Kultur

Viele Absagen für die Frankfurter Buchmesse

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Immer mehr Aussteller entscheiden sich gegen eine Teilnahme in Frankfurt. Das befeuert die Diskussion über den Sinn einer Ausstellung auf dem Messegelände.

Seit fast 40 Jahren arbeitet Verena Schaedel in der Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt, seit 2001 schon ist sie Geschäftsführerin des traditionsreichen literarischen Treffpunkts. Und noch länger besucht die studierte Germanistin die Frankfurter Buchmesse*. Nur in diesem Jahr wird sie dem Messegelände fernbleiben. Ja, sie plädiert im Zeichen der Corona-Pandemie sogar für einen radikalen Schritt: „Ich halte es für sinnvoll, die Buchmesse ausfallen zu lassen.“

In der Buchbranche in Deutschland, bei Verlagen, Buchhändlern, Antiquaren wird die Frage diskutiert: Ergibt es Sinn, ist es verantwortbar, trotz Corona vom 14. bis 18. Oktober ein physisches Branchentreffen in Frankfurt auszurichten und daran teilzunehmen? Fast alle namhaften deutschen Verlage haben die zweite Frage mittlerweile mit Nein beantwortet. Als eine der letzten sagte jetzt die Hanser-Verlagsgruppe in München ihren Stand ab. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und das endgültige Nein ist uns außerordentlich schwer gefallen“, erklärt Christina Knecht, die Sprecherin der Gruppe. Man werde versuchen, auf andere Weise die Autorinnen und Autoren von Hanser in Frankfurt „sichtbar zu machen“, so beim städtischen Lesefest „Open Books“.

Klaus Schöffling, der Eigner des gleichnamigen Frankfurter Verlages, hat den gebuchten Stand schon längst storniert. Er argumentiert zum einen mit der Sicherheit seines Teams und des Publikums. Zum anderen aber sagt er: „Es wird keiner kommen.“ Der Austausch in der Branche könne ohnehin nicht stattfinden. „Wir werden wahrscheinlich keinen kompletten Stand aufbauen“, sagt Joachim Unseld, der Chef der Frankfurter Verlagsanstalt. Er überlegt aber, sich an einem Gemeinschaftsstand der Kurt-Wolff-Stiftung zu beteiligen. Auch ein zweiter solcher Stand ist angekündigt: Suhrkamp, Aufbau, Klett-Cotta und Beck wollen sich zusammentun.

Planung nicht möglich

Die großen Verlagsgruppen Holtzbrinck, Random House und Bonnier mit Dutzenden von Marken haben bereits ihre Stände abgesagt. Joachim Unseld, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Buchkunst ist und früher die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Publikumsverlage führte, beschreibt die Lage in der Buchbranche so: „Wir fahren alle auf Sicht, wir können alle keine klare Planung machen.“ Unseld verteidigt Buchmessen-Direktor Juergen Boos, der versuche, in der schwierigen Situation die Nerven zu behalten. Der Verleger warnt aber davor, die Buchmesse mehr und mehr ins Internet zu verlagern: „Ein physisches Treffen der Branche in Frankfurt wird die wichtigste Sache bleiben.“

Hanns Dennerlein führt mit Klaus Meichsner zusammen seit Jahrzehnten die gleichnamige literarische Buchhandlung im Stadtteil Sachsenhausen. Auch er ist seit langem auf der Buchmesse präsent, auch, um Titel des modernen Antiquariats zu ordern. „In diesem Jahr werden wir nicht hingehen“, sagt er. „Buchmesse, das ist Tuchfühlung, das bedeutet sich Drücken und Kommunizieren auf engstem Raum, das entfällt alles.“ Viele Kollegen sähen das genauso. Auch die Händler für modernes Antiquariat hätten abgesagt.

Buchhändlerin Verena Schaedel schätzt, dass eine kleine physische Messe im Oktober für die Branche mehr Schaden anrichte als eine komplette Absage. „Das, was die Messe ausmacht, also Lesungen, Signierstunden, Begegnungen, wird es nicht geben.“ Sie bedauert das um so mehr, als dass das Buch die Krise bisher sehr gut überstanden habe: „Das Buch lebt!“ Und auch das Publikum halte der Karl-Marx-Buchhandlung die Treue.

Wolfgang Rüger ist einer der namhaftesten Antiquare im Rhein-Main-Gebiet. Bundesweit kennt man ihn insbesondere für seine signierten Erstausgaben. Seit Jahrzehnten besucht er die Buchmesse, um sich dort Neuerscheinungen signieren zu lassen. Diesmal wird er dem Messegelände fernbleiben. „Es werden dort keine Autorinnen und Autoren live auftreten, also macht das für mich keinen Sinn.“ Rüger stellt grundsätzlich eine Rumpf-Ausgabe des größten Branchentreffens der Welt infrage: „Was soll eine solche Veranstaltung leisten und für wen?“

Am 15. August kommt die Stunde der Wahrheit: Bis dahin können Aussteller ihre gebuchten Stände noch absagen, ohne dafür etwas zahlen zu müssen. Dann wird man wissen, was physisch von der Frankfurter Buchmesse 2020 bleibt.

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