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Viele Medikamente sind derzeit knapp

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Von: Mark Obert

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Frankfurt. 18.06.2022. „Summer in the City“ , Spaziergang durch die Stadt. Beginn bei 33 °C, am Ende sind es 38°C.
Frankfurt. 18.06.2022. „Summer in the City“ , Spaziergang durch die Stadt. Beginn bei 33 °C, am Ende sind es 38°C. © Renate Hoyer

Die Gründe sind unterbrochene Lieferketten, abwandernde Hersteller und extrem viele Erkältungskrankheiten.

Auch in Frankfurt ist es zurzeit fast unmöglich, einen Fiebersaft für Kinder zu erhalten. Die schmackhafte Medizin mit Ibuprofen oder Paracetamol und auch die neuerdings dünn gesäten Zäpfchen sind zum aktuellen Symbol für Engpässe bei einer Reihe von Medikamenten geworden, über die zuletzt in vielen Medien berichtet worden ist.

Die Misere und das Politikum dahinter sind nicht neu. Dramatischer Aufhänger für die gegenwärtige Debatte war zu Jahresbeginn der Mangel an Tamoxifen, einem Mittel für an Brustkrebs Erkrankte. Andreas Hermening, Apotheker am Dornbusch, wo viele ältere Menschen leben, kann wie viele Kolleg:innen zusätzlich eine lange Fehlliste aufzählen – mit dabei: Digitalis fürs Herz, der Krampflöser Busko-pan, Elektrolytlösungen gegen Durchfall – und eben Fiebersäfte.

Das Unverständnis der Kund:innen bekommen manche Apotheker:innen vehement zu spüren. Angebrüllt worden sei sie schon von Müttern, deren Kinder mit hoher Temperatur im Bett liegen, erzählt eine Apothekerin aus einem Stadtteil, in dem besonders viele junge Familien leben. „Für die Leute passt das nicht zusammen: reiches Land, kein Fiebersaft“, sagt die Fachfrau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie wolle unnötigen Ärger vermeiden.

Doch mit Lieferengpässen, wie viele Berichte suggerieren, hat der Mangel an Fiebersäften laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nichts zu tun. Während die Lieferung bei gut 250 Mitteln tatsächlich ins Stocken geraten ist, weil unter anderem Lieferketten aus fernen Produktionsländern unterbrochen wurden, verhält es sich bei der süßen Medizin für Jungen und Mädchen anders: Im ersten Halbjahr war die Nachfrage weit stärker als in den Jahren zuvor. Gemessen an den durchschnittlichen Absatzzahlen sei der Markt jedenfalls ausreichend bedient worden, sagt ein Sprecher des Bundesinstituts.

Hauptgrund für den gestiegenen Bedarf sind die ungewöhnlich vielen Erkältungserkrankungen, die zurzeit unter Kindern grassieren. Der Frankfurter Apothekerin aus dem kinderreichen Stadtteil ist aber auch aufgefallen, dass im Zuge der Spendenaufrufe für ukrainische Flüchtlinge viele Bürger medizinische Basisprodukte gekauft haben – wohl um sie an Bedürftige weiterzugeben.

Wann immer Medikamente in den Apotheken ausgehen, lässt sich das auf eine Vielzahl von miteinander verflochtenen Ursachen zurückführen. Neben der seit Corona politisch laut diskutierten Tatsache, dass es in Europa nur noch wenige Produktionsstätten gibt und überwiegend nach China und Indien ausgelagert wurde, haben sich viele Hersteller vom deutschen Markt zurückgezogen. Einfach, weil sich das Geschäft für sie nicht mehr lohne, sagt Holger Seyfarth, Vorstand des hessischen Apothekerverbandes.

Acht Apotheken betreibt er in Frankfurt, hat täglich mit etwa 2000 Kunden zu tun – und ständig erlebe er es, dass er auch Krebskranke, die auf ein bestimmtes morphinhaltiges Medikament eingestellt sind, vertrösten oder mit Zeitaufwand nach Alternativen suchen muss – in Absprache mit dem jeweiligen Arzt. Täglich seien seine Mitarbeiter:innen stundenlang damit beschäftigt, Engpässe zu kompensieren. Am Ende bleibt ein Risiko für den Patienten: Wird er die Alternative vertragen, drohen gar negative Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die er einnehmen muss?

Für Apotheker Seyfarth sind das alles sehr wohl auch Versorgungsengpässe. Für ihn steht fest: Medizin gehört zur Daseinsvorsorge. „Und darum hätte sich der Staat zu kümmern – und nicht die Krankenkassen.“

Im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte heißt es, von Versorgungsengpässen könne keine Rede sein. Von 100 000 Medikamenten auf dem Markt gebe es nur bei 250 Lieferengpässe, „kritisch“ sei die Lage aber nicht. Heißt: Für schwere Fälle sei immer ein alternatives Mittel da. Im Übrigen habe ein eigens installierter Beirat, in dem auch die Apothekerverbände sitzen, stets ein wachendes Auge auf die Lage und schlage notfalls Alarm, sagt der Behördensprecher.

Daran, dass aktuell nach Schätzung von Apotheker Seyfarth gut 500 000 Fiebersäfte fehlen, ändert kein Alarmsignal etwas. Die Apothekerin aus dem kinderreichen Stadtteil erwartet erst im Herbst die nächste Produktion. Hat ein fieberndes Kind ein Rezept, dürfen Apotheker einen Saft selbst herstellen. Das aber ist zeitaufwendig. „Ich habe dafür nicht das Personal“, betont die Apothekerin. Was tun? Ihr Tipp: „Nicht krank werden!“

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