Joschka Fischer ist kein großer Fan der Alten Oper.
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Joschka Fischer ist kein großer Fan der Alten Oper.

Römerbriefe

Vetter Neureich und die Alte Oper

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Weil die Frankfurter Buchmesse näher rückt, lesen wir ein wenig in schönen alten Ausgaben. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert: Da hast du ja wirklich einen ganzen Stapel alter Schwarten …

Göpfert: Nun, jetzt in der Corona-Hochphase ist doch die ideale Zeit zu lesen.

Leppert: Und außerdem steht die Buchmesse vor der Tür.

Göpfert: Und aus alten Büchern kann man auch was lernen.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Deshalb wollen wir uns heute Zeit nehmen, in alten Büchern zu blättern und unseren Gedanken nachzuhängen. Hier zum Beispiel, ein schmaler Band, ganz in Schwarz. Es geht um das Frankfurter Nordend. „Da die Mieten für gewerbliche Räume in den letzten Jahren teilweise um das Vierfache hochgeschnellt sind, werden alteingesessene Geschäfte und sogenannte Tante-Emma-Läden zunehmend von Boutiquen, Sonnen- und Hairstyling-Studios, vor allem aber von gastronomischen Betrieben verdrängt.“

So ist es, genau das spielt sich gerade ab. Also doch ein neues Buch. Moment mal. Das stammt aus dem Jahr 1997, „Frankfurter Aufklärung. Politische Kulturen einer Stadt“. Und hier gleich noch ein alarmierender Text. „Unsere großen Städte sind in Gefahr … Die Stadtgesellschaft driftet auseinander. Die Armen werden immer mehr, aber auch die Wohlhabenden und Reichen. Der Wohnungsmarkt ist zum Vermietermarkt geworden, die Mieten steigen weiter.“ Verfasst vom Frankfurter Oberbürgermeister. Ja, das ist er, unser Peter, der Feldmann, der Vorkämpfer für die … Moment mal. Das ist von 1994, „Rettet unsere Städte jetzt! Das Manifest der Oberbürgermeister“, geschrieben von Andreas von Schoeler, Georg Kronawitter und anderen.

So was Verrücktes. Also hat sich in Frankfurt gar nichts geändert. Na ja, manche Sichtweise ist etwas in die Jahre gekommen. Zum Beispiel hier, in diesem Band von rororo aktuell, ein Blick auf die Alte Oper. „Eine mühselig erhaltene Fassade, Erinnerung an die kriegerische Katastrophe des deutschen Konservatismus, vollgestopft mit knirschender technischer Moderne, einem Innenleben aus Elektronik, Plastik und Beton, dies alles reicht gerade für ein kulturelles Warenhaus, in dem Vetter Neureich seine Damen mit ‚Kultur‘ traktiert.“ Wer hat das geschrieben, ach ja: der junge Joschka Fischer, 1984 in seinem Buch „Von grüner Kraft und Herrlichkeit“.

FR-Autor Claus-Jürgen Göpfert.
FR-Autor Georg Leppert.

Gut, seitdem hat sich Joschka sicherlich mit unserem schönen Konzerthaus versöhnt. Natürlich verändern sich die Einschätzungen. Man sieht das auch an der Frankfurter Buchmesse. Geradezu schräg diese Diskussion heute über drohende Digitalisierung und den angeblichen Verlust an Lesekultur. Da hilft ein Blick in dieses schön gestaltete Buch mit dem poetischen Titel „Das Zimmer der verlorenen Freunde“. Ein Auszug: „1993/94 hatten wir einen Bereich ‚Frankfurt goes electronic‘ offiziell in die Frankfurter Buchmesse aufgenommen.“ Und weiter: „Wir hatten dabei allerdings übersehen, dass diese Revolution einen Virus beinhaltete, der in Windeseile das gesamte Kommunikationswesen, schließlich auch die Menschen, deren Hirne und Herzen besetzte und diejenigen, die sich besonders auf die neuen Medien einließen, zu ‚digitale natives‘ machte, die von den Außenstehenden kaum mehr erreicht werden konnten, weil sie, der neuen Technologie verfallen oder von digitalen Viren verseucht, schließlich vielfach in autistischer Einsamkeit versanken.“

Das schreibt Peter Weidhaas, der Direktor der Frankfurter Buchmesse von 1975 bis 2000, in seinen Erinnerungen. Was für eine überzogene Horrorvision! Zum Glück ist ja alles ganz anders gekommen.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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