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Abiturient Gabriel Hanika geht mit gemischten Gefühlen in die Prüfungen. peter jülich
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Abiturient Gabriel Hanika geht mit gemischten Gefühlen in die Prüfungen. peter jülich

PORTRÄT

Verunsichert ins Abitur

  • Sandra Busch
    VonSandra Busch
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Gabriel Hanika hat die ersten Abiturprüfungen diese Woche und fühlt sich in der Corona-Zeit nicht gut darauf vorbereitet.

Am Mittwoch hat er seine erste Prüfung. Chemie. Leistungskurs. Am Donnerstag geht es mit Geschichte-Leistung gleich weiter. Doch gut vorbereitet fühlt sich Gabriel Hanika auf das Abitur nicht. Ihm fehlt etwa der Unterricht aus dem ersten Lockdown vor einem Jahr. Als die Schulen komplett geschlossen waren. „Da hatten wir in Geschichte Nationalsozialismus und Deutsches Reich“, sagt der 18-Jährige. „Diese Themen sitzen nun einfach nicht.“ Auch später habe Unterricht in der Regel nur aus Zuhören und Arbeitsaufträgen bestanden, sagt er. „Gruppenarbeiten, Museumsbesuche – alles ist weggefallen, wodurch sich normalerweise Verknüpfungen zu Themen ergeben.“ Und weil er sich schlecht vorbereitet fühle, „macht das nun ein bisschen Angst vorm Abi“.

In dieser Woche beginnen die Prüfungen für rund 23 500 Schülerinnen und Schüler in Hessen. Klar hat Hanika gelernt. „Aber es ist eine schwierige Zeit“, sagt der Schüler der Frankfurter Elisabethenschule. Mit Lerngruppen kann sich niemand treffen, „und Facetime ist auch nicht das Wahre. Das Lernen ist einsam geworden.“ Die vergangenen zwei Wochen war er in Quarantäne wegen Kontakt zu einer positiv getesteten Person. An diesem Tag ist er das erste Mal wieder draußen. Im Holzhausenpark neben seiner Schule. „Es fehlt allen der soziale Ausgleich. Und das seit einem Jahr.“ Da müsse man sich nicht wundern, wenn sich 100 Jugendliche im Günthersburgpark träfen. „Man muss ja mal raus. Jugend besteht daraus, sich zu sozialisieren.“

Hanika redet viel. „Und gerne“, sagt er und lacht. Er will mal Politik machen und „was bewegen“. In der Corona-Zeit merke man, dass Politik realitätsfern agiere. Die Akteure in der Bildungspolitik etwa seien „weit entfernt vom Schulalltag. Die waren seit Jahren nicht mehr in einer Schule und kennen nur Overheadprojektoren“. Nach einem Jahr Pandemie „hat in Frankfurt nur eine Handvoll Schulen WLAN“. Schüler:innen ohne Internet zu Hause hätten nun WLAN-Sticks erhalten. „Was haben die denn aber das ganze Jahr über gemacht?“

Hanika ist im Vorstand des Stadtschüler:innenrats (SSR) aktiv. Seit der siebten Klasse arbeitet er in Schüler:innenvertretungen mit. „Dadurch wurde ich politisiert“, sagt er. Mit 15 dachte er sich, dass „eine Parteimitgliedschaft ganz cool wäre“. Er machte sich auf die Suche, landete bei den Jusos. Dort fand er die sozial-, bildungs- und umweltpolitische Themensetzung gut. „Und ich hab‘ große Sympathien für Schmidt und Brandt.“ Bisher hat er aber bei den Jusos nicht viel mitgearbeitet. Zu viel zu tun im SSR. „Ich will das auch trennen, denn im SSR vertrete ich alle Schülerinnen und Schüler, nicht eine Partei.“ Wie das Abitur nun unter Corona-Bedingungen konkret ablaufen wird – „ich weiß es nicht genau“, sagt Hanika. „Das verunsichert auch alle.“ Wenn mit Maske geschrieben werde, sei mehr Zeit für die Prüfungen eingeräumt worden, damit Maskenpausen einlegt werden könnten. Anderseits gibt es die freiwilligen Selbsttests. Wer negativ ist, darf auch ohne Maske schreiben. Stundenlange Prüfung ohne Maskenschutz findet Hanika aber problematisch, Mitschüler:innen könnten auch danach positiv getestet werden, dann müssten alle in Quarantäne und das Abitur sei für diejenigen vorbei. „Wir werden hoffentlich Masken tragen“, sagt er und zuckt dann mit den Schultern. „Aber ich hab‘ keine Ahnung, ich werde am Mittwoch in die Schule gehen und dann sehen, wie es abläuft.“

Für Hanika hätte die Politik bessere Konzepte für die Abiturprüfungen ausarbeiten können. „Warum keine Plexiglasscheiben? Warum machen nicht alle 48 Stunden vor der Prüfung einen PCR-Test?“, fragt er sich. Da könne man sich im Gegensatz zu den Selbsttests beim Ergebnis sicher sein. „Was ist, wenn ich einen falsch-positiven Selbsttest habe? Dann kann ich auch mein Abitur nicht schreiben.“

Hanika ist in Brasilien geboren. In Rio der Janeiro. Bis er in die Schule kam, lebte er vorwiegend in Südamerika, dann war er nur noch in den Ferien da. „Es ist meine zweite Heimat“, sagt er. Die Eltern sind beide Ärzte, die Mutter arbeitet zeitweise immer wieder in Brasilien. Er komme aus einer Ärztefamilie, sagt er. Aber ein Medizinstudium sei nichts für ihn. Er hat sich für Jura entschieden – will ja vor allem mal in die Politik. Ziel: „Am besten schnell in den Landtag“, sagt er.

Doch erst einmal muss das Abitur nun gemacht werden. Danach will er eigentlich vor dem Studium noch einmal weg. „Zwischen Abitur und Studium hat man Zeit, kann ein bisschen was von der Welt sehen.“ Doch die Welt in Corona-Zeiten ist klein geworden. „Vielleicht kann ich ja in den Harz fahren“, sagt er ein wenig frustriert. Italien oder so wäre ihm lieber gewesen. „Diese Zeit wird uns schon genommen – es sind Jahre, die wir nicht wiederkriegen.“

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