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Der Familienvater bangt um sein zu Hause im Frankfurter Nordend.
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Der Familienvater bangt um sein zu Hause im Frankfurter Nordend.

Frankfurt

Verzweifelte Suche nach einer Wohnung

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Nach einem verlorenen Rechtsstreit gegen die Frankfurter Wohnbau Gesellschaft ABG steht einer sechsköpfigen Familie nun die Räumung bevor.

In nur vier Wochen droht einer sechsköpfigen Familie aus Frankfurt die Wohnungslosigkeit. Der Fall hat eine lange Vorgeschichte, der Kündigung geht ein verlorener Rechtsstreit gegen die Frankfurter Wohnbau Gesellschaft ABG voran. Es geht um Schimmel in der Wohnung, für dessen Entstehung sich die Familie nicht verantwortlich fühlt. Weil das Gericht anders entschieden hat, steht der Familie Ende Juni eine Räumung bevor. Sie glauben nicht, dass sie ein neues Zuhause finden werden.

Der ganze Ärger für die Taouils begann im Februar 2011, als der heute 54-jährige Mimoun Taouil und seine Familie eine Vier-Zimmerwohnung in einer Seitenstraße der Eschersheimer Landstraße in der Nähe des Hauptfriedhofs bezogen. Dort ist seither ihr Zuhause. Nach dem Einzug hätte die Familie die Wohnung auf eigene Kosten renoviert, möbliert und nahezu ihre „gesamten Ersparnisse“ investiert, sagt Taouil. Doch mit dem Einzug begann für die Familie ein langer Kampf, der jetzt mit dem schlechtesten Ausgang enden könnte.

Schon beim Einzug in die Sozialwohnung im Nordend seien ihnen in der Küche kleinere Stellen aufgefallen, die von schwarzem Schimmel befallen waren – im darauffolgenden Winter sei dieser dann „explodiert“. Schon 2013 hatte Mimoun Taouil sich damit verzweifelt an die Frankfurter Rundschau gewendet, die über ihren Fall berichtete.

Als der Schimmel mehr wurde, hat der Familienvater einen Rechtsstreit begonnen. Aus seiner Sicht haben er und seine Familie die Schimmelbildung nicht durch Fehlverhalten wie falsches Lüften vorangetrieben. Auch Nachbar:innen im gleichen Haus beklagten Schimmelbefall in ihrer Wohnung. Sie hätten Taouil damals schriftlich zugesagt, im Falle eines Gerichtsprozesses auszusagen – doch im Prozess sind sie als Zeugen nicht angehört worden.

Der Schimmel sei „vom ersten Gutachter eindeutig auf die Bausubstanz des Hauses zurückgeführt“ worden, sagt Taouil. Dessen Einschätzung sei im Prozess aber nicht berücksichtigt worden. Der zweite Gutachter entschied anders. Auch die gesammelten Beweise, dass der Schimmel dort entstand, wo eine Hausmauer anfangs noch nicht gedämmt war, wurden laut Taouil nicht für die Urteilsbildung herangezogen. Deshalb hält der die Beurteilung für falsch. Aufgrund des schwarzen Schimmels, der Allergien, Asthma und Atemwegserkrankungen begünstigt, seien Teile der Wohnung kaum bewohnbar gewesen, schildert er.

Dass die Familie, trotz des verlorenen Prozesses, die Wohnung jetzt verlassen muss, empfindet Taouil als ungerecht. Sie seien keine schlechten Mieter, hätten die Miete immer pünktlich bezahlt, beteuert der 54-Jährige.

„Besonders für unsere vier Kinder, die zwischen 9 und 16 Jahre alt sind, ist diese Wohn- und Lebenssituation seit Jahren extrem belastend“, sagt er. Sie besuchen eine Schule in der Nähe, pflegen in der Umgebung soziale Kontakte – und seit Jahren steht im Raum: Es könnte jederzeit so weit sei, dass sie ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen. Jetzt ist es so weit.

Ein geringes Einkommen, vier Kinder und eine krankheitsbedingte Schwerbehinderung des Vaters machen die Wohnungssuche fast aussichtslos – und das Familienleben zu einer belastenden und bedrückenden Situation. Seit vergangenem Oktober wissen die sechs, dass die ihr Zuhause nahe des Hauptfriedhofs verlassen werden müssen. Nur wo ein neues Zuhause sein könnte, wissen sie nicht.

In einem Aufruf setzt sich nun die Frankfurter Linke für die Familie aus dem Nordend ein. „Die Familie wird auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt und auch in der Umgebung keine Chance haben eine neue Wohnung zu finden“, sagt Eyup Yilmaz, wohnungspolitischer Sprecher der der Linken im Römer. Sie müssten „ab Juli sehen, wo sie bleiben, obwohl sie nach eigenem Bekunden alle Rückstände beglichen haben.“ Er kritisiert: „Immer wieder wurde von der Stadt und der ABG zugesichert, dass in der Pandemie keine Zwangsräumungen erfolgen.“

Der Vermieter, die städtische Wohnbaugesellschaft ABG, sieht sich in seinem Handeln im Recht. Der ABG Holding gehören in Frankfurt rund 53000 Wohnungen, sie ist damit Vermieter von knapp einem Viertel aller Bewohner Frankfurts.

Der ABG-Chef Frank Junker argumentiert bei der Kündigung mit dem Gerichtsurteil des Bundesgerichtshofs, dem obersten Gericht in Deutschland. „Der Mieter hat die Wohnung total verschimmeln lassen“, sagt Junker auf Nachfrage der FR. Das Gericht habe „nach einem Jahre währenden Rechtsstreit“ entschieden, dass die Schimmelbildung auf das „Fehlverhalten des Mieters“ zurückzuführen ist. Die Kündigung sei demnach ein „normaler Vorgang“, der Fall sei zugunsten der ABG „rechtskräftig entschieden“ worden.

Dass die ursprünglich für Januar angesetzte Räumung noch einmal bis Juni aufgeschoben wurde, ist für Junker Entgegenkommen genug. „In der Wohnung sind große Bauschäden entstanden, die wir umfangreich renovieren müssen“, sagt er. Die Kündigung der sechsköpfigen Familie sei mit den Vorgaben der Sozialbehörden vereinbar. Die Stadt Frankfurt habe der Familie eine Ersatzwohnung zugewiesen.

Diese Art von Unterbringung hält Linken-Politiker Yilmaz für nicht ausreichend. Eine „hotelähnliche Unterkunft, wie sie auch viele andere „sozioökonomisch benachteiligte Menschen“ erhalten, sei „den Belangen einer Familie nicht angemessen“. Das „trete das Recht von Kindern nach einem behütenden Zuhause mit Füßen“, findet er. Es sei ein Skandal für eine Stadt, die Kinderrechte großschreibt, Familien in Zimmern ohne Küche oder Kinderzimmer unterzubringen.

Er schlägt stattdessen vor, sich an Städten wie Düsseldorf oder Berlin zu orientieren, die das Modell „Housing First“ erproben, in denen Menschen ohne jede Auflage in eine eigene, langfristig gesicherte Wohnung einziehen können. Zwangsräumungen aufgrund von Mietrückständen, Zwangsumzüge aufgrund von Hartz IV und Zwangsräumungen in die Wohnungslosigkeit, sollten verboten werden, findet Yilmaz.

Den Taouils aus dem Nordend läuft die Zeit davon. Die Sorge, keine neue Wohnung zu finden ist – berechtigt – groß. Man gelte durch „die Urteile für weitere potenzielle Vermieter als vorbelastet“ und die finanziellen Mittel sind extrem gering. Die ABG, die in Frankfurt viele Sozialwohnungen besitzt, hat den Taouils gegenüber deutlich gemacht: in eine ihrer Wohnungen wird die Familie nicht mehr ziehen können.

Das Wohnungsamt habe ihnen trotz der Dringlichkeit wegen des Schimmelbefalls bisher auch keine neue Sozialwohnung angeboten, obwohl man sich darum seit sechs Jahren bemühe, sagt Mimoun Taouil. Die Behörde habe die gesundheitliche Beeinträchtigung durch den Schimmelbefall nicht als Grund anerkannt und Folgeschäden bei der ganzen Familie scheinen für sie „hinnehmbar“ zu sein, zeigt sich der Familienvater enttäuscht.

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