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Seit 1418 wurde der Peterskirchplatz als erster Friedhof der Stadt genutzt. Jetzt, nach Beendigung der Sanierung, ist er ein heiterer Park mit bemoosten „Denkmahlen der Liebe“.

Peterskirchplatz

„Verwandelt ist das alte Feld der Todten“

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Der Peterskirchplatz, Frankfurts ältester Friedhof, präsentiert sich im sanierten Gewande.

An diesem Flecken haben sich schon die größten Geister abgearbeitet. Etwa der dichtende und volkstümelnde Politiker Wilhelm Jordan: „Das Leben wies mit siegenden Geboten / Den Friedhof in des Weichbilds ferne Mark; / Verwandelt ist das alte Feld der Todten. / Es liegt im Ring der Stadt als heitrer Park.“ (1862) Oder auch der Frankfurter Magistrat: „Die Sanierung des Peterskirchhofs und der Peterskirche ist ein komplexes, auf Jahre angelegtes, vier Dezernate übergreifendes städtisches Gesamtprojekt“, das war im Jahr 2015.

Und irgendwie haben beide recht. Seit dem gestrigen Donnerstag darf man die seit 2016 andauernde Restaurierung der Epitaphien sowie die im April 2017 begonnene Grunderneuerung der Grünanlage zumindest offiziell als abgeschlossen betrachten. Das legt das gemeinsame dezernatsübergreifende Erscheinen von Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und Finanz- und Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) nahe, die um 11.30 Uhr feierlich das nur wenige Minuten zuvor verhüllte neue Parkschild am Eingang enthüllen, auf dem so manches über Frankfurts (und sogar Deutschlands) ältesten halbwegs erhaltenen Christengottesacker zu lesen ist. Die drei aus der Politik wären wohl die Prominentesten, die an diesem nassen, kalten Morgen den Weg in den neuen, heitren Park im Ring der Stadt gefunden haben. Wenn da nicht die Toten wären.

Hier zwischen Bleichstraße und Stephanstraße ruht so ziemlich alles, was in Frankfurt Rang und Namen hatte: der Buchdrucker Christian Egenolf, der liebe Freund und Kupferstecher Matthäus Merian der Jüngere, der Banker Simon Moritz von Bethmann, der Kunstinstitutsgründer Johann Friedrich Städel. Das „Grabmahl der Familie Nestle“ ist der steinerne Beweis dafür, dass der in die Schweiz ausgewanderte Apotheker und Glasermeistersohn Heinrich Nestle erst 1839 seinem Nachnamen den Parvenü-Akzent hinzufügte, der heute noch das Nestlé-Firmenlogo verschandelt. Am prominentesten aber ist eine Dame, die gar nicht mehr auf dem heute etwas geschrumpften Friedhofspark liegt, sondern deren letzte Ruhestätte sich heute auf dem Pausenhof der benachbarten Liebfrauenschule befindet. Wenn er an diese Dame denkt, ist selbst der Dichter Wilhelm Jordan um seinen Schlaf gebracht: „Des neuen Tages helle Morgenröthe / Ist unserm Volk einst siegend aufgegangen / Aus diesem Staub. Hier ruht die Mutter Goethe.“ Ein paar Meter weiter ruht übrigens auch der Vater Goethe, aber das ist Jordan nicht eine Zeile wert.

In der Tat findet man die Grabstätte Johann Caspar Goethes ebenfalls abseits der Friedhofsmauer, im Familiengrab der Familie Walther, Vorfahren mütterlicherseits. Goethes Mutter Catharina Elisabeth, geborene Textor, ruht hingegen im Familiengrab der Textors. Warum sich die Dichterfürsteneltern für getrennte Ruhestätten entschieden haben, ist nicht überliefert, Experten vermuten aber, das liege an den bei Frankfurter Patriziern üblichen starken Familienbanden sowie an den weit auseinanderliegenden Todesjahren (er 1782, sie 1808). Vielleicht wollte der alte Goethe in einem Anflug von Weitsicht auch einfach nur seine Ruhe haben und nicht auf einem Schulhof enden.

Der jetzt restaurierte Peterskirchhof hat eine lange Geschichte. Seit 1418 wurde er als erster Friedhof der Stadt – damals noch vor deren Toren – genutzt. Zuvor waren die toten Frankfurter vornehmlich rund um den Dom oder in den Kirchen der Stadt bestattet worden.

Mit der Stadt wuchs auch der Friedhof, der seine Blütezeit wohl in den sogenannten Pestjahren erlebte: Allein 1636 starben in Frankfurt 6943 Menschen an der Seuche, was angesichts einer Stadtbevölkerung von 10 000 apokalyptisch klingt, sich aber dadurch relativiert, dass damals viele Menschen vor dem Dreißigjährigen Krieg aus dem Umland in die Stadt geflüchtet waren. Östlich des Friedhofs, auf dem heutigen Klapperfeld, wurde ein Pestilenzhaus als Quarantänespital errichtet – seinen Namen verdankt das Areal den damaligen Erkrankten, denen es vorgeschrieben war, die Gesunden durch lautes Rasseln vor sich selbst zu warnen.

Nach der Reformation diente der Friedhof ausschließlich als protestantische Grabstätte – für die Handvoll Katholiken reichten der alte Domfriedhof und die Gräber in den Kirchen locker aus, während die Juden einen Friedhof an der Judengasse bekamen. Aber irgendwann geht alles einmal zu Ende: Der Peterskirchhof wurde zu klein, am 30. Juni 1828 wurde Elisabeth Mauer als letzte Tote auf dem alten Friedhof beigesetzt – und im selben Jahr der Hauptfriedhof, damals noch vor den Toren der Stadt, eröffnet.

Von Totenruhe konnte fortan keine Rede mehr sein – die Straßendurchbrüche der Stephanstraße und der Bleichstraße, der Neubau der Peterskirche und der Liebfrauenschule ließen das Friedhofsgelände deutlich schrumpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Areal als Trümmerdeponie und erfreute sich anschließend vor allem bei Obdachlosen und Junkies enormer Beliebtheit – bei der Sanierung stießen die Arbeiter zumindest auf ein ganzes Sediment weggeworfener Spritzen.

Die Zeiten sind vorbei. Der frischsanierte Peterskirchplatz ist kein zweiter Pariser Père Lachaise geworden, das konnte er auch gar nicht, aber ein wunderschönes, aufgeräumtes Fleckchen Frankfurt und ein Fundort für alle, die gerne den Geschichten alter Grabsteine lauschen. Wie etwa der auf dem „Denkmahl der Liebe“, das ein trauernder Witwer und Nürnberger Kaufmann für seine Frau errichten ließ, die in jungen Jahren 1816 auf dem Weg zur Frankfurter Herbstmesse völlig unerwartet gestorben war und vier Kinder hinterlassen hatte, die weinend auf dem Grabstein zu sehen sind. Traurig, aber schön.

Der neue Friedhof ist „nicht als Barriere, sondern als Einladung für alle“ gedacht, sagt Uwe Becker. Während er das sagt, bleiben einige Spaziergänger stehen und lauschen, ein Obdachloser erhebt sich von seinem Nachtlager auf der Parkbank und wirft einen sehnsuchtsvollen Blick auf die für die Journalisten bereitgestellten Brezeln, und dass auf dem benachbarten Schulhof der Pausengong ertönt und die Schüler unbeleckt von der Historie um das Grab von Mama Goethe herumtoben, auch das passt irgendwie wie der Faust aufs Gretchen.

Schön ist er geworden, der Peterskirchplatz, und man kann zudem heilfroh sein, dass es letztendlich dann doch nicht so knüppeldicke kam, wie Wilhelm Jordan, der Frau Goethe wohl mit der Heiligen Jungfrau verwechselte, einst prophezeite: „Daß durch des Regens Zahn und Moosgeflecht / Nicht endlich doch selbst harter Stein zerfalle; / Daß man das Grab der Mutter Goethe finde / Und immer noch zur deutschen Kaba walle / Ob ein Jahrtausend auch vorüber schwinde.“

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