigsten sagen aber etwas. Mich persönlich kritisiert hat bislang keiner.“ Kritik, Beleidigungen und Bedrohungen kämen über E-Mails, Facebook, Instagram.

Virologe Stürmer über Kritik und Beleidigungen: „Habe mir ein dickes Fell zugelegt“

„Diese Leute fordern für sich das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. Das gilt aber auch für mich. Ich bin Wissenschaftler. Ich plaudere nicht irgendeinen Mist. Man kann mit mir gerne fachlich und sachlich diskutieren. Aber wenn im ersten Satz kommt: ,Wo haben Sie denn Ihren Doktortitel gekauft?‘, da brauche ich auch nicht zu diskutieren.“ Stürmer zeigt auf seinem Smartphone ein paar der Zuschriften, die unter die Gürtellinie gehen. Wie geht er damit um? „Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt.“ Er selbst hat sich nur einmal auf Instagram geäußert: „Das war, als Leute meinen Zaun vollgeschmiert haben mit Farbe. Da habe ich gebeten, sie mögen das doch bitte lassen.“

Wie entspannt er? „Eine Auszeit für mich ist, wenn meine Familie im Bett ist, dann spiele ich noch was auf meinen Tablet. Oder ich schaue American Football, Dschungelcamp oder Serien wie Walking Dead. Ganz schräge Dinge, da taucht man mal in eine ganz andere Welt ein.“ Wenn die Pandemie sich beruhigt habe, plant Stürmer eines: „Zwei Wochen nicht an Corona denken und viel schlafen.“ (Kathrin Rosendorff)

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