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Soziale Bewegungen: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Der türkische Innenminister fordert, dass Eltern ihre protestierenden Kinder aus dem Gezi-Park abholen. Mütter bilden daraufhin eine Menschenkette um den Park.
Der türkische Innenminister fordert, dass Eltern ihre protestierenden Kinder aus dem Gezi-Park abholen. Mütter bilden daraufhin eine Menschenkette um den Park. © afp

Wandel ist möglich - im Gezi Park in Istanbul, am Vali Asr-Platz in Teheran oder am Herald Square in New York

Es konnte nicht die Lösung sein, dass sich nur die wehren, die nicht mehr anders können. Wir mussten es alle gemeinsam machen“, schreibt Anna Yeliz Schentke in ihrem Buch „Kangal“, das sie am dritten Tag Symposiums des utopischen Raums vorlas. Aber dann stellt sich die Frage: Wie können wir es gemeinsam tun? Was bringt viele Menschen auf einmal auf die Straße? Wie kommen Menschen aus unterschiedlichen politischen Spektren zusammen? Und was braucht es, damit sich wirklich etwas ändert?

Es war eine warme Mai-Nacht im Jahr 2013, als ein Dutzend Umweltaktivist:innen ihre Zelte auf dem Taksim-Platz in Istanbul aufbauten. Der Gezi-Park war der letzte Park im Stadtteil Beyoglu. Stattdessen sollte dort nun ein Einkaufszentrum gebaut werden. Die Polizist:innen schlugen die Aktivistinnen und Aktivisten und wollten sie aus dem Park rauswerfen: „Ein paar Plünderer“ (Capulcu) nannte sie der damalige Premierminister und heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan. Doch innerhalb weniger Tage wurden daraus Millionen von „Plünderern“, die auf die Straße gingen. Ein Symbolbild für die Demonstrationen war das Bild zweier Demonstranten, einer mit einer kurdischen Flagge und einer mit einer türkischen Flagge, die Hand in Hand vor der Polizei wegrannten. Ein Bild, das man sich in der Türkei in der Vergangenheit nie hatte vorstellen können. Wie kann es aber sein, dass Millionen für ein paar Bäume und für einen Park auf die Straße gehen? So viele verschiedene Menschen kommen zusammen.

Am Taksim Platz wird 2013 Vieles zerstört, auch Polizeiautos.
Am Taksim Platz wird 2013 Vieles zerstört, auch Polizeiautos. © Yagmur Ekim Cay

„Es geht nicht nur um den Gezi-Park, verstehst du das nicht? Komm raus!“, schrieb der heute im Exil lebende Schauspieler Memet Ali Alabora damals. Es ging um mehr als nur um den Park. Die Zerstörung des Parks stand symbolisch für Unterdrückung, für Faschismus und für Kapitalismus. Es waren nur die wenigen „Plünderer“ am Anfang, die die Aufmerksamkeit auf einen Park lenkten, der kurz vor der Gentrifizierung stand – was in einer so großen Stadt wie Istanbul heute fast zur Normalität gehört. Doch er wurde zu einem Symbol der Demokratie in der Türkei. Der 14-Jährige Berkin Elvan und mehrere junge Menschen starben bei den Demonstrationen, was nie vergessen werden wird und vergessen werden sollte. Heute steht der Gezi-Park immer noch und es wurde kein Einkaufszentrum gebaut. Er macht Erdogan auch heute noch Angst und vielen anderen Hoffnung, Hoffnung auf einen Wandel

Im Iran gehen seit Ende September Tausende von Menschen auf die Straße Der Grund geht auch hier über den Tod von Mahsa Amini hinaus, die von der iranischen Sittenpolizei zu Tode geprügelt wurde. „Jin, Jiyan, Azadi“ – Frauen. Leben, Freiheit rufen viele. Die Demonstrant:innen wollen, dass sich die Dinge im Iran ändern – und sie wollen, dass dies mit den Rechten der Frauen beginnt. Bislang ist bekannt, dass bei den Demonstrationen fast 100 Menschen ums Leben gekommen sind und Tausende verhaftet wurden. Auch in den USA standen 2013 mehrere Menschen auf, um gegen den Tod mehrerer Schwarzer Amerikaner:innen durch Polizeigewalt zu demonstrieren – sie lösten eine weltweite Bewegung aus: „Black Lives Matter“.

Auf der alten Berliner Mauer in Berlin steht ein Zitat: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“ Die Beispiele aus dem Iran, den USA oder der Türkei sind einige von sehr vielen, die das Gesicht der Welt verändern. die sich gegen Ungerechtigkeit wehren und vielen anderen Mut machen.

Die Autokratie und der Kapitalismus nehmen uns vieles weg: Manchmal ist es ein Haus, das für einen Luxusbau abgerissen werden soll, manchmal ein Baum, an dessen Stelle ein Einkaufszentrum gebaut werden soll, und manchmal unser Leben, weil wir uns nicht an deren Standards anpassen wollen. Uns kleinen Leuten bleibt, an unseren kleinen Orten kleine Dinge zu tun, um uns zu wehren. Aus „ein paar Plünderern“ werden oft schneller als gedacht Millionen.

„Was heißt denn Verbot?“, fragen die Demonstrierenden 2013.
„Was heißt denn Verbot?“, fragen die Demonstrierenden 2013. © Yagmur Ekim Cay

Vor dem Winter stellt sich eine wichtige Frage, die der türkische Exil-Journalist Can Dündar Ende September in Frankfurt stellte: „Auf der ganzen Welt sterben Menschen und gehen ins Gefängnis, weil sie die Demokratie verteidigen. Die Frage hier in Deutschland ist: Seid ihr bereit im Winter zu frieren, um die Demokratie zu verteidigen?“,

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