Prozess

Viermal mit der Brechstange auf den Kopf geschlagen

Prozess wegen versuchten Mordes gewährt Einblick in die Hölle des Männerwohnheims.

Der 21 Jahre alte Geltton K. steht wegen versuchten Mordes vor der Jugendkammer des Landgerichts. Er hatte in der Nacht auf den 21. April 2019 in einem Männerwohnheim im Bahnhofsviertel einem im Bett liegenden Zimmergenossen, dem 27 Jahre alten Julian F., viermal eine Brechstange über den Schädel gezogen. Das Opfer kam trotz vier klaffender Wunden und einem offenen Schädel-Hirn-Trauma, aber mit dem Leben davon.

K. sagt, er habe in Notwehr gehandelt. Der im Bett liegende F. habe ihm damals mit dem Tod gedroht, wie er das in den Tagen davor schon öfters getan habe, und etwas habe in jener Nacht bei F. „gezuckt“ und sei „aufgeblitzt“, irgendetwas, an das er sich nicht mehr genau erinnern könne, was ihm aber furchtbar Angst gemacht habe. Da habe er zugeschlagen, um sein Leben zu retten. Mit der Brechstange, die stets in seinem Bett liege.

Mitangeklagt ist der versuchte Diebstahl einer Axt aus einem Baumarkt wenige Tage zuvor. Das hat strafmäßig kaum Gewicht, zeigt aber, wes Geistes Kind K. ist. Auf die Frage, was er mit der Axt gewollt habe, antwortet er: „Wenn ich ehrlich sein soll: Raubüberfälle“ – und das ist kein Anflug von Dialektik. Warum eine Axt? „Ja, ich hatte doch keine Pistole.“ Warum er keine Pistole gehabt habe? „Wenn ich ehrlich bin, möchte ich nicht in die Hölle kommen.“ Was er denn habe rauben wollen? „Hmmm… Rolex? Diamanten vielleicht?“

Der Auftritt von Jonas F. legt nahe, dass das, was in der Tatnacht möglicherweise gezuckt und gefunkelt und K. zutiefst verstört hatte, Verstand sein könnte. F. ist ein junger Mann, den Depressionen in das Wohnheim gespült hatten. Wenn er dort etwas habe totschlagen wollen, dann höchstens die Zeit bis zum Beginn seiner stationären Therapie. Im Wohnheim habe er „versucht, für mich zu bleiben. Das geht, die meisten sind freundlich, solange man mitspielt“. Es gebe dort zwei Gesprächsthemen: „Drogen und Kriminalität.“ Mit beidem habe er keine Erfahrungen, aber meist genüge es, wenn man so tue, als höre man zu. Einige Tage vor der Tatnacht aber habe er wirklich zugehört, als K. einem Mitbewohner in nackter Prosa seine Lebensplanung dargelegt habe: „Diamanten stehlen, fünf Jahre Knast, dann Rapper.“ Da habe er ein Lachen nicht unterdrücken können, vielleicht habe ihm K. das ja krumm genommen.

Ob die Schreckensnacht im Männerwohnheim Spuren bei ihm hinterlassen habe, will die Kammer wissen. „Ich verstehe jetzt, warum Menschen unter Brücken schlafen“, antwortet F. Sonst nichts? „Ich habe jetzt eine Titanplatte im Kopf“, sagt F., aber die mache ihm keine Probleme, „ich habe ganz andere, ernsthafte Probleme“, aber die gehe er jetzt an, in einer Klinik am Taunusrande, wo er mit Menschen lebe, deren Interessen breitgefächerter seien als die der Männerheimbewohner.

Als er damals in der Klinik erwacht sei, habe man ihm mitgeteilt, dass er die Therapie gegen seine Depressionen beginnen könne. F. wirkt wie einer, der der Hölle entronnen ist. „Muss ich bleiben?“, fragt er nach seiner Aussage. Muss er nicht. Er ist gerettet.

Aber Geltton K. ist noch nicht gerichtet. Der Prozess wird fortgesetzt.

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