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Behinderte stoßen immer wieder auf schwer zu überwindende Hindernisse.

Interview

Behindertenbeauftragter: „Viele Hindernisse für Frankfurter Mieter“

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Der Behindertenbeauftragte Sören Schmidt fordert mehr barrierefreie Wohnungen in Frankfurt.

Sören Schmidt ist der Nachfolger von Friederike Schlegel, die jahrelang als Behindertenbeauftragte in Frankfurt für die Belange von Menschen mit Behinderungen einstand. Seit April hat der 47-Jährige das Amt inne und musste sich erst mal an die große Metropole gewöhnen. Die FR sprach mit Schmidt über seine Arbeitsschwerpunkte und darüber, was man in der Stadt noch verbessern kann.

Herr Schmidt, wie behindertenfreundlich ist Frankfurt?
Frankfurt ist in diesem Bereich eine offene Stadt, und viele Dinge sind schon sehr gut. Von der Barrierefreiheit im Straßenverkehr war ich positiv überrascht. Abgesenkte Bordsteine, taktile Leitsysteme für Blinde und auch barrierefreie Haltestellen sind vielerorts bereits vorhanden. Da wurde eine gute Vorarbeit geleistet. Es gibt aber natürlich immer noch etwas zu optimieren – egal ob auf der Straße oder in den Köpfen. Ich habe noch genügend Arbeit vor mir.

Welche konkreten Dinge könnte man verbessern?
Wünschen würde ich mir einen schnelleren Ausbau von barrierefreien Haltestellen, aber darauf habe ich keinen Einfluss. Ein weiterer Bereich ist der des Wohnens. Es gibt viele Fälle, in denen die Wohnungen älterer Menschen nicht barrierefrei sind und diese Menschen irgendwann nicht mehr zurechtkommen. Da haben wir noch sehr viel Arbeit mit den Wohnungsbaugesellschaften, um sie zu sensibilisieren, dass barrierefreie Wohnungen doch etwas bringen. Aber da sind wir auch im Bereich des Bewusstseins.

Was meinen Sie damit?
Mir liegt sehr viel an der Verbesserung des generellen Bewusstseins im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Es muss einfach selbstverständlich sein, dass sie inklusiv unter allen anderen in Frankfurt leben. Das betrifft alle Bereiche. Aber es fängt eben in den Köpfen an. Wird dort kein Bewusstsein geschaffen, ändert sich auch nichts. Dann erreichen wir vielleicht, dass die Kinder nicht mehr Schimpfworte wie zum Beispiel „Du bist ja behindert“ oder „Spasti“ gebrauchen. Die Bewusstseinsverbesserung soll ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein, hinzu kommt das Thema Wohnen. Dazu habe ich viele Anfragen, und es gibt häufig Beschwerden.

Was müsste sich in Frankfurt im Bereich Wohnungsbau und Barrierefreiheit denn explizit ändern?
Auf der einen Seite haben wir Neubauten, bei denen oftmals schon barrierefrei gedacht wird. Aber manchmal eben auch nur teilweise. Wohnungen oder Häuser später barrierefrei zu gestalten ist schwierig und vor allem teurer. Auf der anderen Seite haben wir Altbau, der heutzutage nachgerüstet werden muss. Ich höre oft von Fällen, bei denen gesagt wird, dass man die Wohnung barrierefrei umbauen könne, aber wenn die Mieter dann sterben oder ausziehen, müsse das Ganze wieder zurückgebaut werden. Das ist für mich nicht nachzuvollziehen. Ich versuche zu verdeutlichen, dass der nächste Mieter die Änderungen genauso nutzen kann, weil sie bequem sind. Barrierefreiheit nutzt jedem.

Mit welchen Themen wenden sich die Menschen noch an Sie?
Also, beim Bauen kommen, wie gesagt, die meisten Anfragen. Ansonsten sind die Themen vielfältig. Im Grunde geht es immer um Fälle, in denen jemand aufgrund seiner Behinderung einen Nachteil hat oder nicht inklusiv teilhaben kann. Es gab Anfragen von Eltern, die für ihr Kind einen Beförderungsdienst gesucht haben oder bei denen die aktuelle Beförderung nicht klappte. Ein neues Problem sind die E-Scooter. Die sehe ich kritisch für Menschen mit Behinderung. Bei der Umsetzung wurde nicht an behinderte Menschen gedacht, und jetzt ist es an manchen Stellen eben gefährlich. Die Scooter stehen oft auf dem Gehweg und stellen für blinde Menschen ein Hindernis dar, oder sie stehen vor einem Aufzug und blockieren dort den Weg.

Können Sie alle Probleme lösen, die an Sie herangetragen werden?
Es gibt Anfragen, die ich nicht lösen kann. Ich bin kein Allheilmittel. Gerade beim Wohnungsbau ist es sehr schwierig. Ich kann zwar mit dem Vermieter reden, aber wenn er sagt „Das machen wir nicht“, dann habe ich keine Handhabe. Es gibt aktuell noch keine Sanktionsmittel, die ich anwenden könnte. Auch die Bauaufsicht hat wenig Möglichkeiten zu sanktionieren, wenn beispielsweise in Neubauten zu wenige barrierefreie Wohnungen entstehen. Da ist auch die Landesgesetzgebung gefragt, damit die Bauaufsicht mehr Mittel hat, um genauer draufzugucken. Es braucht konkrete Gesetze dafür.

Was werden weitere Aufgaben in den nächsten Jahren sein?
Langfristig könnten wir einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erstellen. Der beinhaltet beispielsweise, welche Maßnahmen die Stadt ergreift, um die Inklusion und Teilhabe der Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten. Das betrifft Felder wie Arbeit, Freizeit, Schule und mehr. So ein Plan ist für eine Großstadt sehr wichtig, und es wird ein großes Projekt. Aber ich bin da generell zuversichtlich und stelle eine gute Prognose für die Zukunft Frankfurts.

Interview: Steven Micksch

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